Gott, die Mutter – meine Sicht auf Rückanbindung/Religio(n)

Steffanie Müller

Le Pic du Midi d’Ossau. Der Berg sym­bo­li­siert im Béarn einen Bären. (Bild: Susan-Bar­ba­ra Elbe)

Nach­dem nun, nach der Ver­öf­fent­li­chung der Herstory/​History Sei­te, wenn auch mil­der als erwar­tet, die Dif­fe­ren­zen zwi­schen ver­schie­de­nen matrifo­ka­li­täts­for­schen­den Grup­pen auf­tre­ten, möch­te ich mei­ne Posi­ti­on ein­mal für mich und für ande­re schrift­lich erar­bei­ten.

Zuerst muss­te ich her­aus­fin­den, was über­haupt pas­siert, wor­an die Dif­fe­ren­zen sich ent­zün­den. Dabei hat mein Sohn mir gehol­fen, der direkt auf die­sel­ben Punk­te ziel­te. Dort scheint also das Poten­ti­al der Miss­ver­ständ­nis­se zu sit­zen. Ihm habe ich emp­foh­len, erst ein­mal die kom­plet­te Web­site durch­zu­le­sen (die ja schon Kon­zen­trat aus viel mehr Mate­ri­al und Infor­ma­tio­nen dar­stellt), um dann von dem Wis­sens­stand aus wei­ter­zu­dis­ku­tie­ren. Vor­der­grün­dig ging es um die Dis­kre­panz Matriarchat/​Matrifokalität und die Fra­ge, ob es denn mit „Frau­en an der Macht“, die sich so benäh­men wie die Män­ner jetzt, „bes­ser“ sei. Das sind Punk­te, sie sich allein über Infor­ma­ti­on klä­ren las­sen.

Es war aller­dings noch mehr dar­an: Aus „der Gott“ nun „Gott, die Mut­ter“ zu machen, sag­te mein Sohn, sei ja nur das Erset­zen des einen (Übels oder Irr­tums) durch das ande­re. Wo ist da der Hebel­punkt? War­um ist für mich und für vie­le ande­re direkt son­nen­klar, dass es das nicht ist, noch nicht ein­mal ähn­lich, wäh­rend es für ande­re eine Art neue Bedro­hung nur in einer ande­ren Far­be oder Geschmacks­rich­tung dar­stellt? Für mich ist Reli­gi­on im Sin­ne von Macht­kon­struk­ti­on-Theo­lo­gie ein rotes Tuch. Ich haf­te aber weder an dem Begriff „Reli­gi­on“ noch an dem Begriff „Gott“ mit nega­ti­ven Beset­zun­gen, das habe ich schon vor lan­ger Zeit in ganz ande­ren Zusam­men­hän­gen bear­bei­ten und bei­sei­te­le­gen kön­nen, zum Glück, da es für mich extrem trau­ma­tisch besetz­te Begrif­fe waren. Ich weiß auch (und nei­ge manch­mal selbst dazu), wie leicht es ist, intel­lek­tua­li­sie­rend und sich an Wor­ten auf­hän­gend und ent­lang­han­gelnd, eine Dis­kus­si­on, die auf tie­fe­rer, wert­schät­zen­der Ebe­ne geführt gehört, die auch ver­ba­le und sons­ti­ge Unter­schie­de und Unschär­fen ver­zeiht, auf ein ande­res Gleis zu bug­sie­ren. Das kann Spaß machen und nach einem Spiel mit Gewin­ne­rin­nen aus­se­hen, ver­hin­dert aber die wirk­li­che, inti­me Annä­he­rung anein­an­der und an das The­ma. Wor­te sind wirk­lich oft nur Weg­wei­ser und wer­den immer mit unter­schied­li­chen Defi­ni­tio­nen, die uns manch­mal selbst nicht klar sind, son­dern zum gro­ßen Teil gefühlt wer­den, ver­wen­det. Es kos­tet Über­win­dung, sich davon zu befrei­en und ein­an­der zuzu­ge­ste­hen, die Begrif­fe erst ein­mal als frei im Raum schwe­bend, als gewis­ser­ma­ßen aus dem übli­chen Ver­wen­dungs­zweck und Kon­text los­ge­löst zu betrach­ten. Es erfor­dert auch die Bereit­schaft, bei Begrif­fen, die uns trig­gern (und gera­de das Wort­feld rund um „Gott“ ist voll davon) inne­zu­hal­ten, noch­mal zu atmen, nach­zu­fra­gen und auch da den wert­neu­tra­len Ansatz bei­zu­be­hal­ten: Das Wort, egal wie schlimm es emp­fun­den wird, als Instru­ment in einem Ent­wick­lungs­pro­zess zu sehen und zu benut­zen, es nicht als gegen uns gerich­te­te Waf­fe oder Spit­ze zu bewer­ten.

Ich soll­te noch vor­an­stel­len, dass (obwohl ich Spra­che und prä­zi­se Aus­drucks­wei­se lie­be) mir Begrif­fe kein Dog­ma sind. Gott und Göt­tin grenzt sich für mich nicht der­ma­ßen scharf ab, dass ich den­ke, es sei ein Pro­blem, an dem wir hän­gen­blei­ben soll­ten. Zumin­dest nicht in die­sen wesent­li­chen Anfän­gen und Ent­wick­lungs­schrit­ten, gewis­ser­ma­ßen ein Pro­blem für spä­ter, wenn die Grund­la­gen geklärt sind. Ich per­sön­lich emp­fin­de es pas­send und fol­ge­rich­tig, dass nicht dem Gott (also dem männ­li­chen, dem, den wir auf­ge­drückt bekom­men hat­ten, sei es als Glau­bens­zwang oder als irgend­ein Kul­tur­gut) die Göt­tin (also ein aus ihm abge­lei­te­ter Zusatz) gegen­über- oder zur Sei­te gestellt wird, son­dern dass „Gott“ als das von Men­schen emp­fun­de­ne Prin­zip eben von Grund auf Mut­ter ist.

Ande­rer­seits stört es mich nicht, wenn einer das Wort Göt­tin lie­ber ist und sie dies als ursprüng­lich emp­fin­den kann, ohne sich von der Ablei­tung von „der Gott“ stö­ren zu las­sen, viel­leicht kann ein „Grüß Göt­tin“ auch bei man­chen zum ers­ten Denk­pro­zess füh­ren. Eben­so habe ich, da bin ich mir mit Lui­sa Fran­cia sehr einig, kei­ner­lei Pro­ble­me damit, die ver­schie­de­nen Göt­tin­nen aus allen mög­li­chen Zei­ten und Kul­tu­ren als einen viel­fäl­ti­gen Strauß der Aspek­te und Mög­lich­kei­ten zu betrach­ten, zu rufen und auch Kon­takt mit ihnen, mit die­sen Aspek­ten und den Bil­dern und Eigen­schaf­ten, die ich mit ihnen ver­bin­de und die mir hilf­reich sein kön­nen, zu knüp­fen. Da sind mir Göt­tin­nen, Hel­fer­we­sen, Hel­fer­tie­re, Ele­men­te, Him­mels­rich­tun­gen, Far­ben, Klän­ge und vie­les mehr gleich­wer­tig und Hil­fe in mei­nem mensch­li­chen Ver­ste­hen und mei­nen mensch­li­chen Bedürf­nis­sen.

Eines der mensch­li­chen Bedürf­nis­se ist das, sich ein Gegen­über zu schaf­fen. Des­halb funk­tio­nie­ren Tran­ce- und Traum­rei­sen so gut, in denen Hel­fe­rin­nen erschei­nen. Wir reden ger­ne mit ande­ren, ob mate­ri­ell oder auf ande­ren Ebe­nen. Viel­leicht glau­ben wir uns nicht so ein­fach, dass wirk­lich all die­se Weis­heit aus uns selbst auf­steigt. Oder es ist ein­fach prak­tisch, kommt unse­rer Hirn­struk­tur und unse­rer Psy­che ent­ge­gen.

Nun aber zur Reli­gio, zur Rück­an­bin­dung: Wenn ich mir die Früh­zeit vor­stel­le; alles, was ich weiß, erfah­re ich aus dem, was ich erle­be, an den mich umge­ben­den Men­schen, Tie­ren, der gan­zen Natur und die­sem wun­der­ba­ren, unfass­ba­ren Kos­mos, der alles umgibt. Was lei­te ich dann ab? Was bespre­che und inter­pre­tie­re ich mit ande­ren dar­aus? Was sehe ich und wie set­ze ich mei­ne Schluß­fol­ge­run­gen um? Ich fin­de es unge­mein und zwin­gend logisch, dass aus die­sen Beob­ach­tun­gen Gott/​Mutter folgt. Men­schen wer­den von Frau­en gebo­ren. Tie­re wer­den von Tier­müt­tern gebo­ren. Pflan­zen kom­men aus Samen. Mond und Ster­ne, Ebbe und Flut, die Jah­res­zei­ten bewe­gen sich zyklisch in immer wie­der­keh­ren­den Rhyth­men, eben­so Leben und Tod. Wenn ich über­all die­ses Prin­zip sehe, nei­ge ich als Mensch dazu, es nicht nur auf die Dimen­sio­nen, die zu klein sind, um hin­ein­zu­schau­en zu über­tra­gen, son­dern auch auf die Zusam­men­hän­ge, die grö­ßer sind als ich sie erfas­sen kann. Also bet­te ich ver­trau­ens­voll und logisch dem erkann­ten Prin­zip fol­gend mei­ne Toten in die Höh­len der Erde, so wie eine abster­ben­de Pflan­ze wie­der zu Erde wird. Das ent­hält weni­ger Kult, im Sin­ne von ver­pflich­ten­den Hand­lun­gen oder Anbe­tung, als Ritu­al (auch das wie­der ein mensch­li­ches Bedürf­nis, wich­ti­ge Momen­te wie Geburt und Tod, Begrü­ßung und Abschied, das Über­schrei­ten von Schwel­len etc. mit Bewe­gun­gen und Tönen, mit beson­de­ren Gegen­stän­den zu beglei­ten und nicht ein­fach alles gesche­hen zu las­sen.). Gott die Mut­ter ist eben kei­ne Per­son, die von irgend­wo außer­halb auf die Men­schen schaut, die wer­tet, urteilt, straft, belohnt oder droht (oder mit der sich dro­hen lie­ße wie mit dem bösen „Lie­ben Gott“), sie ist das Prin­zip, das Ele­ment, die Dimen­si­on, in dem, in der wir leben und erfah­ren. Sie ist genau­so das Uni­ver­sum (oder auch das Mul­ti­ver­sum) wie sie die Erde ist, sie ist der gro­ße Rhyth­mus, die Fas­zi­na­ti­on und tie­fe Beru­hi­gung und Beglü­ckung, die ich erfah­re, wenn ich nachts auf dem Boden lie­ge und in den Him­mel schaue und mir bewusst mache, dass ich, gehal­ten von der Schwer­kraft, mit der Erde durch die­ses unend­li­che All rei­se, tan­ze, dass die­se gro­ße Erde, auf der ich lie­ge und die mich so ver­läss­lich trägt, win­zig ist, unvor­stell­bar win­zig im Ver­gleich zu all dem, was noch um sie her­um ist. Da ist nichts zu erken­nen, was theo­lo­gi­schen Cha­rak­ter hät­te, was Macht aus­üben will (trotz­dem es unver­kenn­bar mäch­tig ist), was Anbe­tung oder Kul­te irgend­wie erfor­dern könn­te. Die Urmut­ter-Figu­ri­nen, die in Stein geritz­ten Spi­ra­len, die Höh­len­ma­le­rei­en sind Sym­bo­le für die­ses Prin­zip.

Der Unter­schied zur patri­ar­chats­ge­mach­ten Reli­gi­on könn­te gar nicht grö­ßer sein und viel­leicht soll­ten wir neue Wor­te erfin­den, um nicht mit Men­schen, die eigent­lich genau das Glei­che mei­nen und wol­len, an den Begriff­lich­kei­ten in Streit zu gera­ten. Oder wir müss­ten dem, was wir sagen, stets vor­an­stel­len, Ach­tung, bei dem, was ich sage oder schrei­be, han­delt es sich immer um den kor­ri­gier­ten und neu (d.h. ursprüng­lich) ver­wen­de­ten Begriff von Gott und Reli­gi­on.