Patriarchatskritik

Anstoß für eine überfällige Gesellschaftsdebatte

Kirsten Armbruster

Die Mensch­heit lebt bis auf weni­ge Aus­nah­men seit dem Beginn der Bron­ze­zeit (Beginn: 3300 v.u. Zeit­rech­nung im Vor­de­ren Ori­ent, 2. Jahr­tau­send v.u.Z. in Mit­tel- und Nord­eu­ro­pa), in der krie­ge­ri­schen Gesell­schafts­form des Patri­ar­chats.

Patri­ar­chat heißt Herr­schaft der Väter. Patri­ar­chat bedeu­tet, dass unser gan­zes Den­ken von dem bestimmt wird, was Väter in einer lan­gen patri­li­nea­ren Ahnen­rei­he gedacht, gesagt, auf­ge­zeich­net, gelehrt, gepre­digt, geschrie­ben, befoh­len, als schein­bar rich­tig defi­niert und mit Gewalt und waf­fen­ba­sier­ter Kriegs­füh­rung durch­ge­setzt haben. Das hat­te zur Fol­ge, dass das Leben seit ein paar Tau­send Jah­ren einer mani­pu­la­ti­ven Gehirn­wä­sche unter­zo­gen wur­de und bis heu­te wird, die zu einer Ver­schie­bung der Inter­na­li­sie­rung von Wer­ten geführt hat, die auf das Leben ins­ge­samt tief zer­stö­re­risch wirkt.

Die Patri­ar­chats­kri­tik deco­diert die Gehirn­wä­sche des Patri­ar­chats, der wir alle aus­ge­setzt sind, mit­hil­fe eines wis­sen­schaft­li­chen, inter­dis­zi­pli­nä­ren For­schungs­an­sat­zes, in der Erkennt­nis­se der Archäo­lo­gie, der Anthro­po­lo­gie, der Reli­gi­ons­wis­sen­schaf­ten, der Lin­gu­is­tik, der Sozio­lo­gie, der Bio­lo­gie, der Gene­tik, der Kul­tur­wis­sen­schaf­ten und der Land­schafts­my­tho­lo­gie ein­flie­ßen. Schwer­punkt­mä­ßig betrifft die Patri­ar­chats­kri­tik fol­gen­de The­men­be­rei­che:

  • Die Geschichts­schrei­bung, wel­che die sozio­lo­gi­sche Lebens­form der Matrifo­ka­li­tät und die damit ein­her­ge­hen­de Kul­tur­leis­tung der Müt­ter wäh­rend des größ­ten Teils der Mensch­heits­ge­schich­te negiert und unter­schlägt
  • Die Theo­lo­gi­en, wel­che die ursprüng­li­che, in der Natur ver­an­ker­te, müt­ter­li­che Reli­gi­on ver­sucht haben zu zer­stö­ren, um männ­li­che Herr­schaft durch erfun­de­ne, dog­ma­tisch nie­der­ge­schrie­be­ne, theo­lo­gi­sche Ideo­lo­gi­en zu legi­ti­mie­ren
  • Die Kon­trol­le der Sexua­li­tät und der Gebär­fä­hig­keit der Frau­en durch patri­ar­cha­le Fami­li­en­kon­stel­la­tio­nen, Jung­fern­kult und männ­li­chen Frucht­bar­keits­wahn, die einer­seits zu erheb­li­chen Beschnei­dun­gen weib­li­cher Lebens­frei­heit, einer Tren­nung der men­schen­art­wich­ti­gen Groß­mut­ter-Mut­ter-Toch­ter-Bezie­hung und ande­rer­seits welt­weit zu expo­nen­ti­el­lem Bevöl­ke­rungs­wachs­tum geführt haben
  • Die kriegs­ba­sier­te Instal­la­ti­on von Vater­staa­ten auf der Basis der patri­ar­cha­len Ver­qui­ckung von Poli­tik, Rechts­spre­chung, Theo­lo­gie, Wis­sen­schaft und Mili­tär
  • Die kapi­ta­lis­ti­sche Form der Wirt­schaft, die auf der Aus­beu­tung der Natur und der Frau fußt und ihren Anfang hat mit dem Beginn der Rin­der­do­mes­ti­ka­ti­on (cir­ca 6500 v.u.Z.) und der damit ver­bun­de­nen, men­schen­ge­schicht­lich ers­ten Pri­vat­ei­gen­tums­bil­dung auf der Grund­la­ge der capi­tes, den Häup­tern einer Her­de und sich hier­ar­chisch zemen­tiert mit dem Beginn des Metall­zeit­al­ters
  • Die Defi­ni­ti­on des Arbeits­be­griffs, wel­che die Care­ar­beit als nicht geld­wert belegt und des­halb Müt­ter erheb­lich finan­zi­ell dis­kre­di­tiert

Die Patri­ar­chats­kri­tik­for­schung denkt radi­kal, das heißt, ihre For­schun­gen sind ver­wur­zelt in der Natur, wel­che die Grund­la­ge des Lebens ist, und sie beginnt am Anfang der Mensch­heits­ge­schich­te. Durch die­sen radi­ka­len, im Leben ver­wur­zel­ten und gleich­zei­tig wis­sen­schaft­lich inter­dis­zi­pli­nä­ren Ansatz konn­te die Patri­ar­chats­kri­tik­for­schung nach­wei­sen, dass das Patri­ar­chat men­schen­ge­schicht­lich nicht schon immer da war, son­dern erst seit ein paar Tau­send Jah­ren exis­tiert. Sie konn­te nach­wei­sen, dass das Patri­ar­chat auch nicht gott­ge­wollt ist, son­dern sich ledig­lich mit erfun­de­nen Theo­lo­gi­en ein Got­tes­bild geformt hat, um die ursprüng­li­che gött­li­che Mut­ter ver­ges­sen zu machen, und eine Herr­schaft der Väter theo­lo­gisch zu legi­ti­mie­ren. Sie konn­te nach­wei­sen, dass das Patri­ar­chat die Sexua­li­tät und die Gebär­fä­hig­keit der Frau kon­trol­lie­ren will und des­halb die ein­zig­ar­ti­ge Potenz der Frau, Mut­ter zu wer­den, den Angrif­fen des Patri­ar­chats beson­ders aus­ge­setzt ist. Und sie konn­te nach­wei­sen, dass das Patri­ar­chat weder men­schen­art­ge­recht noch natür­lich ist, son­dern der Natur und dem Leben gegen­über tief­grei­fend zer­stö­re­risch wirkt, so dass es höchs­te Zeit ist, den zer­stö­re­ri­schen patri­ar­cha­len Indok­tri­na­tio­nen wirk­sam ent­ge­gen­zu­tre­ten.

Die Patri­ar­chats­kri­tik dele­gi­ti­miert die Defi­ni­ti­ons­macht des Patri­ar­chats und ent­larvt sie als andro­zen­tri­schen Irr­tum, wie Ger­da Ler­ner es 1995 bereits in ihrem Buch „Die Ent­ste­hung des Patri­ar­chats“ tref­fend for­mu­liert hat. Ler­ner schrieb:

His­to­ri­ker haben das Wir­ken von Frau­en zuge­schüt­tet“ (S. 279) … Frau­en hat­ten kei­ne Geschich­te – das wur­de ihnen gesagt, und das glaub­ten sie. So war es letz­ten Endes die Hege­mo­nie des Man­nes über das aner­kann­te Sym­bol­sys­tem, durch die die Frau­en am ent­schie­dens­ten benach­tei­ligt wur­den“. (S. 272).

Und sie prä­zi­siert wei­ter:

Die­se Wir­kung der männ­li­chen Hege­mo­nie war für Frau­en beson­ders schäd­lich und hat ihren unter­ge­ord­ne­ten Sta­tus für Jahr­tau­sen­de fixiert. Dass den Frau­en eine eige­ne Geschich­te ver­sagt wor­den ist, hat immer erneut dafür gesorgt, dass Frau­en die Ideo­lo­gie des Patri­ar­chats akzep­tier­ten, was ihr Selbst­wert­ge­fühl nach­hal­tig unter­mi­niert hat. Die Män­ner-Ver­si­on der Geschich­te, legi­ti­miert als „all­ge­mein­gül­ti­ge Wahr­heit“, hat Frau­en als Rand­fi­gu­ren der Zivi­li­sa­ti­on und als Opfer der geschicht­li­chen Ent­wick­lung dar­ge­stellt“. (S. 276).

Ler­ner bringt es auf den Punkt, indem sie benennt, dass Frau­en durch das Zuschüt­ten der eige­nen Geschich­te das Stig­ma der Bedeu­tungs­lo­sig­keit erhal­ten haben (S. 277).

Mit dem Stig­ma der Bedeu­tungs­lo­sig­keit, damit kämp­fen Frau­en bis heu­te, egal ob es um das geht, was Frau­en sagen, was sie schrei­ben, was sie arbei­ten. Was Frau­en machen, ist nichts wert oder viel weni­ger wert als alles, was ein Mann tut. Das ist so defi­niert im Patri­ar­chat. Und Ger­da Ler­ner erkennt und benennt deut­lich, dass eine der wesent­li­chen Ursa­chen für die unein­ge­schränk­te Macht der Män­ner, ver­bind­li­che Sym­bol­sys­te­me zu schaf­fen am Mono­pol der Män­ner beim Fest­le­gen von Defi­ni­tio­nen liegt. (S. 272). In ihrer vor­treff­li­chen Ana­ly­se des Patri­ar­chats führt sie hier­zu wei­ter aus:

Auf der Basis sol­cher sym­bo­li­schen Kon­struk­te, die ein­ge­bet­tet sind in die grie­chi­sche Phi­lo­so­phie, die jüdisch-christ­li­che Theo­lo­gi­en und die Rechts­tra­di­ti­on, auf die die west­li­che Kul­tur gegrün­det ist, haben Män­ner die Welt in ihren eige­nen Begrif­fen erklärt und die Leit­fra­gen in einem Sinn defi­niert, der sie selbst in den Mit­tel­punkt des Dis­kur­ses rückt. Indem sie unter die Begrif­fe jemand, man, jeder­mann die Frau sub­su­mier­ten und ihnen die Reprä­sen­ta­ti­on der gan­zen Mensch­heit zuschrie­ben, haben Män­ner einen begriff­li­chen Irr­tum von unge­heu­rer Wir­kung in das gesam­te Den­ken ein­ge­fügt“. (S. 272/​273).

Ger­da Ler­ner for­dert zur Rich­tig­stel­lung die­ses andro­zen­tri­schen Irr­tums eine radi­ka­le Umstruk­tu­rie­rung des Den­kens und der Ana­ly­se durch Frau­en. Sie schreibt wei­ter:

Die viel­leicht größ­te Her­aus­for­de­rung für den­ken­de Frau­en ist die Auf­ga­be, den Wunsch nach Sicher­heit und Zustim­mung hin­ter sich zu las­sen und die „unweib­lichs­te“ aller Eigen­schaf­ten zu ent­wi­ckeln – intel­lek­tu­el­le Arro­ganz, die höchs­te Form der Hybris, die sich das Recht zubil­ligt, die Welt neu zu ord­nen“. (S. 283).

Wäh­rend Simo­ne de Beau­voir, die Iko­ne des euro­päi­schen Femi­nis­mus, in ihrem ein­fluss­rei­chen Buch „Das ande­re Geschlecht“ (1968, S. 13) noch den andro­zen­tri­schen Irr­tum über­nahm und den Frau­en, wie im Patri­ar­chat gang und gäbe, unter­stellt, dass sie kei­ne eige­ne Ver­gan­gen­heit, kei­ne Geschich­te und kei­ne Reli­gi­on hät­ten, hat die Patri­ar­chats­kri­tik­for­schung die­sen Irr­tum des Femi­nis­mus längst wider­legt, den andro­zen­tri­schen Irr­tum kor­ri­giert, die Ver­gan­gen­heit mit­hil­fe der Patri­ar­chats­kri­tik­for­schung neu geord­net und defi­niert. Mit die­ser Neu­de­fi­ni­ti­on von Geschich­te und Gesell­schaft wur­de der patri­ar­chal gewoll­te Opfer­sta­tus ver­las­sen und die den­ke­ri­sche Grund­la­ge geschaf­fen, die Zukunft des Lebens auf der Erde tief­grei­fend umzu­ge­stal­ten. Die­se Umge­stal­tung kann gemein­sam mit patri­ar­chats­kri­ti­schen Män­nern und Vätern gesche­hen, denn nicht der Mann im All­ge­mei­nen und der Vater im Beson­de­ren ist das Ziel der Patri­ar­chats­kri­tik, son­dern das Gesell­schafts­sys­tem des Patri­ar­chats als zer­stö­re­ri­sches Herr­schafts­sys­tem.

Zitatquellen

De Beau­voir, Simo­ne:
Das ande­re Geschlecht; Sit­te und Sexus der Frau
Ham­burg, 1968

Ler­ner, Ger­da:
Die Ent­ste­hung des Patri­ar­chats
Frank­furt a.M., 1995