Abgeschnitten von der Female Choice

Dem Patriarchat ein Schnippchen schlagen

Steffanie Müller

Klein­fa­mi­lie | Bild: Stef­fa­nie Mül­ler

Unser Ursprung ist die matrifokale Sippe

Ursprüng­lich und natür­li­cher­wei­se leben Men­schen in Sip­pen, in denen Müt­ter nicht iso­liert all­zu­stän­dig für ihre Kin­der sind, son­dern in denen ganz (bio)logisch alle am guten, wohl­ver­sorg­ten Leben aller inter­es­siert sind. Das bedeu­tet Schutz, Fül­le und opti­mal ver­teil­te Auf­ga­ben. Es bleibt Zeit für Spiel, Kunst, Beob­ach­tung der Zyklen des Kos­mos und natür­lich auch für Sexua­li­tät. Die­se fin­det sich los­ge­löst vom Ver­sor­gungs­ver­band. Das ist nicht nur prak­tisch, weil Inzest ver­mie­den wird. Es ent­hebt auch die Sexua­li­tät jeder Ver­flech­tung mit Ver­pflich­tung und Abhän­gig­keit. Und Sexua­li­tät folgt der Wahl der Frau („fema­le choice“). Natür­li­cher­wei­se.

Heute wachsen wir ins Patriarchat hinein

Nun betrach­ten wir das Kon­strukt, in das wir hin­ein­ge­wach­sen sind, in das auch unse­re Kin­der noch hin­ein­wach­sen: Noch immer gilt die mono­ga­me Paar­be­zie­hung mit gemein­sa­men Kin­dern als Stan­dard und wird in Fil­men und Lie­dern als Ide­al gezeigt.

Die jun­ge Frau ver­lässt also ihre Ursprungs­fa­mi­lie (in der sie auch kei­ne ver­sor­gen­de Sip­pe hat­te) und ist somit, was Ver­sor­gung der Kin­der angeht (ich rede nicht nur von Geld) in einer Ver­flech­tung mit ihrem ein­mal gewähl­ten Sexu­al­part­ner gefan­gen. Da sie bio­lo­gisch nicht dar­auf ein­ge­stellt war, die­sen lebens­läng­lich zu behal­ten, war die Wahl oft­mals nicht geeig­net, was das Beglei­ten von Kin­dern angeht. Sie fin­det sich also in einer dou­ble bind Situa­ti­on wie­der: Sie fühlt, dass das, was stets als nor­mal sug­ge­riert wur­de, nicht nor­mal im Sin­ne von natür­lich ist. Sie lebt mit ihren Kin­dern in einer nicht art­ge­rech­ten Umge­bung. Der Mann auch, nur dem fällt es meist nicht so auf.

Auch ohne Kin­der und/​oder ohne fes­ten Part­ner erfährt sie die­se Dis­kre­panz: Fema­le choice trägt näm­lich immer noch den Schlam­penstem­pel. (Im Gegen­satz dazu sind Frau­en­kör­per jedoch gegen klei­nes Geld zu benut­zen – von Por­no bis zu lega­li­sier­ter Miß­hand­lung.)

Auch „offe­ne Bezie­hun­gen“ oder Poly­amo­rie hel­fen hier nicht wei­ter: Dadurch wird nur die Orga­ni­sa­ti­on der Kin­der­ver­sor­gung noch schwie­ri­ger. Es ist eben kei­ne Sip­pe da, die selbst­ver­ständ­lich Care Arbeit leis­tet. So kommt es meist zu seri­el­ler Mono­ga­mie und Patch­work­fa­mi­li­en bei extre­mer Über­las­tung der Müt­ter, wobei mitt­ler­wei­le oft die Tren­nung von der Frau aus­geht (lan­ge war dies aus mate­ri­el­len Grün­den ja gar nicht mög­lich). Män­ner lösen Paar­be­zie­hun­gen eher unger­ne: Bei frei­er fema­le choice hät­te es ihnen auch pas­sie­ren kön­nen, dass nur eine Frau sie „wählt“ (oder auch gar kei­ne). Die Frau hin­ge­gen fühlt, dass Natur anders geht, dass sie beschränkt und unsi­cher lebt, was ihre Posi­ti­on und die ihrer Kin­der angeht. Zu eng ist in unse­ren Köp­fen Sexua­li­tät mit Ver­sor­gung, Sicher­heit ver­bun­den und wird somit im Aus­tausch dafür als Mit­tel ein­ge­setzt: Ande­re Sexu­al­part­ne­rin­nen lösen Ver­un­si­che­rung aus, denn der Mann über­nimmt sel­ten los­ge­löst von Sexua­li­tät /​Paar­bin­dung die Siche­rung der Kin­der. Ein Ehe-/Le­bens-/Se­xu­al­part­ner kann nicht eine gan­ze Mut­ter­sip­pe erset­zen, auch wenn Roman­tik in vie­ler­lei Ver­brä­mung uns das vor­gau­keln will. Hier steht nicht die Mut­ter im Zen­trum, die natür­li­che Ord­nung ist ganz zer­fal­len.

Was können Frauen tun?

Was kön­nen Frau­en tun, die, den patri­ar­cha­len Mus­tern, in denen sie auf­ge­wach­sen sind fol­gend, eine iso­lier­te Klein­fa­mi­lie gegrün­det haben?

Im bes­ten Fall kön­nen sie als Fami­lie erken­nen, in was für einem unge­eig­ne­ten Umfeld sie leben und das Bes­te dar­aus machen, indem sie geschickt und krea­tiv dem Patri­ar­chat ein Schnipp­chen schla­gen und ein mög­lichst gutes Leben füh­ren, ohne sich an die übli­chen Zwän­ge gebun­den zu füh­len (Kind mög­lichst schnell in die Krip­pe, Frau­en und Män­ner in die glei­che Kar­rie­re­tret­müh­le, Schul­sys­tem, theo­lo­gi­sche und „mora­li­sche“ Wer­te und Bewer­tun­gen, Spra­che, …). Fema­le choice ist auch in die­sem Modell fast unmög­lich, da das Gefühl der per­sön­li­chen Ent­wer­tung durch die Wahl ande­rer Sexu­al­part­ner so ver­fes­tigt ist und weil eben die Ver­sor­gung in kei­ner Wei­se außer­halb der Paar­be­zie­hung gewähr­leis­tet ist.

Wir bräuch­ten also wie­der Sip­pen, Gemein­schaf­ten, in denen Care Arbeit frei­wil­lig, gemein­sam, in Wert­schät­zung getra­gen wird. Dazu ein Wie­der­ge­win­nen der sexu­el­len Leich­tig­keit, ein Lösen aus der Ver­bin­dung mit Macht, Gebrauch, Zwang, dem Gedan­ken, Men­schen besit­zen zu kön­nen. Für kom­men­de Genera­tio­nen hof­fe ich auf eine all­mäh­li­che Ent­wick­lung dort­hin, da das Patri­ar­chat sich, je „effek­ti­ver“ es wird, immer mehr ad absur­dum führt.

Eine schnel­le Lösung gibt es nicht, da wir alle in die­se Gesell­schafts­form ein­ge­bun­den und von ihr geprägt sind. Was jede tun kann, ist immer mehr Infor­ma­ti­on über his­to­ri­sche und bio­lo­gi­sche Zusam­men­hän­ge auf­zu­neh­men und wei­ter­zu­ge­ben und so vie­le matrifo­ka­le Ele­men­te in das eige­ne Leben wie mög­lich zu über­neh­men.


fema­le choice: Die freie, selbst­be­stimm­te und natür­li­cher­wei­se wech­seln­de Sexua­li­tät der Frau. Die­se gewähr­leis­tet eine hohe gene­ti­sche Varia­bi­li­tät inner­halb der Spe­zi­es Mensch. Sie­he auch: Matrifo­ka­li­tät