Matrifokale Männer und Väter

Kirsten Armbruster | Juni 2018

Matrifo­ka­le Män­ner sind immer mit der Natur ver­bun­de­ne Män­ner; Bild links: Matrifo­ka­ler Mann und Vater in sei­nem Per­ma­kul­tur­gar­ten in Aqui­ta­ni­en, in Frank­reich, einer Gegend, wo in den Höh­len die star­ken matrifo­kal-paläo­li­thi­schen Wur­zeln Euro­pas lie­gen; Bild rechts: ein matrifo­ka­ler Vater mit sei­nem Kind; Fotos: Susan-Bar­ba­ra Elbe

1. Patriarchatskritik bedeutet nicht Männer- oder Väter-Bashing

In einer Zeit gro­ßer ideo­lo­gi­scher Ver­wir­rung wie dem Patri­ar­chat ist es immer sinn­voll sich an der Natur zu ori­en­tie­ren. Auf die Genea­lo­gie des Men­schen bezo­gen bedeu­tet dies: Ers­tens die Ver­meh­rung des Men­schen erfolgt bise­xu­ell, wobei die Mut­ter, wie bei allen Säu­ge­tier­ar­ten, den aller­größ­ten Teil der kör­per­lich-bio­lo­gi­schen Fort­pflan­zungs­ar­beit über­nimmt und der bio­lo­gi­sche Vater im Ver­gleich zur Mut­ter nur einen sehr klei­nen Teil. Zwei­tens bedeu­tet es, dass alle Män­ner Söh­ne von Müt­tern sind, weil sie im Kör­per der Mut­ter her­an­wach­sen und ohne sie schlicht nicht exis­tie­ren wür­den. Män­ner und natür­lich auch bio­lo­gi­sche Väter sind eben­so wie Töch­ter, Inter­se­xu­el­le und Trans­se­xu­el­le Teil der Natür­li­chen Inte­gra­ti­ven Ord­nung der Mut­ter und durch die Nabel­an­bin­dung auch ange­bun­den an die Reli­gi­on von Gott MUTTER, die eben nichts ande­res spie­gelt als die Natür­li­chen Gege­ben­hei­ten, in denen die Men­schen­spe­zi­es ein­ge­bun­den sind.

Des Wei­te­ren haben wir auf­ge­zeigt, dass die Erkennt­nis von Vater­schaft im Zuge des Neo­li­thi­kums des Modus II/​III im Zuge von Her­den­hal­tung von Tie­ren wie Scha­fen, Zie­gen und ins­be­son­de­re Rin­dern (Bott, Ger­hard, 2009, S. 132 – 208) und einer damit ver­bun­de­nen Ände­rung der männ­li­chen Öko­no­mie vom Jäger zum Hir­ten, wel­che auf Frei­heits­be­rau­bung und damit Herr­schaft fußt, inner­halb weni­ger Jahr­tau­sen­de zum Patri­ar­chat, einem zer­stö­re­ri­schen Väter­herr­schafts­sys­tem geführt hat, in dem wir auch heu­te noch leben und das auf­grund sei­ner Zer­stö­rungs­kraft auf gan­zer Linie abzu­leh­nen ist.

Tat­sa­che ist aber auch, dass nicht nur Frau­en, Kin­der, Tie­re, Pflan­zen und die gesam­te Natur unter die­sem zer­stö­re­ri­schen patri­ar­cha­len Sys­tem lei­den, son­dern auch ein gro­ßer Teil der Män­ner und damit auch Väter. Es gilt also zwi­schen Patri­ar­chat als lebens­zer­stö­ren­der Herr­schafts­struk­tur und Män­nern, die natür­lich auch Väter sein kön­nen, zu unter­schei­den, auch des­halb, weil das Patri­ar­chat ja inzwi­schen auch von vie­len patri­ar­chal-kon­di­tio­nier­ten Frau­en stark gestützt wird.

Lei­der beob­ach­ten wir zur­zeit, dass die Begrif­fe Matrifo­ka­li­tät und Patri­ar­chats­kri­tik von eini­gen Frau­en zu einem gene­rel­len Väter-Bashing miss­braucht wer­den, von dem wir uns in aller Deut­lich­keit distan­zie­ren. Män­ner zu dis­kri­mi­nie­ren, nur weil sie Väter sind, bedeu­tet, dass der Begriff der Matrifo­ka­li­tät und das damit ein­her gehen­de Ver­ständ­nis der Inte­gra­ti­ven Ord­nung der Mut­ter sowie die damit ver­bun­de­ne Reli­gi­on von Gott MUTTER fehl­in­ter­pre­tiert wer­den. Wir kon­sta­tie­ren daher aus­drück­lich: Patri­ar­chats­kri­tik rich­tet sich nicht gegen Män­ner, respek­ti­ve Väter per se, son­dern gegen patri­ar­cha­le Gesell­schafts­struk­tu­ren, die immer auf struk­tu­rel­ler Gewalt basie­ren und gegen Men­schen, die die­se gewalt­ba­sier­ten Gesell­schafts­struk­tu­ren erhal­ten oder sogar aus­bau­en wol­len. Das bedeu­tet kon­kret:

  • Patri­ar­chats­kri­tik rich­tet sich gegen eine Geschichts­schrei­bung, wel­che die Matrifo­ka­le Mensch­heits­ge­schich­te unter­schlägt
  • Patri­ar­chats­kri­tik rich­tet sich gegen alle Theo­lo­gi­en, wel­che die ursprüng­li­che Reli­gi­on von Gott MUTTER mit Gewalt okku­piert haben und den Mann durch herr­schafts­ideo­lo­gi­sche, kriegs­ver­herr­li­chen­de Schrif­ten wider die Natur an die Spit­ze einer angeb­lich männ­li­chen Schöp­fung gesetzt haben. Das betrifft nicht nur die heu­ti­gen 5 Welt­theo­lo­gi­en wie Chris­ten­tum, Juden­tum, Islam, Hin­du­is­mus und Bud­dhis­mus, son­dern gleich­falls die indo­eu­ro­päi­schen Vater-Gott-Theo­lo­gi­en der Grie­chen, Römer, Kel­ten und Ger­ma­nen, eben­so wie die alt­ägyp­ti­sche und meso­po­ta­mi­sche Theo­lo­gie, die häu­fig die Basis sind für den sich heu­te aus­brei­ten­den Paga­nis­mus, tat­säch­lich aber in ihrer Göt­ter­ge­nea­lo­gie tief im Patri­ar­chat ver­an­kert sind. Dies bedeu­tet de fac­to: Wir unter­stüt­zen Reli­gi­ons­frei­heit aber kei­ne auf Gewalt basie­ren­de indok­tri­nier­te Theo­lo­gie­frei­heit!
  • Patri­ar­chats­kri­tik rich­tet sich gegen die staat­lich und theo­lo­gisch ideo­lo­gi­sche Idea­li­sie­rung der Paa­rungs-Vater-Mut­ter-Kind-Fami­lie als ein­zi­ger recht­lich geschütz­ter und steu­er­lich begüns­tig­ter Vor­stel­lung von Fami­lie, wel­che die Mut­ter von einer men­schen­art­ge­rech­ten, koope­ra­tiv-gemein­schaft­li­chen Daseins­für­sor­ge iso­liert, alle Betei­lig­ten damit in ein finan­zi­ell und arbeits­or­ga­ni­sa­to­risch desas­trö­ses Über­for­de­rungs­le­bens­kon­zept treibt und jede ande­re Form des gemein­schaft­li­chen Zusam­men­le­bens dis­kri­mi­niert.
  • Patri­ar­chats­kri­tik rich­tet sich gegen eine vater­staat­li­che Recht­spre­chung, wel­che patri­ar­chal-his­to­risch vor­wie­gend an männ­li­chen Lebens­ent­wür­fen und Väter­rech­ten ori­en­tiert ist und die Natür­li­che Matrifo­ka­le Ord­nung des Men­schen miss­ach­tet
  • Patri­ar­chats­kri­tik rich­tet sich gegen die nur auf Aus­beu­tung fixier­te, zer­stö­re­ri­sche, natur­ver­ach­ten­de Wachs­tums­öko­no­mie des Kapi­ta­lis­mus, wel­che Für­sor­ge­ar­beit als nicht geld­wert defi­niert hat und Gesamt­hand­ei­gen­tum und Gemein­wohl immer der Pri­vat­ei­gen­tums­ak­ku­mu­la­ti­on eini­ger ganz weni­ger Män­ner unter­ord­net und das, obwohl in den demo­kra­ti­schen Ver­fas­sun­gen eigent­lich defi­niert ist, dass „alle Wirt­schaft­li­che Tätig­keit dem Gemein­wohl zu die­nen habe“, wie Chris­ti­an Fel­ber in sei­nem Buch über „Gemein­wohlöko­no­mie“ (2014) auf­ge­zeigt hat, was bedeu­tet, dass sich Demo­kra­ti­en genau­so wenig wie Dik­ta­tu­ren an Ver­fas­sun­gen hal­ten

2. Väter gab es schon immer

Um bes­ser zu ver­ste­hen, was Matrifo­ka­le Män­ner und Väter aus­zeich­net, lohnt es sich die durch die Patri­ar­chats­kri­tik­for­schung frei geleg­ten sozio­bio­lo­gi­schen Ver­hält­nis­se der Wild­beu­te­rIn­nen im Paläo­li­thi­kum näher anzu­schau­en.

Ger­hard Bott schreibt in sei­nem ers­ten Band „Die Erfin­dung der Göt­ter“ (2009), dass bereits die Men­schen­art hei­del­ber­gen­sis in Gemein­schaf­ten oder Hor­den von 100 bis 120 Indi­vi­du­en leb­ten (S. 22). Bott schreibt:

Die­se neu­en Erkennt­nis­se zur Hor­d­en­grö­ße stam­men aus den Aus­gra­bun­gen in Sima de los Hue­sos bei Ata­pu­er­ca. Sie wer­den beschrie­ben bei ARSUAGA (S. 290f) und stam­men vom Paläo­de­mo­gra­phen Jean-Pierre BOQUET-APPEL“. (Bott, Ger­hard, 2009, S. 23).

In sei­nem bahn­bre­chen­den Werk arbei­tet Bott her­aus, dass nicht wie heu­te die Vater-Mut­ter-Kind-Paa­rungs­fa­mi­lie die Ursprungs­fa­mi­lie des Men­schen ist, son­dern die kon­san­gui­na­le matri­li­nea­re Bluts­fa­mi­lie. Bott schreibt ein paar Sei­ten wei­ter:

Eine Betrach­tung, die den Anspruch auf Wis­sen­schaft­lich­keit erhebt, kann, schon aus sozio­bio­lo­gi­schen Grün­den, heu­te nicht mehr die Paa­rungs­fa­mi­lie zur mensch­li­chen Ur-Fami­lie erklä­ren, son­dern muss von der Annah­me aus­ge­hen, dass der paläo­li­thi­sche homo sapi­ens in Bluts­fa­mi­li­en leb­te, um die sich infol­ge der gene­tisch pro­gram­mier­ten Exo­ga­mie, bluts­fa­mi­li­en­frem­de Sexu­al­part­ner grup­pier­ten, die, geschart um eine sol­che Bluts­fa­mi­lie als Kern, mit die­ser eine Lebens-Arbeits-Aneig­nungs- und Kon­sum­ge­mein­schaft bil­de­ten. Die­se Lebens- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft wird oft als „Hor­de“ oder „band“ bezeich­net, die ich aber Genos­sen­schaft nen­ne, weil dies von heu­ti­gen sozio­lo­gi­schen wie juris­ti­schen Erkennt­nis­sen aus­ge­hend, die ange­mes­se­ne und tref­fen­de Bezeich­nung ist“. (eben­da, S. 32/​33; Her­vor­he­bung nicht im Ori­gi­nal­text).

Bott führt wei­ter aus:

Die Wild­beu­ter-Genos­sen­schaft des Paläo­li­thi­kums, die sich um eine Bluts­fa­mi­lie als Kern schart, ist eine Gemein­schaft von Nicht-sess­haf­ten mit aneig­nen­der Wirt­schafts­wei­se. Die­se Wirt­schafts­ge­nos­sen­schaft war sozio­lo­gisch und juris­tisch gese­hen eine Gesamt­hands­ge­mein­schaft, es ging um gemein­schaft­li­che Aneig­nung der bei­den geschlechts­spe­zi­fi­schen Arbeits­ge­mein­schaf­ten: Das Jäger­kol­lek­tiv der Män­ner teil­te das gemein­sam erleg­te Wild­bret, oft gro­ße Huf­tie­re, an denen es natür­lich kein indi­vi­du­el­les Pri­vat­ei­gen­tum gab, mit dem Samm­le­rin­nen-Kol­lek­tiv der Frau­en und Kin­der und erhielt dafür Anteil an deren Sam­mel­gut, das eben­falls Gesamt­hand­ei­gen­tum war. Die­ses kol­lek­ti­ve Sam­meln der Frau­en bzw. Jagen der Män­ner bie­tet dem Ein­zel­nen nicht nur Gesell­schaft, son­dern, was im Paläo­li­thi­kum das Wich­tigs­te war, vor allem gegen­sei­ti­ge Hil­fe und Schutz bei der Aneig­nungs­ar­beit. Wie wir sahen, war der Nah­rungs­bei­trag des Jäger­kol­lek­tivs, das ja prak­tisch wäh­rend des gesam­ten Paläo­li­thi­kums nur mit Spee­ren jag­te, weil Pfeil und Bogen erst im Mag­d­alé­ni­en, rund 2500 Jah­re vor Beginn des Neo­li­thi­kums erfun­den wur­den, gering und mach­te etwa nur ein Vier­tel der Nah­rung aus. Die Ver­tei­lung zum Kon­sum fin­det in die­sen ake­pha­len und ega­li­tä­ren Genos­sen­schaf­ten durch Kon­sens statt, d.h. ent­spre­chend den gemein­schaft­lich gefun­de­nen Regeln und Gebräu­chen. Der gesell­schafts­wis­sen­schaft­li­che Zusam­men­hang von Bluts­fa­mi­lie und Gesamt­hand­ei­gen­tum ist von grund­le­gen­der Bedeu­tung. Wäh­rend die spä­te­re Paa­rungs­fa­mi­lie auf dem Pri­vat­ei­gen­tum beruht, ist die Bluts­fa­mi­lie gekenn­zeich­net durch das Gesamt­hand­ei­gen­tum, d.h. es gibt kein Pri­vat­ei­gen­tum an den Res­sour­cen“. (eben­da, S. 33/​34; Her­vor­he­bun­gen nicht im Ori­gi­nal­text).

Die matri­li­nea­re Bluts­fa­mi­lie der Wild­beu­te­rIn­nen im Paläo­li­thi­kum zeich­net sich einer­seits durch die fema­le choice, die bio­lo­gisch ver­an­ker­te, freie Sexua­li­täts­aus­wahl der Frau, ande­rer­seits aber auch durch ein auf Che­mo­ta­xis gesteu­er­tes Inzest­ver­bot inner­halb die­ser matri­li­nea­ren Abstam­mungs­li­nie aus. (Bott, Ger­hard, 2009; S. 22 – 72; Arm­brus­ter, Kirs­ten, 2013, S. 15 – 17). Das bedeu­tet aber auch, dass sich die Lebens­wei­se der Wild­beu­te­rIn­nen von denen der sess­haf­ten Neo­li­thi­ke­rIn­nen wesent­lich unter­schied, denn die exo­ga­men Sexu­al­part­ner – heu­te aus­ge­drückt die bio­lo­gi­schen Väter – waren in die Matrifo­ka­le Ord­nung des Paläo­li­thi­kums auch sozi­al inte­griert. Bott prä­zi­siert die Matrifo­ka­le Ord­nung der Wild­beu­te­rIn­nen im zwei­ten Band „Die Erfin­dung der Göt­ter“ (2014):

Die als Samm­le­rin­nen koope­rie­ren­de Gemein­schaft der Frau­en mit ihren Abkömm­lin­gen beschaff­te min­des­tens zwei Drit­tel der Gesamt­men­ge ihrer als aut­ar­ke Lebens- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft noma­di­sie­ren­den Genos­sen­schaft, der etwa 30 geschlechts­rei­fe Frauen/​Mütter mit deren 60 Abkömm­lin­gen, d.h. Kin­dern und Her­an­wach­sen­den ange­hör­ten, sowie 30 geschlechts­rei­fe exo­ga­me Män­ner. Die­se 30 aus ande­ren Wild­beu­ter-Genos­sen­schaf­ten stam­men­den und von den Frau­en in die Genos­sen­schaf­ten auf­ge­nom­me­nen Män­ner beschaff­ten durch die Jagd­beu­te des Jäger­kol­lek­tivs im Durch­schnitt ein Drit­tel der Gesamt­nah­rung, je nach Jäger­glück manch­mal weni­ger, manch­mal mehr. Da die 30 erwach­se­nen Frauen/​Mütter alle mit­ein­an­der bluts­ver­wandt waren, d.h. der­sel­ben kon­san­gui­na­len Geburts­fa­mi­lie ent­stamm­ten, bil­de­ten sie mit ihren Kin­dern eine matri­li­nea­re Bluts­fa­mi­lie, zu wel­cher also mit Aus­nah­me der „fremd­blü­ti­gen“ Män­ner, etwa 90 Indi­vi­du­en der Genos­sen­schaft von 120 Köp­fen gehör­ten. Die 30 geschlechts­rei­fen Män­ner, die als „Fami­li­en-Frem­de“ von jener gemein­sam leben­den und sam­meln­den Bluts­fa­mi­lie in ihren (bio­lo­gi­schen) Sozi­al­ver­band auf­ge­nom­men wur­den, waren die exo­ga­men Sexu­al­part­ner der Frau­en … und betrach­te­ten deren Bluts­fa­mi­lie als ihre neue Lebens­ge­mein­schaft, nach­dem sie, sobald geschlechts­reif gewor­den, ihre eige­ne matri­li­nea­re Bluts­fa­mi­lie, in die sie hin­ein­ge­bo­ren wor­den waren, zu ver­las­sen hat­ten, um Platz zu machen für die frem­den, exo­ga­men Män­ner, die von ihren Müt­tern, Schwes­tern, Cou­si­nen in ihre Wirt­schafts­ge­mein­schaft auf­ge­nom­men wur­den (vgl. mein Kapi­tel II, S. 22 ff.). Die Män­ner waren also für die Frau­en Frem­de, denn sie muss­ten Fami­li­en-Frem­de sein. Sie waren aber durch Sexu­al- und Lie­bes­be­zie­hun­gen mit den Frau­en ihres neu­en Sozi­al­ver­ban­des eng ver­bun­den. (Bott, Ger­hard: 2014, S. 117).

Bott ergänzt ein paar Sei­ten wei­ter die Beschrei­bung der paläo­li­thi­schen Lebens­ver­hält­nis­se:

Jeder jun­ge Mann einer paläo­li­thi­schen Lebens- und Wirt­schafts­ge­mein­schaft wird nach sei­ner Puber­tät den Tag mit Unge­duld erwar­ten, an dem er sei­ne Geburts­ge­nos­sen­schaft ver­las­sen kann, weil dort ja alle weib­li­chen Wesen der Bluts­fa­mi­li­en-Exo­ga­mie wegen für ihn sexu­ell tabu sind. Wenn er als jun­ger Jägers-Mann auf­ge­nom­men wird in eine ande­re bluts­frem­de Wild­beu­ter­ge­nos­sen­schaft, eröff­net sich ihm die Chan­ce sei­ne gera­de erwach­te Sexua­li­tät aus­zu­le­ben, sofern ein (oder meh­re­re) der Frau­en ihn zum Sexu­al­part­ner wäh­len. Regel­mä­ßig wird der jun­ge Mann in die­je­ni­ge Genos­sen­schaft ein­ge­führt wer­den, in wel­che der Bru­der sei­ner Mut­ter oder sein älte­rer (matri­li­nea­rer) Bru­der zuvor bereits auf­ge­nom­men wor­den waren und die­se bluts­ver­wand­ten Män­ner initi­ie­ren ihren jun­gen matri­li­nea­ren Bluts­ver­wand­ten in ihr Jäger­kol­lek­tiv und sor­gen für sei­ne Aus­bil­dung“. (eben­da, S. 121/​122).

Aus den paläo­li­thi­schen Ver­hält­nis­sen der Wild­beu­te­rIn­nen kön­nen wir für die heu­ti­ge Zeit able­sen, dass Män­ner nicht nur als Söh­ne, Brü­der, und Onkel – wie es die soge­nann­ten Matri­ar­chats­frau­en aus Beob­ach­tun­gen heu­te noch matri­li­ne­ar leben­der Völ­ker wie den Mosuo in Chi­na oder den Kha­si in Indi­en pro­pa­gie­ren – in die Gemein­schaft inte­griert wur­den (Tazi-Pre­ve, Mari­am Ire­ne, 2017, S. 162 – 164), son­dern auch als Väter, denn vie­le der exo­ga­men Sexu­al­part­ner wer­den bio­lo­gi­sche Väter gewe­sen sein, auch wenn Vater­schaft nicht expli­zit benannt wur­de, weil ja offen­sicht­lich war, dass der Mann als bio­lo­gi­scher Vater im Ver­gleich zur Mut­ter eine sehr gerin­ge Rol­le spielt.

Tat­säch­lich bie­ten die Ergeb­nis­se der Patri­ar­chats­kri­tik­for­schung über das Sozi­al­le­ben der Wild­beu­te­rIn­nen eini­ge sehr inter­es­san­te Schlüs­se für das heu­ti­ge Zusam­men­le­ben, auch des­halb, weil durch die Frei­le­gung der matrifo­ka­len Mensch­heits­ge­schich­te und der damit ein­her­ge­hen­den Reli­gi­on von Gott MUTTER nicht ein­fach Erkennt­nis­se aus fer­nen Kul­tu­ren über­tra­gen wer­den müs­sen, son­dern mit dem Ver­ste­hen der matrifo­ka­len Wur­zeln der Mensch­heit über­all auf der Welt die Wur­zeln sozio­bio­lo­gi­schen Lebens an den Orten, wo wir leben, nach­voll­zieh­bar wer­den. Das bedeu­tet, dass wir nicht nur in Euro­pa, son­dern über­all und gera­de auch in den heu­ti­gen poli­ti­schen Kri­sen­her­den des Mitt­le­ren und Nahen Ostens und in Afri­ka regio­nal ver­an­ker­te Lösungs­an­sät­ze ablei­ten kön­nen, indem wir uns wie­der an die men­schen­art­ge­rech­te matrifo­ka­le Form des Zusam­men­le­bens erin­nern. An die­ser Stel­le sei­en ein paar wich­ti­ge Kom­po­nen­ten her­vor­ge­ho­ben:

  • Män­ner und Väter sind nicht per se das Pro­blem, son­dern patri­ar­cha­le Män­ner und Väter
  • Män­ner und expli­zit Väter waren den größ­ten Teil der Mensch­heits­ge­schich­te nicht die Ernäh­rer der Sip­pe, son­dern Teil einer gesamt­hän­de­ri­schen gemein­schaft­li­chen Öko­no­mie. Tat­säch­lich ent­steht das Modell „der Vater als Ernäh­rererst im Zuge der Patri­ar­cha­li­sie­rung im Lau­fe des Neo­li­thi­kums und zwar par­al­lel zur Durch­set­zung der Paa­rungs­fa­mi­lie erst­mals ab cir­ca 4500 v.u.Z.
  • Die ein­zi­ge Wirt­schafts­wei­se für die auf koope­ra­tiv-gemein­schaft­li­che Daseins­für­sor­ge ange­wie­se­ne Men­schen­art ist eine gesamt­so­li­da­ri­sche Wirt­schafts­ge­mein­schaft, eine Gesamt­hand­wirt­schaft, wo es auf jede Hand und jede Form der Arbeit ankommt und kei­ne, auf nar­ziss­ti­sches Macho­tum gegrün­de­te Män­ner-Pri­vi­leg-Wirt­schaft, wie wir es sowohl im Pri­vat­ei­gen­tums-Kapi­ta­lis­mus (Neo­li­be­ra­lis­mus) als auch im Män­ner-Staats-Kapi­ta­lis­mus (genannt Kom­mu­nis­mus und Sozia­lis­mus) der Jetzt­zeit im ewig pola­ren poli­ti­schen Rechts-Links-Dis­kurs sehen, der kei­ne Lösun­gen fin­det, da bei­de Kon­zep­te an mensch­li­chen Bedürf­nis­sen glei­cher­ma­ßen vor­bei argu­men­tie­ren, weil die men­schen­art­ge­rech­te Natür­li­che Inte­gra­ti­ve Ord­nung der Mut­ter kei­ner­lei Beach­tung fin­det.

3. Der Mann als alleiniger Ernährer ist ein Paradigma des Patriarchats

Ein moder­ner matrifo­ka­ler Mann, Sohn einer matrifo­ka­len Mut­ter und selbst matrifo­ka­ler Vater von drei Kin­dern, der weiß und auch prak­tisch umsetzt, dass Für­sor­ge­ar­beit eine lebens­wich­ti­ge und all­um­fas­sen­de gemein­schaft­li­che Auf­ga­be ist; Foto: Susan-Bar­ba­ra Elbe

Da der Mann bis heu­te ins­be­son­de­re als Vater einer Klein­fa­mi­li­en-Paa­rungs­fa­mi­lie, trotz gut aus­ge­bil­de­ter Frau­en, sei­ne Haupt­i­den­ti­fi­ka­ti­on in der Haupter­näh­rer­rol­lesei­ner Fami­lie“ sieht, lohnt es sich, sich mit die­ser Ernäh­rer-Rol­le noch ein­mal genau­er aus­ein­an­der zu set­zen. Da die Men­schen erst ab 10 500 v.u.Z., erst­mals in den Gebie­ten des Frucht­ba­ren Halb­monds und in Ana­to­li­en, sess­haft wur­den und erst da anfin­gen zu einer pro­du­zie­ren­den Wirt­schafts­wei­se über­zu­ge­hen, bedeu­tet das, dass die Men­schen den größ­ten Teil der Mensch­heits­ge­schich­te als Wild­beu­te­rIn­nen leb­ten und sich in die­ser Zeit tat­säch­lich haupt­säch­lich vom Sam­meln und nur zu einem klei­nen Teil von der Jagd ernähr­ten. Gesam­melt wur­den nicht nur Pflan­zen, Pil­ze, Wur­zeln, Bee­ren und Nüs­se, son­dern auch Muscheln, Schne­cken, Wür­mer, Maden, Lar­ven und Insek­ten als Pro­te­in­quel­le. Dass sich die Men­schen evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch schon sehr früh auch von Insek­ten ernähr­ten, zei­gen die neus­ten gene­ti­schen Stu­di­en, wel­che bei den Säu­ge­tie­ren ein­schließ­lich des Men­schen im Genom Res­te Chi­tin-ver­dau­ern­der Enzy­me, den soge­nann­ten Chi­ti­na­sen, nach­wei­sen konn­ten.

In unse­rem Genom fin­den sich nicht nur Spu­ren von drei urtüm­li­chen Säu­ge­tier-Genen, die unse­re Vor­fah­ren die Ver­dau­ung von Insek­ten erlaub­ten. Wir alle ver­fü­gen auch über ein akti­ves Chi­ti­na­se-Gen. Ein­fa­cher gesagt: Unser Ver­dau­ungs­sys­tem ist bis heu­te dar­auf aus­ge­legt, Insek­ten zu ver­ar­bei­ten“, schreibt SPIEGELONLINE in dem Arti­kel „Der Mensch, ein gebo­re­ner Insek­ten­fres­ser“ vom 17.5.2018 und bezieht sich dabei auf einen Arti­kel in Sci­ence Advan­ces (http://​advan​ces​.sci​en​ce​mag​.org/​c​o​n​t​e​n​t​/​4​/​5​e​a​a​r​6​478)

Das zeigt noch ein­mal deut­lich drei Din­ge, die gera­de auch für die heu­ti­ge Zeit von Inter­es­se sind.

  • Die Jagd des Man­nes spiel­te für die Ernäh­rung im Paläo­li­thi­kum nur eine gerin­ge Rol­le (sie­he hier­zu auch: Män­ner­dar­stel­lun­gen im Paläo­li­thi­kum)
  • Der Mann war nicht der Ernäh­rer „sei­ner Fami­lie“ und die Frau als Mut­ter befand sich des­halb nicht in einem öko­no­mi­schen Abhän­gig­keits­ver­hält­nis der Män­ner, geschwei­ge denn der Väter, son­dern die öko­no­mi­sche Ver­sor­gung erfolg­te gesamt­hän­de­risch
  • Auch Män­ner brau­chen nicht jeden Tag Fleisch, um gut zu leben. Tat­säch­lich ist der hohe Fleisch­kon­sum unse­rer Gesell­schaft nicht paläo­li­thisch son­dern patri­ar­chal begrün­det, denn bei dem his­to­risch ver­mit­tel­ten Bild des Jägers als ERNÄHRER han­delt es sich um Patri­ar­chats­pro­pa­gan­da

Schau­en wir näm­lich auf die his­to­risch ers­ten groß­flä­chi­gen Abbil­dun­gen von Jagd­sze­nen, so fin­den wir die­se über­ra­schen­der­wei­se nicht in den paläo­li­thi­schen Höh­len – was nach dem offi­zi­ell ver­mit­tel­ten Bild über die Stein­zeit, wel­ches den Mann als Jäger und Ernäh­rer einer Paa­rungs­fa­mi­lie und die Höh­len, dem andro­zen­tri­schen Welt­bild des Patri­ar­chats ent­spre­chend, als Jagd­hei­lig­tü­mer inter­pre­tiert, – zu erwar­ten wäre. (sie­he Män­ner­dar­stel­lun­gen im Paläo­li­thi­kum).

His­to­risch fin­den wir pro­mi­nen­te Jagd­dar­stel­lun­gen tat­säch­lich erst­mals in Ver­bin­dung mit der Rin­der­do­mes­ti­ka­ti­on und zwar ein­mal in Cha­tal Höyük, in Ana­to­li­en, in der Tür­kei (cir­ca 6500 v.u.Z.), aber auch in Spa­ni­en, was an den teils krie­ge­ri­schen Jagd­dar­stel­lun­gen in der levan­ti­ni­schen Fels­kunst deut­lich nach­voll­zieh­bar ist. Letz­te­re gehen wahr­schein­lich auf die ab 5700 v.u.Z. aus Nord­afri­ka nach Spa­ni­en ein­ge­wan­der­ten Impres­so-Car­di­nal-Kera­mi­ker zurück, die eben­falls Rin­der­züch­ter waren. (Bott, Ger­hard; 2009, S. 140). Die­se Zeich­nun­gen heben sich stark ab von der fran­ko­kantabri­schen Höh­len­ma­le­rei des Paläo­li­thi­kums. (Ban­di, Hans Georg; 1951, http://​doi​.org/​1​0​.​5​1​6​9​s​e​a​l​s​-​1​1​4​008, ETH Biblio­thek, Schweiz).

Groß­flä­chi­ge Abbil­dun­gen von Jagd­sze­nen fin­den wir also zu einem Zeit­punkt, wo sich das Ver­ständ­nis des Man­nes als Jäger und Scha­ma­ne der Tie­re inner­halb der Reli­gi­on von Gott MUTTER, wel­che ja auch die Mut­ter der Tie­re ist, zum Hir­ten und zum HERRN der Tie­re wan­delt. Ver­glei­chen wir also die männ­li­chen Dar­stel­lun­gen aus dem Paläo­li­thi­kum mit denen im Neo­li­thi­kum im Modus III, sehen wir gro­ße Unter­schie­de im Welt­bild. Die fol­gen­den Abbil­dun­gen zei­gen eine der weni­gen männ­li­chen Dar­stel­lun­gen aus den paläo­li­thi­schen Höh­len, links eine als mög­li­che Jagd­sze­ne inter­pre­tier­ba­re Rit­zung und dane­ben wahr­schein­lich zwei Dar­stel­lun­gen von männ­li­chen Scha­ma­nen. Alle Dar­stel­lun­gen stam­men aus dem Mag­d­alé­ni­en (14 000 – 12 000 v.u.Z.). Die mög­li­che Jagd­sze­ne fand sich in der Grot­te de la Vache in Alli­at und die bei­den Dar­stel­lun­gen der Scha­ma­nen stam­men aus der Höh­le „Des Trois Frè­res“. Bei­de Höh­len lie­gen in den fran­zö­si­schen Pyre­nä­en, im Dépar­te­ment Ariège.

Jagdszene aus der Grotte de la Vache in Alliat
Jagd­sze­ne aus der Grot­te de la Vache in Alli­at, Ariège, Mag­da­le­ni­en 14 000 – 12 000 v.u.Z., Frank­reich, Foto Franz Arm­brus­ter Musée Archéo­lo­gie Natio­na­le (MAN), St.-Germain-en-Laye
Männliche Schamanen aus der Höhle Des Trois Frères
Männ­li­che Scha­ma­nen aus der Höh­le Des Trois Frè­res, Mon­tes­quieu-Avan­tès, Ariège, Frank­reich, Foto in der Mit­te: Franz Arm­brus­ter: Musée Archéo­lo­gie Natio­na­le (MAN), St.-Germain-en-Laye, Foto rechts Skiz­ze des soge­nann­ten „Tan­zen­den Scha­ma­nen“ nach Hen­ri Breuil aus dons­maps

Ganz anders sind die groß­flä­chi­gen Jagd­dar­stel­lun­gen aus Catal Höyük aus dem Neo­li­thi­kum des Modus III von wel­cher die Jagd auf einen gro­ßen roten Stier beson­ders her­vor­sticht.

Groß­flä­chi­ge Jagd­sze­nen in Cha­tal Höyük, Ana­to­li­en, Tür­kei; (cir­ca 6.500 v.u.Z.). Foto: Sieg­lin­de Maul
Die Jagd auf einen Auer­och­sen: „A recon­struc­tion of the aurochs“; Foto: Crea­ti­ve Com­mons 3.0; User: Omar Hof­tun

An der zeit­li­chen Ein­ord­nung die­ser völ­lig unter­schied­li­chen Dar­stel­lun­gen sehen wir mit Beginn der Tier­zucht einen deut­li­chen Bruch im Welt­bild. Wäh­rend im Paläo­li­thi­kum das Töten eines Tie­res viel­leicht in scha­ma­ni­sche Acht­sam­keits- und Dank­bar­keits­ri­tua­le ein­ge­bet­tet war, deu­ten die neo­li­thi­schen Jagd­sze­nen eher auf eine Hetz­jagd um des „Ver­gnü­gens“ wil­lens hin, denn die Jagd dien­te nach der Rin­der­do­mes­ti­ka­ti­on, noch weni­ger der Ernäh­rung als im Paläo­li­thi­kum. Die Ernäh­rung war aber fleisch­las­tig und die Kno­chen­fun­de in Cha­tal Höyük zei­gen, dass die­se zu 90 % von Rin­dern abstam­men, die Frau­en aber par­al­lel dazu 14 ver­schie­de­ne Kul­tur­pflan­zen anbau­ten, wäh­rend eine Ernäh­rung durch Milch im gro­ßen Stil zu die­sem Zeit­punkt nicht anzu­neh­men ist, da die Bevöl­ke­rung unter Lak­to­se­into­le­ranz litt. (Bott, Ger­hard, 2014, S. 107 – 109, Bol­lon­gi­no, Ruth, 2006).

Der allei­ni­ge Ernäh­rer wur­de der Mann aber erst in der Kup­fer­stein­zeit, und zwar zu dem Zeit­punkt als er im Pro­zess der Her­den­hal­tung von Rin­dern die Gesamt­hand­öko­no­mie durch Akku­mu­la­ti­on von Pri­vat­ei­gen­tum tief­grün­dig ver­än­der­te, und ab 4500 v.u.Z. mit dem durch Och­sen gezo­ge­nen Pflug, die Frau­en auch noch aus ihrer ange­stamm­ten neo­li­thi­schen Öko­no­mie der Pflan­zen­pro­duk­ti­on ver­trieb. Die Rol­le des Manns als Ernäh­rer steht also in direk­tem Zusam­men­hang mit Väter­herr­schaft, sie ist eines der Kern­stü­cke des Patri­ar­chats, denn der Ver­lust der eige­nen Öko­no­mie zwang die Frau­en erst dazu, ihre matrifo­ka­le Bluts­fa­mi­lie not­ge­drun­gen zu ver­las­sen und sich auf die patri­li­nea­re und patri­lo­ka­le Paa­rungs­fa­mi­lie ein­zu­las­sen. (mehr dazu unter: Wo eine Göt­tin ist, ist auch ein Gott).

Öko­no­mi­sche Abhän­gig­keit der Frau vom Mann, ins­be­son­de­re auch als Mut­ter vom Vater der Kin­der sind also, eben­so wie die Iso­lie­rung und die Abtren­nung von mensch­li­cher Gemein­schaft und damit ver­bun­de­ner Erzie­hungs­ko­ope­ra­ti­on, zwei her­aus­ra­gen­de Kenn­zei­chen des Patri­ar­chats.

4. Die Aktivierung männlicher Fürsorgebereitschaft

Vater und Klein­kind: Neus­te sozio­bio­lo­gi­sche For­schungs­er­geb­nis­se zei­gen, dass die in der Nähe von schwan­ge­ren Frau­en und ihren Kin­dern ver­brach­te Zeit und das Umsor­gen von Babys die männ­li­che Für­sor­ge­be­reit­schaft stei­gert; Foto: Wiki­me­dia Com­mons, 2.0; User Flickr

Nach­dem wir heu­te wis­sen, dass eine koope­ra­ti­ve Jun­gen­auf­zucht und wie Sarah Blaf­fer Hrdy es nennt eine allo­el­ter­li­che Betei­li­gung bei der Kin­der­be­treu­ung mit vie­len Bezugs­per­so­nen, ins­be­son­de­re mit matri­li­ne­ar weib­li­chen Ver­wand­ten wie Schwes­tern oder Groß­müt­tern von zen­tra­ler Bedeu­tung sind, (Blaf­fer Hrdy, Sarah; 2010, S. 147 – 156 und Die Evo­lu­ti­on frisst kei­ne Kin­der), beschäf­ti­gen wir uns genau­er mit der männ­li­chen Bereit­schaft für Für­sor­ge­ar­beit, die ja im Patri­ar­chat exor­bi­tant nied­rig ist.

In ihrem wich­ti­gen Buch „Müt­ter und ande­re“ (2010) hat sich die ame­ri­ka­ni­sche Anthro­po­lo­gin und Sozio­bio­lo­gin Blaf­fer Hrdy auch mit dem „Para­do­xon fakul­ta­ti­ver väter­li­cher Für­sor­ge“ beschäf­tigt. Blaf­fer Hrdy schreibt:

Mensch­li­che Müt­ter kön­nen rea­lis­ti­scher­wei­se nicht dar­auf ver­trau­en, dass der Mann, mit dem sie sich paa­ren, gewis­ser­ma­ßen dar­auf pro­gram­miert wäre, ihr bei der Auf­zucht von Kin­dern zu hel­fen, selbst wenn es mit hoher Wahr­schein­lich­keit sei­ne eige­nen Kin­der sind“. (eben­da, S. 224).

Blaf­fer Hrdy kon­sta­tiert aber auch, dass die Häu­fig­keit von Vater-Kind-Inter­ak­tio­nen bei Wild­beu­te­rIn­nen­völ­kern ins­ge­samt höher ist als in Agrar-. Hir­ten- oder in den meis­ten post­in­dus­tri­el­len Gesell­schaf­ten. (eben­da, S. 223). Ein paar Sei­ten spä­ter kon­kre­ti­siert die Wis­sen­schaft­le­rin das Wis­sen über wild­beu­te­risch leben­de Gemein­schaf­ten. Sie schreibt:

Die meis­ten Jäger-Samm­ler leben in Fami­li­en­ein­hei­ten mit star­kem Zusam­men­halt… Die Zusam­men­set­zung die­ser Fami­li­en aber schwankt mit der Zeit. Was wir als die Kern­fa­mi­lie (Vater, Mut­ter und ihre Kin­der) idea­li­sie­ren, war oft­mals nur eine vor­über­ge­hen­de und zudem alles ande­re als opti­ma­le Pha­se, da zwei Eltern, auf sich allein gestellt, die Bedürf­nis­se meh­re­rer Kin­der wohl kaum befrie­di­gen konn­ten. Zur Beschrei­bung der typi­schen oder natür­li­chen Pleis­to­zän-Fami­lie benut­ze ich daher lie­ber Begrif­fe wie ver­wand­ten­ba­siert, kin­der­zen­triert, oppor­tu­nis­tisch, mobil und sehr, sehr fle­xi­bel. Die Ein­hei­ten der Kin­der­auf­zucht waren grund­sätz­lich elas­tisch, das heißt, sie dehn­ten sich aus und schrumpf­ten in dem Maße, wie Indi­vi­du­en aus Not- oder Man­gel­si­tua­tio­nen zu ent­kom­men such­ten und dort­hin zogen, wo es nicht nur Nah­rung und Was­ser gab, son­dern wo sie auch sozia­le Unter­stüt­zung ver­mu­te­ten oder Grund zu der Annah­me hat­ten, dass ande­re Fami­li­en­mit­glie­der ihre Unter­stüt­zung brauch­ten. Die­se allo­el­ter­li­chen Sicher­heits­net­ze schu­fen die Vor­aus­set­zun­gen, unter denen sich ein hoch­gra­dig varia­bles väter­li­ches Enga­ge­ment über­haupt erst ent­wi­ckeln konn­te“ (eben­da, S. 230/​231).

Blaf­fer Hrdy weist dar­auf hin, dass bei den 5400 Säu­ge­tier­ar­ten auf der Erde bei den meis­ten Arten die Väter bemer­kens­wert wenig tun. Sie schreibt:

Männ­li­che Für­sor­ge fin­det sich nur bei einem Bruch­teil der Säu­ge­tie­re“. (eben­da, S. 221).

Sie weist dann aber expli­zit dar­auf hin, dass dies bei Pri­ma­ten anders ist:

Im Ver­gleich dazu sind die Männ­chen in der Ord­nung Pri­ma­ten ein regel­rech­tes Mus­ter an Für­sorg­lich­keit, da sie die Jun­gen nicht nur inten­siv beschüt­zen, son­dern auch direkt umsor­gen“. (eben­da, S. 221).

Auf­fal­lend ist jedoch, dass inner­halb der Pri­ma­ten die Men­schen­gat­tung Homo sapi­ens sich beson­ders durch eine enor­me Schwan­kungs­brei­te der Für­sor­ge­be­reit­schaft inner­halb der Art aus­zeich­net. Blaf­fer Hrdy schreibt:

Bei eini­gen Pri­ma­ten küm­mern sich die Männ­chen sehr inten­siv um die Jun­gen, bei ande­ren tun sie dies nur in Not­fäl­len, wäh­rend sich wie­der ande­re über­haupt nicht küm­mern. Aber das Aus­maß die­ser zwi­schen­art­li­chen Varia­ti­on ver­blasst im Ver­gleich zu der immensen Schwan­kungs­brei­te, die man inner­halb der einen Art Homo sapi­ens fin­det. Das Spek­trum der mate­ri­el­len oder emo­tio­na­len Unter­stüt­zung reicht von „Nur Sper­ma“ bis zu der obses­si­ven Hin­ga­be einer Mrs. Doubt­fire, … Beim Men­schen bestehen zwi­schen Kul­tu­ren und Indi­vi­du­en grö­ße­re Unter­schie­de in der Form und im Aus­maß der väter­li­chen Inves­ti­tio­nen als bei allen ande­ren Pri­ma­ten zusam­men­ge­nom­men“. (eben­da, S. 224).

Eine Sei­te vor­her bekräf­tigt die For­sche­rin aller­dings, dass „Kin­der­für­sor­ge durch Män­ner seit lan­ger Zeit inte­gra­ler Bestand­teil mensch­li­cher Anpas­sung ist (S. 223), weil bei Män­nern auch phy­sio­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen nach­weis­bar sind, wenn sie in die Kin­der­für­sor­ge inte­griert sind. Blaf­fer Hrdy schreibt:

Wie bei ande­ren Säu­ge­tie­ren mit einem hohen Maß an männ­li­cher Jun­gen­für­sor­ge kommt es auch bei Män­nern zu phy­sio­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen, wenn sie bloß eine bestimm­te Zeit in engem Kon­takt mit wer­den­den Müt­tern und mit Neu­ge­bo­re­nen ver­brin­gen“. (eben­da. S. 223).

Die Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gin schließt dar­aus:

Männ­li­che Für­sor­ge­po­ten­zia­le sind in der DNA unse­rer Spe­zi­es codiert. Doch im Unter­schied zu ande­ren Säu­ge­tie­ren mit extrem kost­spie­li­gen Jun­gen und fast obli­ga­ter Für­sor­ge durch bei­de Eltern­tei­le küm­mern sich Män­ner ein wenig, viel oder über­haupt nicht um ihre Kin­der“. (eben­da, S. 224).

Hier stellt sich natür­lich für jede Natur­wis­sen­schaft­le­rIn die Fra­ge, zu ergrün­den wel­che sozia­len und öko­lo­gi­schen Bedin­gun­gen die Aus­bil­dung männlicher/​väterlicher Für­sor­ge­be­reit­schaft begüns­ti­gen. Hier­zu gibt es inter­es­san­te For­schungs­er­geb­nis­se von Bar­ry Hew­lett, die auf ver­glei­chen­den Stu­di­en zwi­schen zwei afri­ka­ni­schen Wild­beu­te­rIn­nen­ge­sell­schaf­ten, näm­lich den !Kung und den Aka beru­hen, die sich bei­de durch lie­be­vol­le Väter aus­zeich­nen, zwi­schen denen aber trotz­dem gro­ße Unter­schie­de in der Inter­ak­ti­on mit den Kin­dern bestehen. Blaf­fer Hrdy fasst die dies­be­züg­li­chen For­schungs­er­geb­nis­se zusam­men:

Laut Hew­lett lässt sich die Abwei­chung durch die unter­schied­li­che Häu­fig­keit von Gele­gen­hei­ten erklä­ren, in denen sich Män­ner in der Nähe ihrer Kin­der auf­hal­ten. Wäh­rend !Kung-Män­ner mit Bogen und Gift­pfei­len auf die Jagd gehen, ihre Beu­te­tie­re über enor­me Ent­fer­nun­gen ver­fol­gen und daher län­ge­re Zeit fern des Lagers ver­brin­gen, jagen die Aka mit Net­zen, und Frau­en und Kin­der beglei­ten die Män­ner oft­mals auf die Jagd in die Wäl­der. Aka- (wie auch Efé)-Männer ver­brin­gen viel Zeit im Lager und haben mehr Frei­zeit, um sich mit Klein­kin­dern und Kin­dern zu beschäf­ti­gen die Gewiss­heit über die Vater­schaft, die in evo­lu­ti­ons­bio­lo­gi­schen Inter­pre­ta­tio­nen männ­li­chen Ver­hal­tens immer so eine zen­tra­le Stel­lung ein­ge­nom­men hat, ist nur ein Fak­tor, der die Für­sorg­lich­keit von Män­nern gegen­über Babys beein­flusst. Die in der Nähe von schwan­ge­ren Frau­en und ihren Kin­dern ver­brach­te Zeit und das Umsor­gen von Babys an sich machen Män­ner – selbst einen Mann, der nicht der leib­li­che Vater ist – für­sorg­li­cher“. (eben­da, S. 232).

Tat­säch­lich hat der enge Umgang von Män­nern mit Klein­kin­dern und Kin­dern, wie auf­grund der grund­sätz­li­chen gene­ti­schen Codie­rung von Für­sor­ge­be­reit­schaft von Män­nern und Vätern nicht anders zu erwar­ten, auch psy­cho­lo­gi­sche, endo­kri­no­lo­gi­sche und neu­ro­lo­gi­sche Aus­wir­kun­gen auf Män­ner und Jun­gen, die als sehr posi­tiv zu inter­pre­tie­ren sind. Wäh­rend die männ­lich-mili­tä­ri­sche Kampf­erzie­hung des Patri­ar­chats (eine „ech­ter“ Mann weint nicht) auf eine maxi­ma­le Stei­ge­rung des Tes­to­ste­ron­spie­gels abzielt, um Män­ner zu Kämp­fern abzu­rich­ten, sinkt der Tes­to­ste­ron­spie­gel bei Män­nern und Vätern, wenn die­se in Kon­takt mit schwan­ge­ren Müt­tern und anschlie­ßend mit deren Neu­ge­bo­re­nen sind. Des­glei­chen stei­gen bei Män­nern durch den Kon­takt mit Babys die Hor­mon­spie­gel an Pro­lak­tin, aber auch bei dem Hor­mon Cor­ti­sol. Das Hor­mon Pro­lak­tin wird im All­ge­mei­nen mit dem Brut­ver­hal­ten weib­li­cher Vögel und der Lak­ta­ti­on von Säu­ge­tie­ren und Cor­ti­sol mit der müt­ter­li­chen Fein­füh­lig­keit gegen­über Klein­kin­dern in Ver­bin­dung gebracht, wie Blaf­fer Hrdy wei­ter aus­führt. (eben­da. S. 233). Sie fasst zusam­men:

Je mehr frü­he­re Erfah­run­gen ein Mann mit der Kin­der­für­sor­ge hat, je län­ger er in Kon­takt mit Babys gewe­sen ist, je stär­ker er emo­tio­nal enga­giert ist und je fein­füh­li­ger er auf ihre Bedürf­nis­se reagiert, des­to deut­li­cher sind in der Regel die phy­sio­lo­gi­schen Aus­wir­kun­gen“. (eben­da, S. 234).

5. Matrifokale Männer und Väter heute

Bil­der von matrifo­kal-männ­lich-väter­li­cher, am Lebens­kreis­zy­klus ori­en­tier­ter Daseins­für­sor­ge; Fotos: Susan-Bar­ba­ra Elbe

Das Patri­ar­chat beginnt mit der Tier­zucht. Zucht und züch­ti­gen haben die glei­che Wort­wur­zel. Das Patri­ar­chat züch­tet nicht nur Tie­re und Pflan­zen. Es züch­tet auch Frau­en und Män­ner und die natür­li­che Vari­anz dazwi­schen wird weg­ge­züch­tet, denn in der Zucht ist alles mach­bar und dient der patri­ar­cha­len MACHT: Frau­en und ins­be­son­de­re Müt­ter wer­den auf schwach, „lieb“ und abhän­gig gezüch­tet und Män­ner und ins­be­son­de­re Väter auf aggres­siv, nar­ziss­tisch und domi­nant. Bei­des ist nicht nur wider­na­tür­lich, son­dern aus­ge­spro­chen lebens­dumm und bedient sich des Mit­tels der Gewalt. Nicht zufäl­lig spre­chen wir bis heu­te von einem „Zucht­haus“, wenn wir von einem Gefäng­nis spre­chen. (Anre­gung von Ger­trud Gansl in per­sön­li­cher Mit­tei­lung). Tat­säch­lich ist das gesam­te Gesell­schafts­sys­tem des Patri­ar­chats ein Zucht­haus und wir Er-ZIE­HEN unse­re Kin­der pas­send für die­ses Zucht­haus. Er-Zie­hen, bedeu­tet nichts ande­res als: er zieht. Nütz­lich ist die­ses Er-Zie­hen als gesell­schafts­kon­for­mes Abrich­ten nur für eine ganz klei­ne hier­ar­chisch-eli­tä­re Grup­pe von vor allem Män­nern, den Patri­ar­chen, die an der Spit­ze der Herr­schafts­py­ra­mi­de thro­nen und auch eini­gen patri­ar­cha­len Frau­en. Das Leben selbst nimmt dabei unge­heu­ren Scha­den.

5.1 Auch Männer verdanken einer Mutter ihr Leben

Matrifo­ka­le Män­ner und Väter durch­bli­cken das zer­stö­re­ri­sche Sys­tem des Patri­ar­chats, weil sie mit der Natur und ihren Zyklen und Rhyth­men ver­bun­den sind und die­se Anbin­dung und Ver­bun­den­heit mit der Natur, die­ses Reli­gio mit der Natur ist das Gegen­teil von dem patri­ar­cha­len Para­dig­ma, die Natur beherr­schen zu wol­len. Weil matrifo­ka­le Män­ner und Väter mit der Natur ver­bun­den sind, kön­nen sie selbst­ver­ständ­lich erken­nen, dass die Natur nicht den Müt­tern und den Vätern jeweils zur Hälf­te die bio­lo­gi­sche Arbeit an der Gene­ra­tio­nen­fol­ge zuge­teilt hat, son­dern, dass die Müt­ter den aller­größ­ten Teil die­ser für die Men­schen­art über­le­bens­wich­ti­gen Arbeit leis­ten. Da matrifo­ka­le Män­ner und Väter des­halb auch erken­nen und benen­nen kön­nen, dass auch sie den Müt­tern und nicht den Patri­ar­chen ihr Leben ver­dan­ken, ist es für sie nur fol­ge­rich­tig, dass die Müt­ter im Zen­trum einer mensch­li­chen Gesell­schaft ste­hen müs­sen, um die für die Men­schen­art erfor­der­li­che, koope­ra­tiv-gemein­schaft­li­che Daseins­für­sor­ge umfas­send zu gewähr­leis­ten. Matrifo­ka­li­tät folgt also nur der Logik der Natur! Es ist kein hier­ar­chisch-eli­tär-herr­schaft­li­ches Sys­tem, wie das Patri­ar­chat und das Matri­ar­chat mit Heros und König­tum, son­dern es ist ein men­schen­art­na­tür­li­cher, mut­ter­zen­trier­ter Kreis.

5.2. Der systemimmanente Destruktivismus des Patriarchats

Matrifo­ka­le Män­ner und Väter erken­nen den sys­tem­im­ma­nen­ten Destruk­ti­vis­mus des Patri­ar­chats und sie ver­su­chen die­ser Zer­stö­rungs­herr­schaft etwas ent­ge­gen zu set­zen. Kon­kret bedeu­tet dies, dass matrifo­ka­le Män­ner und Väter öko­lo­gisch, empa­thisch, emo­tio­nal intel­li­gent, koope­ra­tiv statt aus­schließ­lich kon­kur­renz­ori­en­tiert, lebens­zy­klisch-kreis­för­mig und Für­sor­ge­ar­beit erken­nend und aus­übend den­ken. Dadurch erken­nen sie auch den per­fi­den Umgang des Patri­ar­chats mit letz­te­rer, näm­lich,

  • dass die für das Leben unab­ding­ba­re Für­sor­ge­ar­beit von Kin­dern und alten Men­schen, ohne die Leben nicht funk­tio­niert und die damit ver­bun­de­ne Arbeit der Daseins­für­sor­ge bis heu­te vor allem den Müt­tern auf­ge­las­tet wird
  • dass die­se Arbeit dann per patri­ar­cha­ler Defi­ni­ti­on nicht als Arbeit aner­kannt, im Brut­to­so­zi­al­pro­dukt (BSP) nicht auf­ge­führt, und durch die­se Unsicht­bar­keits-Machung nicht nur als nicht lohn­wür­dig, son­dern auch als kei­ner­lei Wert­schät­zung bedür­fend dekla­riert wird
  • dass in der Fol­ge der patri­ar­chats­ideo­lo­gi­schen Unsicht­bar­keit­ma­chung der Für­sor­ge­ar­beit heu­ti­ge Vater-Mut­ter-Kin­der-Paa­rungs­fa­mi­li­en und noch viel stär­ker Allein­er­zie­hen­de, die zu mehr als 90 % eben­falls Müt­ter und kei­ne Väter sind, durch die für­sor­ge­ar­beit­aus­schlie­ßen­de Defi­ni­ti­on des Arbeits­be­griffs in eine wei­te­re kapi­ta­lis­ti­sche Aus­beu­tungs­stu­fe hin­ein­ge­zwun­gen wer­den durch die Nor­mal­pro­pa­gie­rung einer Drei­fach­ar­beits­be­las­tung als fort­schritt­li­cher Errun­gen­schaft von „moder­ner“ staat­li­cher Fami­li­en­po­li­tik

Weil matrifo­ka­le Män­ner und Väter Für­sor­ge­ar­beit sehen­de und täti­gen­de Män­ner sind, set­zen sie sich zusam­men mit Frau­en und Müt­tern dafür ein, die­se patri­ar­chats­ideo­lo­gi­sche Fehl­be­ur­tei­lung von Arbeit zu kor­ri­gie­ren. Sie packen also selbst­hän­disch an bei der Für­sor­ge­ar­beit, die auch manch­mal im wahrs­ten Sinn des Wor­tes „Scheiß­ar­beit“ und „Dreck­weg­mach­ar­beit“ ist, und nicht nur Spie­len mit dem Nach­wuchs bedeu­tet, wäh­rend die lang­wei­li­gen, all­täg­lich anfal­len­den, lebens­über­wich­ti­gen Rou­ti­ne­ar­bei­ten und das Put­zen und Rei­ni­gen an Frau­en dele­giert wird, ent­we­der an die eige­ne „Haus­frau“ oder an bezahl­te Putz­frau­en, da die „Her­ren der Schöp­fung“ sich zu fein sind oder sich zu wich­tig neh­men für die All­tags­ar­beit.

Matrifo­ka­le Män­ner und Väter sind aber auch mit den Geset­zen der Phy­sik ver­traut und erken­nen, dass es grund­sätz­lich ande­rer For­men des Wirt­schaf­tens bedarf. Das bedeu­tet, wir brau­chen nicht nur eine Öko­no­mie, die mit gemein­schaft­li­cher Für­sor­ge­ar­beit und den Grund­be­dürf­nis­sen des Lebens und des Ster­bens in Ein­klang zu brin­gen ist, son­dern auch eine Öko­no­mie, in wel­cher zuneh­mend die Erkennt­nis umge­setzt wird, dass die vom Patri­ar­chat pro­pa­gier­te öko­no­misch-expo­nen­ti­el­le Wachs­tums­kur­ve irgend­wann abreißt, weil natür­li­ches Wachs­tum immer nur zyklisch ver­läuft. Das impli­ziert, dass wir tief­grei­fen­de struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen in der Öko­no­mie ange­hen müs­sen. Wir brau­chen also eine Öko­no­mie, wel­che die Natur, ein­schließ­lich der Natur der Müt­ter nicht aus­beu­tet. Noch ein­mal auf den Punkt gebracht, brau­chen wir eine Öko­no­mie, wel­che nicht gegen die Natur, son­dern mit der Natur arbei­tet.

5.3 Die systemimmanente Gewalt des Patriarchats

Die Basis des Patri­ar­chats ist Gewalt. Matrifo­ka­le Män­ner und Väter erken­nen nicht nur die ver­schie­de­nen Erschei­nungs­for­men von patri­ar­cha­ler Gewalt, son­dern stel­len sich ihr gemein­sam mit Frau­en und Müt­tern ent­ge­gen, sei es der All­tags­ge­walt, der Kriegs­ge­walt zuguns­ten der patri­ar­cha­len Macht­eli­te und zum Scha­den des Lebens, aber auch der struk­tu­rel­len Gewalt.

Da matrifo­ka­le Män­ner den Kör­per der Frau und ihre Vul­va ehren und hei­li­gen, da sie die­sem weib­li­chen Kör­per ihr eige­nes Leben ver­dan­ken, üben matrifo­ka­le Män­ner und Väter nicht nur in per­so­na kei­ne kör­per­li­che oder psy­chi­sche Gewalt gegen­über Frau­en und Kin­dern aus, son­dern sie arbei­ten auch aktiv dar­an, dass Gewalt gesell­schaft­lich umfäng­lich geäch­tet und geahn­det wird und eine Wie­der­gut­ma­chung bei den Opfern erfolgt.

Eine Äch­tung von Gewalt beinhal­tet All­tags­ge­walt wie Schla­gen und Prü­geln mit Hän­den und Gegen­stän­den, Fes­seln, Tre­ten, Wür­gen, Sexua­li­sier­te Gewalt durch Por­no­gra­phie, Ver­ge­wal­ti­gung, sexu­el­len Miss­brauch von Kin­dern, Frau­en, Män­nern, Inter­se­xu­el­len und Trans­se­xu­el­len, Homo­pho­bie, Pro­sti­tu­ti­on, Leih­mut­ter­schaft, Tot­schlag, Mord, die Aus­übung psy­chi­scher Gewalt durch Aus­nut­zung unglei­cher Macht- und Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se, eine Ver­ban­nung von Frau­en aus der Öffent­lich­keit durch Ein­sper­ren in Häu­sern oder kör­per­ver­hül­len­de, nicht dem Wär­me- oder Son­nen­schutz, son­dern patri­ar­chal indok­tri­nie­ren­den theo­lo­gi­schen Moral­vor­schrif­ten die­nen­den Klei­dungs­stü­cken, Geni­tal­ver­stüm­me­lung, Zer­stö­rung von Lebens­grund­la­gen durch Plün­dern und Brand­schat­zen, Fol­te­run­gen, Ver­skla­vung, Gewalt durch Waf­fen in Form von Mes­sern, Schwer­tern, Säbeln, Pis­to­len, Geweh­ren, Bom­ben aller Art, ein­schließ­lich Atom­bom­ben, Was­ser­stoff­bom­ben und Gift­gas, Gewalt gegen Tie­re durch land­wirt­schaft­li­che Mas­sen­tier­hal­tung und Fließ­band­schlach­tun­gen, Gewalt gegen die Umwelt durch groß­flä­chi­gen Gift­ein­satz von Pes­ti­zi­den, Her­bi­zi­den, Insek­ti­zi­den und Über­dün­gung, rück­sichts­lo­se Zer­stö­rung der Lebens­räu­me durch Mono­kul­tu­ren, Abhol­zung, Fracking, Stau­damm­bau­ten, groß­flä­chi­gen, rück­sichts­lo­sen, Lebens­raum ver­gif­ten­den und zer­stö­ren­den Berg­bau aber auch die struk­tu­rel­le Gewalt durch Mans­plai­ning und Man­sprea­ding, wel­che den öffent­li­chen Raum als männ­lich defi­niert hat und sich dar­in äußert, dass der Mann von sich aus­ge­hend, den gesam­ten öffent­li­chen Raum nach sei­nem Gut­dün­ken defi­niert hat: den Raum der Theo­lo­gie, den Raum der Poli­tik, den Raum der Öko­no­mie und den Raum der Recht­spre­chung.

Matrifo­ka­le Män­ner und Väter sind also herz­lich will­kom­men! Wie könn­te es auch anders sein, sind sie doch alle unse­re Söh­ne!

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