Schuld, Angst und Sünde

Warum theologische Macht konstruierte Angst braucht

Steffanie Müller

Bruch­hau­ser Stei­ne (Bild: Stef­fa­nie Mül­ler)

Wir haben auf die­ser Sei­te mehr­fach beschrie­ben, wie das ursprüng­li­che Ver­ständ­nis von der Mut­ter im Zen­trum ent­stan­den ist. In die­sem Ver­ständ­nis gibt es kei­nen Raum für Ängs­te vor Stra­fen nach dem Tod, vor Höl­len­qua­len und Ver­damm­nis. Die­se Ängs­te wur­den erst künst­lich her­bei­ge­führt, da ohne sie nie­mals das Macht­kon­strukt der Kir­chen den Men­schen hät­te auf­ge­drückt wer­den kön­nen. Es ist näm­lich der­ma­ßen unlo­gisch und ver­dreht, dass jedes unbe­fan­ge­ne Kind es ent­lar­ven kann. Erst wenn das Den­ken durch Angst ver­hin­dert wird, wenn das Füh­len durch Kör­per- und Natur­feind­lich­keit beschnit­ten wird, wenn alles, was mäch­tig und gut war, als sünd­haft und ver­nich­tens­wert erklärt wird, erst dann kann ein sol­ches Kon­strukt die Herr­schaft (!) über­neh­men. Die­se Herr­schaft führt zu Leid, Krieg und Zer­stö­rung – in der Geschich­te und in der aktu­el­len Poli­tik ohne Mühe erkenn­bar.

Im evan­ge­li­schen Kon­fir­man­den­un­ter­richt muss­ten wir den Text einer gemein­sa­men Beich­te ler­nen und spre­chen, die Wor­te sind mir nach 33 Jah­ren immer noch prä­sent, so hat­ten sie sich ein­ge­fres­sen, und ich habe es neu­lich am Mit­tags­tisch, als das Gespräch auf Reli­gi­on kam, her­ge­sagt:

All­mäch­ti­ger Gott, barm­her­zi­ger Vater! Ich armer, elen­der, sün­di­ger Mensch beken­ne dir alle mei­ne Sün­de und Mis­se­tat, die ich began­gen mit Gedan­ken, Wor­ten und Wer­ken, womit ich dich jemals erzürnt und dei­ne Stra­fe zeit­lich und ewig­lich ver­dient habe. Sie sind mir aber alle herz­lich leid und reu­en mich sehr, und ich bit­te dich um dei­ner grund­lo­sen Barm­her­zig­keit und um des unschul­di­gen, bit­te­ren Lei­dens und Ster­bens dei­nes lie­ben Soh­nes Jesus Chris­tus wil­len, du wol­lest mir armem, sünd­haf­tem Men­schen gnä­dig und barm­her­zig sein, mir alle mei­ne Sün­den ver­ge­ben und zu mei­ner Bes­se­rung dei­nes Geis­tes Kraft ver­lei­hen.“

Mei­ne Toch­ter, heu­te so alt wie ich damals, schau­te fas­sungs­los und sag­te: „Ihr muss­tet sagen, dass ihr schei­ße seid?“ Exakt. Dar­auf basie­ren die­se Reli­gio­nen. Bringt den Men­schen bei, dass sie von Natur aus falsch sind und erlöst wer­den müs­sen, macht sie glau­ben, dass nicht erlös­te Men­schen ewi­ge Qua­len erlei­den wer­den, defi­niert natür­li­che Bedürf­nis­se (Sexua­li­tät, Neu­gier, Genuss, …) als Sün­de und lehrt sie, dass Den­ken und eige­nes Emp­fin­den ver­bo­ten sind, dann habt ihr sie am Wickel.

Mei­ne katho­li­schen Freun­din­nen gin­gen zur Beich­te; ich erin­ne­re mich an eine Groß­mut­ter, die zu ihrer neun­jäh­ri­gen Enke­lin nach die­sem Vor­gang stolz sag­te: „So, jetzt ist dein Seel­chen wie­der blank.“, und noch heu­te erin­nern die Wor­te in jeder Mes­se vor der Wand­lung an die Unwür­dig­keit des Men­schen: „Herr, ich bin nicht wür­dig, dass du ein­gehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort, so wird mei­ne See­le gesund.“

Damit auch ja nie­mand aus die­sem Netz von Schuld, Reue, Buße und Angst ent­kom­men kann, sind noch die Fäden der Erb­sün­de mit ein­ge­wo­ben:
Die Erb­sün­de ist der soge­nann­te „Unheils­zu­stand“, in dem die Men­schen sich befin­den, seit Eva Adam den Apfel gege­ben hat. Auch hier regiert die Angst über die Logik! Daher sind wir nach der theo­lo­gi­schen Auf­fas­sung alle erst­mal sowie­so ver­dammt und müs­sen erret­tet wer­den, dar­um war die mög­lichst rasche Tau­fe nach der Geburt so wich­tig, damit das Kind nicht ver­dammt sei, wenn es stür­be. Und noch heu­te wird bei Tau­fen in evan­ge­li­schen Kir­chen gesun­gen: „wer durch Was­ser und durch Geist nicht zuvor ist neu gebo­ren, wird von dir nicht auf­ge­nom­men und in Got­tes Reich nicht kom­men“.

Als Kine­sio­lo­gin arbei­te ich unter ande­rem mit der Ent­de­ckung und Auf­lö­sung alter Mus­ter und schäd­li­cher Glau­bens­sät­ze. Dabei zeigt sich deut­lich, dass unser kom­plet­tes Sys­tem (Kör­per-Geist-See­le oder wie immer ihr es nen­nen wollt) durch die­se teils seit Gene­ra­tio­nen im Unbe­wuss­ten gela­ger­ten Mus­ter geschwächt wird. Bis­her wird in der Kine­sio­lo­gie meist das indi­vi­du­el­le Mus­ter bear­bei­tet. Die­se kol­lek­ti­ven, seit der Erstar­kung des Patri­ar­chats in das mensch­li­che Bewusst­sein ein­ge­wo­be­nen Mus­ter lie­gen aber noch dar­un­ter, rich­ten aus dem Ver­bor­ge­nen her­aus Unheil an und füh­ren dazu, dass Sym­pto­me wie Ängs­te, Zwän­ge, Schuld­ge­füh­le, Depres­sio­nen und ein Gefühl, irgend­wie ver­kehrt zu sein, ent­ste­hen.

An Sexua­li­tät, Geburt, Mens­trua­ti­on pappt immer noch das in vie­len Jahr­hun­der­ten der Gehirn­wä­sche ver­fes­tig­te Eti­kett „UNREIN“. An Frau­en immer noch das Eti­kett der Benutz­bar­keit, des zur Ver­fü­gung Ste­hens, des Opferns. Hier muss ich mal den gefei­er­ten Luther zitie­ren: „Ob die Frau­en sich aber auch müde und zuletzt tot tra­gen, das scha­det nichts. Lass sie nur tot tra­gen, sie sind dar­um da.”

Wie oft füh­len Frau­en sich schul­dig, unge­nü­gend, ver­kehrt, weil irgend­wo aus der Tie­fe die­se Gehirn­wä­sche wirkt. Es ist empö­rend, dass immer noch die Infor­ma­ti­on dar­über fehlt, dass es sich bei den aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Nor­men, auch bei den viel zitier­ten Wer­ten des „Christ­li­chen Abend­lan­des“, um Macht­kon­struk­te han­delt, die gemes­sen an der Geschich­te der Mensch­heit erst seit sehr kur­zer Zeit exis­tie­ren. Sie stel­len kei­ne Wahr­hei­ten, Wer­te oder Nor­men dar, nach denen Men­schen leben müs­sen.

Solan­ge ich in der Sams­tags­aus­ga­be der Lokal­zei­tung zwei Spal­ten Pas­to­rin­nen­pre­digt fin­de, in der „Wer nicht an Gott glaubt, bleibt auf sei­ner Schuld sit­zen.“ den Kern­punkt bil­det, solan­ge die Kin­der mit ihren Later­nen fast anbe­ten­de Lie­der auf Luther sin­gen müs­sen, ich sage Müs­sen und mei­ne, solan­ge ihnen das als selbst­ver­ständ­lich, rich­tig, nicht zu hin­ter­fra­gen und hei­li­ge Tra­di­ti­on ein­ge­impft wird, solan­ge Inte­gra­ti­on als Ver­brü­de­rung (!) zwi­schen Chris­ten­tum und Islam defi­niert wird, solan­ge gibt es mehr Anre­gun­gen als wir brau­chen, uns mit den Aus­wir­kun­gen von Schuld, Sün­de und Angst zu beschäf­ti­gen. Es hilft auch kei­ne „moder­ne“ Inter­pre­ta­ti­on der Theo­lo­gi­en, die Angst und die patri­ar­cha­le Macht sind die grund­le­gen­den Ele­men­te und kön­nen nicht weg­dis­ku­tiert wer­den.

Das Schö­ne ist, sobald die Angst gebannt ist, kön­nen die Infor­ma­tio­nen frei auf­ge­nom­men wer­den und wir erken­nen, dass das alte Wis­sen, das eige­ne Bauch­ge­fühl und die­se neu­en Erkennt­nis­se sich zu einem logi­schen Gan­zen zusam­men­fü­gen.

Nach­satz: Natür­lich gibt es vie­le Men­schen, die reli­gi­ös und net­te, gute, sogar tole­ran­te Men­schen sind. Aller­dings sind sie das nicht, weil sie die­sen oder jenen Glau­ben haben, die­ser oder jener Kir­che ange­hö­ren, son­dern trotz­dem.