Menschliche Fortpflanzung:
Von mutterbiologischen Tatsachen und männlichem „Samen“

Wie das Patriarchat Mütter zu passiven Gefäßen des Mannes degradiert

Kirsten Armbruster

Sche­ma­zeich­nung einer tie­ri­schen Zel­le. Das Zyto­plas­ma (11) ent­hält fol­gen­de Struk­tu­ren: Zell­kern (2) Nukleo­lus (1) Vesik­el (4) Ribo­so­men (3) Rau­es Endo­plas­ma­ti­sches Reti­cu­lum (ER, 5) Mikro­tu­bu­li (7) Gol­gi-Appa­rat (6) Zen­trio­len (13) Glat­tes ER (8) Mito­chon­dri­en (9) Lyso­som (10) Per­o­x­iso­men (12) | Foto: GNU Free Docu­men­ta­ti­on Licen­se

Genotyp, Phänotyp und Mütterliche Effekte bestimmen, ob ein Mensch ein Mensch wird

Die natür­li­che Fort­pflan­zung des Men­schen erfolgt bise­xu­ell, d.h. ein Mensch ent­wi­ckelt sich gene­tisch haupt­säch­lich aus der Ver­ei­ni­gung eines müt­ter­li­chen und eines väter­li­chen Chro­mo­so­men­sat­zes bei der soge­nann­ten Karyo­ga­mie, der Ver­schmel­zung der Zell­ker­ne zur Zygo­te. In den Zel­len von Euka­ryo­ten, zu denen neben Men­schen auch Pflan­zen, Tie­re und Pil­ze gehö­ren, ist der Groß­teil der DNA (Des­oxy­ri­bonu­cleic Acid) im Zell­kern als Chro­mo­so­men orga­ni­siert. Die DNA, als mate­ri­el­le Basis der Gene, ist also die Trä­ge­rin der Erb­in­for­ma­ti­on. Ein klei­ner Teil der DNA befin­det sich aller­dings außer­halb des Zell­kerns im soge­nann­ten Zyto­plas­ma und zwar in den dort befind­li­chen Zell­or­ga­nel­len, die von einer dop­pel­ten Mem­bran umge­ben sind. Bei Pflan­zen sind das die Plas­t­i­den, bei Tie­ren und Men­schen die Mito­chon­dri­en.

Die DNA in den Mito­chon­dri­en, die soge­nann­te mito­chon­dria­le DNA (kurz mtDNA), von ihrer Gestalt her kreis­för­mig, ist zwar mit 16 000 Basen­paa­ren wesent­lich klei­ner als das Erb­gut im Zell­kern, das 3 Mil­li­ar­den Basen­paa­re umfasst, aber die mtDNA leis­tet trotz­dem einen wesent­li­chen gene­ti­schen Bei­trag. Tat­säch­lich kann die Anthro­po­lo­gie – die Abstam­mungs­leh­re des Men­schen – die Abstam­mung von Mulier-Homo sapi­ens – dem soge­nann­ten moder­nen Men­schen – anhand der mtDNA auf­grund ihrer gerin­gen Muta­ti­ons­ra­te, 6000 Gene­ra­tio­nen zurück auf eine ein­zi­ge Urmut­ter zurück­füh­ren. (Sykes, Bryan, 2001). Der Geno­typ eines Men­schen, die Gesamt­heit der gene­ti­schen Infor­ma­ti­on ist also ein­mal von den müt­ter­li­chen und väter­li­chen Genen im Zell­kern bestimmt. Zusätz­li­che gene­ti­sche Infor­ma­tio­nen erfol­gen aber über die aus­schließ­lich müt­ter­lich ver­erb­te DNA aus den Mito­chon­dri­en.

Neben dem Geno­typ gibt es aller­dings den Phä­no­typ. Der Phä­no­typ ist das Erschei­nungs­bild und bezeich­net in der Gene­tik die Men­ge aller Merk­ma­le eines Orga­nis­mus. Dabei bezieht sich der Phä­no­typ nicht nur auf mor­pho­lo­gi­sche, son­dern auch auf phy­sio­lo­gi­sche Eigen­schaf­ten und auf Ver­hal­tens­merk­ma­le. Mor­pho­lo­gisch bedeu­tet dabei die äuße­re Gestalt betref­fend und phy­sio­lo­gisch betrifft die inne­ren Stoff­wech­sel­vor­gän­ge. Die ame­ri­ka­ni­sche Sozio­bio­lo­gin Mary Jane West-Eber­hard schreibt dazu, dass „die blo­ßen Gene zu den unfä­higs­ten und nutz­lo­ses­ten Mate­ria­li­en gehö­ren, die man sich vor­stel­len kann“, weil „der Phä­no­typ des frü­hen Embry­os allein von der Mut­ter deter­mi­niert wird“. (West-Eber­hard, Mary Jane zit. in Blaf­fer Hrdy, Sarah, Mut­ter Natur, 2010, S. 97/​98).

Die Befruch­tung und die Ver­schmel­zung der Gene im Zell­kern ermög­li­chen näm­lich noch kei­ne Fort­pflan­zung.

Tat­säch­lich ent­schei­den soge­nann­te Müt­ter­li­che Effek­te dar­über, ob ein Mensch ein Mensch wird“, schreibt die ame­ri­ka­ni­sche Anthro­po­lo­gin Blaf­fer Hrdy in ihrem ers­ten Buch „Mut­ter Natur“ und ergänzt die For­schun­gen der Sozio­bio­lo­gin West-Eber­hard, denn schon vor der Befruch­tung ist die Eizel­le eines Tie­res oder einer Pflan­ze ein hoch orga­ni­sier­ter und akti­ver Phä­no­typ. Blaf­fer Hrdy kon­kre­ti­siert:

Man betrach­te nur, was am Anfang eines Frosch­le­bens pas­siert. Stun­den nach der Befruch­tung besteht die sich schnell tei­len­de Blas­tu­la (das Anfangs­sta­di­um in der Ent­wick­lung eines Tie­res) bereits aus 4000 Zel­len. Aber noch ist kein ein­zi­ges Gen des Embry­os akti­viert. Alle sei­ne Instruk­tio­nen stam­men von Hor­mo­nen und Pro­te­inen, die in sei­nem Zyto­plas­ma zir­ku­lie­ren. Die anfäng­li­che Ent­wick­lung die­ses neu­en Indi­vi­du­ums ist alles ande­re als gene­tisch deter­mi­niert, son­dern in hohem Maße von der Ver­fas­sung sei­ner Mut­ter, ihrem Ernäh­rungs­zu­stand oder ihrer Lebens­ge­schich­te beein­flusst“. (eben­da, S. 97).

Kein Wun­der, ist doch die Mut­ter die ein­zi­ge Umwelt des Embry­os.

Schau­en wir aber nun auf phy­sio­lo­gi­scher Ebe­ne noch ein­mal genau­er auf die Müt­ter­li­chen Effek­te.

Die Eizelle, ihr Zytoplasma und die damit einhergehenden Mütterlichen Effekte

Die Eizel­le oder Oocy­te ist die weib­li­che Keim­zel­le zwei­ge­schlecht­li­cher Lebe­we­sen. Die Eizel­len sind wesent­lich grö­ßer als die männ­li­chen Game­ten. Beim Men­schen ist die Eizel­le hun­dert­mal grö­ßer als die männ­li­che Game­te, das Sper­mi­um, da das Sper­mi­um nur die Kern-DNA ent­hält. Eizel­len sind hin­ge­gen nicht nur Zel­len mit einem haplo­iden Chro­mo­so­men­satz im Zell­kern, son­dern sie ent­hal­ten auch das Zyto­plas­ma als zel­lu­lä­re Umge­bung in der sich zusätz­lich noch die Zell­or­ga­nel­len befin­den. Blaf­fer Hrdy schreibt.

Die Eizel­le ent­hält dage­gen ver­schie­de­ne Ing­re­den­zi­en – den Zell­kern und das Zyto­plas­ma. Sobald sich das Sper­mi­um inner­halb des Eis befin­det, wer­den von der Mut­ter über­mit­tel­te Anwei­sun­gen umge­setzt. Nähr­stof­fe, die schon vor der Befruch­tung gehor­tet wur­den, ver­sor­gen den Embryo mit dem, was er für sei­ne Ent­wick­lung benö­tigt. Die Eizel­le der Mut­ter stammt von Zel­len ab, die schon vor der Befruch­tung damit begon­nen haben, sich zu tei­len. Lan­ge bevor es zu irgend­ei­nem Kon­takt zwi­schen Sper­mi­um und Eizel­le kommt, sind durch die vier Tei­lun­gen aus der müt­ter­li­chen Urkeim­zel­le 16 Zel­len gewor­den. Eine die­ser Zel­len lebt als eigent­li­che Eizel­le wei­ter. Aus den ande­ren wer­den „Nähr­zel­len“ – sie stel­len Nähr­stof­fe und ande­re Sub­stan­zen her, die durch das Zyto­plas­ma trans­por­tiert wer­den (Alberts et al., 1994). Mit ande­ren Wor­ten: Ehe die im Sper­mi­um ent­hal­te­nen Gene des Vaters auch nur akti­viert wer­den, steht die frü­he Embryo­nal­ent­wick­lung bereits unter müt­ter­li­cher Kon­trol­le. Sobald die Eizel­le eine Samen­zel­le akzep­tiert, wer­den müt­ter­li­che Effek­te in Gang gebracht. Das Pro­to­plas­ma der Mut­ter lei­tet die Ent­wick­lung des Embry­os ein und gibt damit gleich­zei­tig den Start­schuss für eine Viel­zahl mög­li­cher müt­ter­li­cher Effek­te“. (Blaf­fer Hrdy, Sarah, eben­da, S. 96).

Den Mito­chon­dri­en als den Kraft­wer­ken der Zel­len kommt dabei eine wei­te­re Schlüs­sel­rol­le zu, denn die Mito­chon­dri­en sind nicht nur durch ihre aus­schließ­lich an die Müt­ter gekop­pel­te Gene­tik inter­es­sant, son­dern auch phy­sio­lo­gisch, denn die Haupt­auf­ga­be der Mito­chon­dri­en ist die Pro­duk­ti­on von Ener­gie in Form von ATP (Ade­nosin­tri­phos­phat) inner­halb der soge­nann­ten Atmungs­ket­te. Die Atmungs­ket­te ist ein Teil des Ener­gie­stoff­wech­sels der meis­ten Lebe­we­sen. In der Atmungs­ket­te fin­den soge­nann­te bio­che­mi­sche Redoxre­ak­tio­nen statt, die zur Ener­gie­ge­win­nung die­nen. Die­se Redoxre­ak­tio­nen erfol­gen durch Enzy­me, wel­che in der inne­ren Mito­chon­dri­en­mem­bran lie­gen und eine Ket­te bil­den, über die Elek­tro­nen trans­por­tiert wer­den. Neben der Ener­gie­pro­duk­ti­on stel­len die Mito­chon­dri­en Raum für den Ablauf von che­mi­schen Auf-und Abbau­pro­zes­sen zur Ver­fü­gung. So befin­den sich in den Mito­chon­dri­en Enzy­me, die für den Zitro­nen­säu­re­zy­klus und den Fett­stoff­wech­sel wich­tig sind. Dar­über hin­aus die­nen die Mito­chon­dri­en als Kal­zi­um­spei­cher.

In den Mito­chon­dri­en aber auch im rau­hen Endo­plas­ma­ti­schen Reti­cu­lum (ER)befin­den sich zudem soge­nann­te Ribo­so­men. Ribo­so­men sind ele­men­tar wich­tig für die Pro­te­in­bio­syn­the­se, also den Eiweiß­stoff­wech­sel, da sie Bestand­teil zwei­er „Über­set­zungs­funk­tio­nen“ in der Zel­le sind, der soge­nann­ten Tran­skrip­ti­on und der Trans­la­ti­on. Unter Tran­skrip­ti­on ver­steht man die Umschrei­bung der Nuclein­ba­sen Ade­nin, Thy­min, Gua­nin und Cyto­sin der dop­pel­strän­gi­gen DNA, wel­che den Zell­kern nicht ver­las­sen kann, in die ein­strän­gi­ge RNA, wo die Base Thy­min durch die Base Ura­cil und der Zucker Des­oxy­ri­bo­se durch Ribo­se ersetzt wer­den. Die­ser Pro­zess der Tran­skrip­ti­on fun­giert als Über­set­zungs­pro­zess des gene­ti­schen Codes der im Zell­kern befind­li­chen DNA, wel­che durch die Basen­se­quenz defi­niert wird. Unter Trans­la­ti­on ver­steht man den anschlie­ßen­den zwei­ten Über­set­zungs­pro­zess, in der die ver­än­der­te Basen­se­quenz der RNA nun in die Ami­no­säuren­se­quenz des Pro­te­ins über­setzt wird. Die Basen­se­quenz der DNA stellt somit einen Code dar, der unter Ver­mitt­lung der ribo­so­ma­len RNA die Struk­tur spe­zi­fi­scher Pro­te­ine bestimmt. Bei die­sem Vor­gang der Infor­ma­ti­ons­über­tra­gung han­delt es sich um den zen­tra­len Pro­zess der Mole­ku­lar­bio­lo­gie und der kann nur erfol­gen mit­hil­fe der sich im Zyto­plas­ma befind­li­chen Zell­or­ga­nel­len von denen auch der Gol­gi-Appa­rat eine zen­tra­le Funk­ti­on inne­hat. Eine der Haupt­funk­tio­nen des Gol­giap­pa­rats ist es, die ent­stan­de­nen Pro­te­ine vom Endo­plas­ma­ti­schen Reti­cu­lum (ER)zu emp­fan­gen und umzu­wan­deln. Dazu wer­den die Pro­te­ine in klei­nen Abschnü­run­gen vom ER – den soge­nann­ten Vesikeln – zum Gol­gi-Appa­rat trans­por­tiert und dort umge­wan­delt. Die­se Trans­port­wei­se mit Vesikeln soll ver­hin­dern, dass beim Trans­port durch das Zyto­plas­ma Reak­tio­nen ablau­fen, die der Zel­le scha­den könn­ten. Nach der Umwand­lung der Pro­te­ine im Gol­gi-Appa­rat, wer­den die­se nun wie­der­um in Vesikeln – die jetzt vom Gol­gi-Appa­rat stam­men – wei­ter zu ihrem Bestim­mungs­ort geschickt.

Da nur die Eizel­le über das Zyto­plas­ma und die dar­in befind­li­chen Zell­or­ga­nel­len ver­fügt, wird nun auch ver­ständ­lich, war­um Sozio­bio­lo­gin­nen wie Mary Jane West-Eber­hard die Ent­ste­hung des Indi­vi­du­ums als Müt­ter­li­chen Effekt defi­nie­ren.

Embryonenschutzgesetz und die Einnistung des Embryos in den mütterlichen Organismus

Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang auch, wie sich gera­de im Zuge von Klon­tech­ni­ken und Repro­duk­ti­ons­me­di­zin die grund­recht­li­che und bio­ethi­sche Sicht­wei­se auf den Embryo ver­än­dert. War bis­her die herr­schen­de Mei­nung, dass mit der Ver­schmel­zung der Ker­ne von Eizel­le und Sper­mi­um zur Zygo­te mensch­li­ches Leben ent­steht, das sich von da an als Mensch wei­ter­ent­wi­ckelt und dem des­halb auch der Schutz der Men­schen­wür­de nach Art. 1 des Grund­ge­set­zes zukommt, ver­än­dert sich die­se Sicht­wei­se zuneh­mend.

Wiki­pe­dia schreibt unter dem Begriff des Klo­nens:

Aller­dings ist auch in Deutsch­land die Ansicht im Vor­drin­gen begrif­fen, die den Lebens­schutz des Grund­ge­set­zes mit der Nida­ti­on, der Ein­nis­tung des Embry­os in den müt­ter­li­chen Kör­per, ein­set­zen lässt. Das legen Erkennt­nis­se der medi­zi­ni­schen Anthro­po­lo­gie nahe, nach denen eine Wech­sel­wir­kung zwi­schen Embryo und Mut­ter­kör­per erfor­der­lich ist, damit sich der Embryo über­haupt zu einem Men­schen ent­wi­ckeln kann. Ohne die­sen Impuls, die Nida­ti­on, ent­steht nie­mals ein Mensch, der Embryo ent­wi­ckelt sich gleich­sam ins Nichts. Die­ser Ansicht ent­spricht die gel­ten­de Rechts­la­ge in Groß­bri­tan­ni­en“. (Wiki­pe­dia: Begriff: Klo­nen: 31. 1. 2018).

Sper­mi­um und Eizel­le | Foto: Wiki­me­dia Com­mons: gemein­frei

Shuttle-Service und Kooperation:
Weitere für das Patriarchat unbequeme Wahrheiten über die Fortpflanzung

Beschäf­ti­gen wir uns noch wei­ter mit inter­es­san­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen bezüg­lich der Befruch­tung:

2014 wur­de im West­deut­schen Rund­funk des Deut­schen Fern­se­hens der Film „Der Sper­mi­en-Mythos“ aus­ge­strahlt, der unter Mit­wir­kung des Kin­der­wun­sch­zen­trums in Darm­stadt ent­stand, aller­dings heu­te im Netz nicht mehr ver­füg­bar ist. In dem Film wer­den eini­ge der Mythen um die Sper­mi­en und die Befruch­tung völ­lig anders dar­ge­stellt, als wir gemein­hin in der Schu­le gelernt haben. Unter Prav­da TV fin­det sich auch heu­te noch eine gute Zusam­men­fas­sung des Films, die Johan­na Bay­er zusam­men­ge­stellt hat und an die­ser Stel­le wie­der­ge­ge­ben wer­den soll. (https://​www​.prav​da​-tv​.com/​2​0​1​4​/​0​3​/​d​e​r​-​s​p​e​r​m​i​e​n​-​m​y​t​h​o​s​-​v​i​d​e​o​/​#​j​O​S​6​A​0​3​L​e​z​7​I​U​C​e​x​.99).

Johan­na Bay­er schreibt:

Mythos 1: Sie schwimmen

Sper­mi­en schwim­men nicht durch die Gebär­mut­ter. Ihre Gei­ßel, mit der sie in einer schrau­ben­den Bewe­gung schla­gen, dient nicht zur Über­win­dung gro­ßer Distan­zen, son­dern zum Ein­drin­gen ins Ei. Bis zu die­sem Zeit­punkt bewah­ren sie ihre Ener­gie auch lie­ber auf – rich­tig aktiv wer­den sie erst im Eilei­ter, wenn das Ziel unmit­tel­bar bevor­steht. Die rie­si­ge Stre­cke von der Schei­de, wo sie lan­den, bis zum Ei, könn­ten sie auch gar nicht so ein­fach über­win­den. Sper­mi­en gehö­ren zu den kleins­ten Kör­per­zel­len, sie sind nur 0,06 Mil­li­me­ter groß. Im Kör­per der Frau liegt eine Stre­cke von 12 bis 15 Zen­ti­me­tern vor ihnen, bis sie das rei­fe Ei errei­chen. Müss­ten sie schwim­men, wäre das eine schwe­re Her­aus­for­de­rung: Rech­net man die Distanz­ver­hält­nis­se auf einen erwach­se­nen Mann von 1,80 Metern um, müss­te die­ser rund 5,5 Kilo­me­ter Dau­er­schwim­men – mehr als beim här­tes­ten Tri­ath­lon! Doch schon zehn Minu­ten nach der Ankunft in der Schei­de kön­nen die ers­ten Sper­mi­en am Eilei­ter ein­tref­fen; aus eige­ner Kraft könn­ten sie das gar nicht schaf­fen.

Mythos 2: Bequem wie im Shuttle-Service

Statt­des­sen sorgt die Gebär­mut­ter für den Trans­port: Wie For­scher vom Uni­kli­ni­kum Darm­stadt schon vor Jah­ren ein­drucks­voll zei­gen konn­ten, schie­ben geziel­te Mus­kel­kon­trak­tio­nen der Gebär­mut­ter die Sper­mi­en im Gebär­mut­ter­schleim nach oben Rich­tung Ei. Denn der Eilei­ter, in dem gera­de ein rei­fes Ei sitzt, akti­viert die ent­spre­chen­de Sei­te der Gebär­mut­ter, so dass sich die Mus­keln zusam­men­zie­hen und die Sper­mi­en wie mit einem Shut­tle-Ser­vice trans­por­tie­ren. Auch den Auf­stieg von der Schei­de in die Gebär­mut­ter erle­di­gen die Sper­mi­en nicht selbst: Der Gebär­mut­ter­hals saugt die Sper­mi­en an und so gelan­gen sie nach oben in den schüt­zen­den, näh­ren­den Schleim des Gebär­mut­ter­hal­ses. Hier kön­nen sie fünf bis sie­ben Tage über­le­ben, und von hier aus tre­ten sie ihre Rei­se an.

Mythos 3: Kampf und Konkurrenz

Zwi­schen 40 und 600 Mil­lio­nen Sper­mi­en kom­men in der Schei­de an – doch nur weni­ge Tau­send errei­chen den Eilei­ter. Doch nicht die Sper­mi­en bekämp­fen sich gegen­sei­tig, um den Bes­ten aus­zu­le­sen. Das Gros bleibt buch­stäb­lich auf der Stre­cke, weil es die Rei­se durch die Gebär­mut­ter nicht über­steht. Denn in der Gebär­mut­ter sind sehr vie­le Immun­zel­len aktiv, die Fein­de und Ein­dring­li­che abweh­ren sol­len. Die Immun­zel­len stür­zen sich auf alle Fremd­kör­per – und auch Sper­mi­en sind Fremd­kör­per. Die meis­ten Sper­mi­en aus dem Eja­ku­lat wer­den also ver­nich­tet, das ist ver­mut­lich ein Grund dafür, dass eine sol­che Men­ge zur Ver­fü­gung gestellt wird. Es gibt aber auch inter­es­san­te Beob­ach­tun­gen, wie sich die Sper­mi­en ver­hal­ten: Vie­le von ihnen, ein Drit­tel in jedem Eja­ku­lat, kön­nen sich gar nicht bewe­gen. Sie schei­nen nutz­los zu sein, aber ihre Auf­ga­be könn­te dar­in lie­gen, eben jene Immun­zel­len zu beschäf­ti­gen! Je mehr Sper­mi­en-Mas­se, des­to mehr haben die Abwehr­kör­per zu tun – und des­to mehr kom­men durch. So stellt sich in Wahr­heit die Auf­ga­be der Sper­mi­en nicht als Wett­kampf gegen­ein­an­der dar, son­dern als Koope­ra­ti­on! Im Schutz der Mas­se gelan­gen genü­gend lebens­fä­hi­ge, beweg­li­che Sper­mi­en von der Gebär­mut­ter bis zum Ei.

Mythos 4: Nur der Beste gewinnt

Nur ein ein­zi­ges Sper­mi­um dringt ins Ei ein und befruch­tet es – doch das heißt nicht, dass nur ein ein­zi­ges das Ei erreicht, und dass die­ses das schnells­te und kräf­tigs­te Sper­mi­um der Men­ge ist. Statt­des­sen lan­den Hun­der­te von Samen­zel­len im Eilei­ter, wo die Umge­bung für sie güns­ti­ger ist als in der Gebär­mut­ter: Hier durch­lau­fen sie eini­ge Ver­än­de­run­gen, die sie akti­ver machen, so dass ihre Gei­ßel viel schnel­ler schlägt. Das Ei selbst kommt ihnen ent­ge­gen, gefä­chelt von klei­nen Här­chen des Eilei­ters. So schaf­fen es die Sper­mi­en, im Eilei­ter eine win­zi­ge Stre­cke von einem bis zwei Zen­ti­me­tern selbst zu über­win­den, unter­stützt noch durch Kon­trak­tio­nen der Eilei­ter­wand, die sie vor­an-schie­ben. Das Ei sen­det außer­dem Lock­stof­fe aus, die che­misch auf die Köp­fe der Sper­mi­en wir­ken, so dass sie sich zum Ei aus­rich­ten. Zwei- bis drei­hun­dert Sper­mi­en kön­nen sich so auf das emp­fäng­nis­be­rei­te Ei stür­zen.

Realität: Alle für einen

Das Ei ist von einer Wol­ke von Zel­len umge­ben – die­se Außen­schicht gilt es nun zu kna­cken. Eine Samen­zel­le allei­ne könn­te die­se Hül­le nicht durch­drin­gen, sagen Exper­ten: Die Haupt­auf­ga­be der vie­len im Team arbei­ten­den Sper­mi­en ist es, die Außen­schicht des Eies auf­zu­lö­sen. Genau dazu die­nen auch die Schlä­ge mit der Gei­ßel – nicht zur Fort­be­we­gung. Wenn die Hül­le schließ­lich nach­gibt und ein­reißt, so ist es purer Zufall, wel­ches Sper­mi­um hin­ein­ge­langt. Es ist weder das Schnells­te noch das Bes­te, auch nicht das, das sich gegen ande­re durch­ge­setzt hat – son­dern das Sper­mi­um, das zufäl­lig gera­de an der rich­ti­gen Stel­le sitzt. Viel­leicht ist es auch eines, das gera­de erst ange­kom­men ist und noch fri­sche Kräf­te hat, um zu boh­ren. Auch hier siegt also das Team: Das Wun­der der Befruch­tung ist ein Wun­der an Koope­ra­ti­on“.

Samen­korn einer Boh­ne als Bei­spiel für einen zwei­keim­blätt­ri­gen Samen (Dico­ty­le­don). Der Same besteht bei den soge­nann­ten Sper­ma­to­phy­ten aus der Samen­scha­le, dem Nähr­ge­we­be (Endo­sperm) und einem ruhen­den Embryo. Das Wort Samen für die männ­li­chen Game­ten – die Sper­mi­en- beim Men­schen zu ver­wen­den ist hoch­gra­dig irre­füh­rend, weil es sug­ge­riert, dass im Sper­mi­um bereits der fer­ti­ge Embryo ange­legt ist.

Von männlichem Samen, der Mütter zu passiven Gefäßen des Mannes degradiert

Umgangs­sprach­lich wer­den die männ­li­chen Game­ten beim Men­schen – die Sper­mi­en – immer noch als Samen und ein männ­li­cher Orgas­mus als Samen­er­guss bezeich­net. Die­se Begriff­lich­kei­ten füh­ren in die Irre, denn der Begriff Same kommt aus der Bota­nik. Dort ist der Same die cha­rak­te­ris­ti­sche Ver­brei­tungs­ein­heit der soge­nann­ten Sper­ma­to­phy­ten. Sper­ma­to­phy­ten sind eine Grup­pe im Reich der Pflan­zen, wel­che Samen als Aus­brei­tungs­or­ga­ne bil­den. Sie bil­den Samen, die den Embryo geschützt in müt­ter­li­chem Gewe­be (Samen­scha­le) ent­hal­ten Der Same besteht aus der Samen­scha­le, dem Nähr­ge­we­be, dem soge­nann­ten Endo­sperm und einem bereits fer­ti­gen Embryo im Ruhe­sta­di­um.

Dass es sich beim Sper­mi­um des Men­schen nicht um eine Zel­le mit einem fer­ti­gen Embryo han­delt, ist heu­te hin­läng­lich bekannt, aber den­noch prägt die­ses Den­ken des „akti­ven Man­nes“, der das Kind mit sei­nem Samen zeugt, was impli­ziert, dass der Mann der Erzeu­ger des Kin­des ist, bis heu­te die Gesell­schaft. Der Frau, der Mut­ter wird die Rol­le eines pas­si­ven Gefä­ßes zuge­teilt.

Blaf­fer Hrdy beschreibt in ihrem ers­ten Buch „Mut­ter Natur“ die lang­jäh­ri­ge Inter­pre­ta­ti­on patri­ar­cha­ler Natur­wis­sen­schaft­ler über mensch­li­che Fort­pflan­zung, die bis 1925 annah­men, dass allein die Männ­chen den Ver­lauf der Evo­lu­ti­on bestimm­ten. Sie schreibt:

Im spä­ten 17. Jahr­hun­dert mein­ten Wis­sen­schaft­ler beim Blick durch das Mikro­skop im Inne­ren einer mensch­li­chen Samen­zel­le einen Minia­tur­men­schen, einen klei­nen „Homun­ku­lus“ zu erken­nen, der dort zusam­men­ge­kau­ert dar­auf war­te­te, im weib­li­chen Schoß abge­legt zu wer­den. Selbst noch nach 1827, als der Embryo­lo­ge Karl Ernst von Baer die Eizel­le von Säu­ge­tie­ren erst­mals genau­er beschrie­ben und sei­ne Kol­le­gen davon über­zeugt hat­te, dass in den weib­li­chen Ute­rus kei­ne fer­ti­gen Men­schen ein­ge­pflanzt wür­den, nahm man wei­te­re hun­dert Jah­re an, dass allein die Männ­chen den Ver­lauf der Evo­lu­ti­on bestimm­ten. Müt­ter steu­er­ten zwar Eizel­len bei, gal­ten aber immer noch als pas­si­ve Gefä­ße, die dar­auf war­ten, dass die Männ­chen ihre Lebens­kraft an sie wei­ter­ge­ben“. (Blaf­fer Hrdy, Sarah, Mut­ter Natur; 2010,S. 96).

Zeich­nung des Homun­ku­lus aus Nico­las Hartso­ekers „Essay de Diop­tri­que“, 1694. Die dama­li­gen Natur­wis­sen­schaft­ler glaub­ten unter dem Mikro­skop im Sper­mi­um einen fer­ti­gen Men­schen zu erken­nen. Die­ser fer­ti­ge Men­schen­sa­me wur­de – so die Annah­me – vom Mann im männ­lich aktiv domi­nier­ten Sexu­al­akt – im Kör­per der Frau abge­legt, der nur noch die Rol­le des pas­si­ven Gefä­ßes des Erzeu­gers zukam.

Tat­säch­lich ent­stand die­se Idee der „pas­si­ven Gefäß­mut­ter“ nicht erst im 17. Jahr­hun­dert, son­dern schon viel frü­her. Wiki­pe­dia schreibt – lei­der ohne wei­te­re Lite­ra­tur­an­ga­be-, dass die fal­sche Vor­stel­lung, dass der männ­li­che Same bereits der Mensch in nuce sei, der im Mut­ter­leib qua­si wie in einer Nähr­lö­sung nur noch her­an­zu­rei­fen brau­che, aus dem alten Ägyp­ten stammt. Unter dem unge­nau­en Begriff „altes Ägyp­ten“, wird in der Regel das pha­rao­ni­sche Ägyp­ten gemeint, das sich tat­säch­lich durch ein kras­ses Patri­ar­chat aus­zeich­net, geht doch die weib­li­che Geni­tal­ver­stüm­me­lung als soge­nann­te „pha­rao­ni­sche Beschnei­dung“ eben­falls auf die Herr­schafts­zeit der Pha­rao­nen zurück. Aber auch dem von den Geis­tes­wis­sen­schaft­lern bis heu­te hoch geschätz­tem Aris­to­te­les (384 – 322 v.u.Z.) wird die Aus­sa­ge zuge­schrie­ben, dass

der Vater als gan­zer Mensch den Samen bei­trägt, woge­gen die Mut­ter nichts wei­ter ist als die Erde, in wel­cher der Samen wächst“. (www​.women​priests​.org/​d​e​/​t​r​a​d​i​t​i​o​/​i​n​f​e​r​i​o​r​.​asp)

Natür­lich nah­men die Kir­chen­vä­ter, wel­che, das mono­the­is­ti­sche Vater­gott-Patri­ar­chat durch­set­zen woll­ten, die­se Sicht­wei­se des „hoch­ge­schätz­ten Phi­lo­so­phen“ als Steil­vor­la­ge und schrie­ben auch im Neu­en Tes­ta­ment der Bibel die­se Inter­pre­ta­ti­on des weib­li­chen Kör­pers als Gefäß des Man­nes fest, nach­dem ja schon im Alten Tes­ta­ment, in den fünf Büchern Mose – wel­che die Grund­la­ge aller drei mono­the­is­ti­schen Theo­lo­gi­en ist, der Same Abra­hams mit der Nach­kom­men­schaft und damit mit uni­li­ne­ar patri­li­nea­rer Abstam­mung gleich­ge­setzt wird. In der unsäg­li­chen Geschich­te, in der der mör­de­ri­sche mono­the­is­ti­sche Vater­gott den Gehor­sam Abra­hams ein­for­dert, indem er ihn auf­for­dert sei­nen ein­zi­gen gelieb­ten Sohn Isaak als Brand­op­fer zu opfern, – was erst in letz­ter Minu­te in ein Wid­der­op­fer umge­wan­delt wird – lesen wir.

Und der Engel des Herrn rief Abra­ham ein zwei­tes Mal vom Him­mel her zu und sprach: Ich schwö­re bei mir selbst, spricht der Herr, des­halb, weil du das getan und dei­nen Sohn, dei­nen ein­zi­gen, mir nicht vor­ent­hal­ten hast, dar­um wer­de ich dich reich­lich seg­nen und dei­ne Nach­kom­men über­aus zahl­reich machen wie die Ster­ne des Him­mels und wie der Sand, der am Ufer des Mee­res ist, und dei­ne Nach­kom­men­schaft wird das Tor ihrer Fein­de in Besitz neh­men. Und in dei­nem Samen wer­den sich seg­nen alle Natio­nen der Erde dafür, dass du mei­ner Stim­me gehorcht hast“. (1. Mose 22, 15 – 19).

Und im Neu­en Tes­ta­ment wird dann die zwei­te Sei­te der patri­ar­cha­len Medail­le – der Same des Man­nes als Nach­kom­men­schaft und der Kör­per der Frau als pas­si­ves Gefäß wie­der­auf­ge­nom­men und zwar im 1. Brief des Apos­tels Pau­lus an die Thes­sa­lo­ni­cher.

Denn ihr wisst, wel­che Wei­sun­gen wir euch gege­ben haben durch den Herrn Jesus. Denn dies ist Got­tes Wil­le eure Hei­li­gung, dass ihr euch von der Unzucht fern­hal­tet, dass jeder von euch sich sein eige­nes Gefäß in Hei­lig­keit und Ehr­bar­keit zu gewin­nen wis­se, nicht in Lei­den­schaft der Lust wie die Natio­nen, die Gott nicht ken­nen“. (1. Thes­sa­lo­ni­cher 4, 2 – 6).

In der Anmer­kung zu dem Aus­druck „Gefäß“ fin­den wir in der Elber­fel­der Bibel expli­zit die Erklä­rung, dass sich das Wort „Gefäß“ auf den Leib, respek­ti­ve auf den Leib der Frau bezieht.

Lügenwut

Auch wenn die Natur­wis­sen­schaf­ten heu­te nicht mehr davon aus­ge­hen, dass der Same des Man­nes bereits den fer­ti­gen „Homun­cu­lus“ ent­hält, so sehen wir doch, dass die­se tief miso­gy­ne Sicht­wei­se in der Gesell­schaft tief ver­an­kert ist und die­se prägt. Gro­ße Stüt­zen des Patri­ar­chats sind dabei alle fünf Welt­theo­lo­gi­en, auch weil die theo­lo­gi­sche Miso­gy­nie durch den staat­lich garan­tier­ten Schutz der „Reli­gi­ons­frei­heit“ immer wei­ter fort­ge­führt wer­den kann. Mit dem nicht ange­wand­ten Anti­dis­kri­mi­nie­rungs­ge­setz schützt Vater Staat aus „Tra­di­ti­ons­grün­den“ zudem die Miso­gy­nie der Theo­lo­gi­en und es gibt kei­ne gesetz­li­che Hand­ha­be, gegen das täg­lich man­tra­haft wie­der­hol­te Bild der „Mut­ter als Magd des Herrn“, wie es im Katho­li­zis­mus pro­pa­giert wird, oder gegen das „Bild der abge­schaff­ten Mut­ter“, im Pro­tes­tan­tis­mus, dem der Mytho­lo­gi­sche Mut­ter­mord zugrun­de liegt, vor­zu­ge­hen, genau­so wenig wie gegen die Miso­gy­nie im Juden­tum, Islam, im Bud­dhis­mus oder Hin­du­is­mus. (Arm­brus­ter, Kirs­ten: 2010).

Angeb­lich „gött­li­che Auto­ri­tät“ schützt die Patri­ar­chen vor der Abschaf­fung des Patri­ar­chats.

Wür­de man sich aller­dings mit den Ergeb­nis­sen der Patri­ar­chats­kri­tik­for­schung beschäf­ti­gen, wür­de sofort klar, dass die Erfin­dung der Göt­ter und ihrer Theo­lo­gi­en ein­zig und allein den Zweck hat­ten, die ältes­te Reli­gi­on von Gott MUTTER zu ver­nich­ten, sie durch eine fal­sche Geschichts­schrei­bung ver­ges­sen zu machen und den Mann als Vater mit gött­li­cher Auto­ri­tät aus­zu­stat­ten, ein Bild an dem dank erfun­de­ner gött­li­cher Auto­ri­tät bis in alle Ewig­keit nicht mehr gerüt­telt wer­den soll. Welch kran­kes Bild von Vater­schaft dabei geschaf­fen wur­de, wird über­deut­lich an der oben zitier­ten Stel­le aus dem Alten Tes­ta­ment, wo Gott-Vater von Abra­ham Gehor­sam bis zum Mord sei­nes gelieb­ten Soh­nes for­dert und zudem in der Kom­bi­na­ti­on von Besitz und Feind­bil­dern den Krieg, die gewalt­ba­sier­te Durch­set­zung des Patri­ar­chats, gleich noch mit theo­lo­gisch legi­ti­miert.

Tat­säch­lich die­nen aber nicht nur die Geschichts­lü­ge und die Mann-Gott-Theo­lo­gie­lü­gen der patri­ar­cha­len Lügen­kriegs­front, son­dern auch die Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gie (sie­he Essay: Arm­brus­ter, Kirs­ten: „Die Evo­lu­ti­on frisst kei­ne Kin­der“ LINK) und die Bio­lo­gie selbst wer­den dazu miss­braucht, um ein dem Patri­ar­chat die­nen­des Gesell­schafts­bild mit einem die­nen­den Mut­ter­bild wei­ter zu ver­fes­ti­gen. Wer kann ange­sichts der hier in die­sem Essay auf­ge­zeig­ten Wich­tig­keit der Müt­ter für die Lebens­ent­ste­hung, wel­che die angeb­li­che bipo­lar-geschlecht­li­che Gleich­ord­nung von Vater und Mut­ter kom­plett aus­he­belt, noch eine Väter­rechts­spre­chung legi­ti­mie­ren, wel­che, die Fort­pflan­zungs-Lebens­in­ves­ti­ti­on eines Vaters mit der einer Mut­ter gleich­setzt? Das ist ein den neus­ten Erkennt­nis­sen der Evo­lu­ti­ons­bio­lo­gie und der Bio­lo­gie wie­der­spre­chen­der Jus­tiz­skan­dal. Auch hier haben wir – wie bei der statt­lich garan­tier­ten „Reli­gi­ons­frei­heit gegen­über miso­gy­nen Theo­lo­gi­en“ ein patri­ar­chats­sys­tem­im­ma­nen­tes Zusam­men­wir­ken mit Vater Staat, der sich immer schüt­zend vor das Patri­ar­chat stellt.

Väter sind bio­lo­gisch wich­tig, väter­taug­li­che, sozia­le Väter sind wun­der­bar, aber sie kön­nen nur ein Teil sein eines grö­ße­ren Kol­lek­tivs, eines Kol­lek­tivs von vie­len Men­schen, die sich auf­grund des evo­lu­ti­ons­bio­lo­gisch ver­an­ker­ten koope­ra­ti­ven Auf­zucht­ver­hal­tens des Men­schen um die MUTTER, die mehr als 90 % der Lebens­in­ves­ti­ti­on bei der Fort­pflan­zung leis­tet, grup­pie­ren müs­sen, um die nächs­te Gene­ra­ti­on geschützt auf­wach­sen zu las­sen. Die Paa­rungs­fa­mi­lie und die auf ihr gegrün­de­te theo­lo­gisch und staat­lich sank­tio­nier­te Ehe sowie die damit fest­ge­zurr­te angeb­li­che Geschlech­ter­po­la­ri­tät, die auch tie­fes Leid für alles diver­se Leben jen­seits der Geschlech­ter­po­la­ri­tät impli­ziert, wie Inter­se­xua­li­tät und Trans­se­xua­li­tät, die­se Paa­rungs­fa­mi­lie und die damit ein­her­ge­hen­de „Hei­li­ge Hoch­zeit“ ist das Kern­stück des Patri­ar­chats. Die­se Paa­rungs­fa­mi­lie ent­spricht nicht der Natur des Men­schen, son­dern bil­de­te sich – wie Ger­hard Bott in sei­nen Ver­öf­fent­li­chun­gen nach­ge­wie­sen hat (Bott, Ger­hard 2010 und 2014), erst­mals im Lau­fe des Neo­li­thi­kums und ihr ein­zi­ger Zweck war – genau­so wie bei den Theo­lo­gi­en – die Herr­schaft des Vaters, das Patri­ar­chat durch­zu­set­zen.

Es ist höchs­te Zeit das Herr­schafts­sys­tem des Patri­ar­chats zu durch­schau­en und damit ein­her­ge­hen­de fest­ge­schrie­be­ne Gesell­schafts­bil­der zu ver­än­dern!

Literatur

Alberts, Bruce, Den­nis Bray, Juli­an Lewis, Mar­tin Raff, Keith Roberts und James D. Wat­s­on: Mole­cu­lar Bio­lo­gy of the Cell, 1994

Arm­brus­ter, Kirs­ten: Gott die MUTTER – Eine Streit­schrift wider den patri­ar­cha­len Mono­the­is­mus, 2013

Arm­brus­ter, Kirs­ten: Das Mut­ter­ta­bu oder der Beginn von Reli­gi­on, 2010

Bott, Ger­hard: Die Erfin­dung der Göt­ter; Essays zur Poli­ti­schen Theo­lo­gie, Band 1 und 2: 2009 und 2014

Blaf­fer Hrdy, Sarah: Mut­ter Natur, 2010
„Mehr über das in den letz­ten Jah­ren explo­si­ons­ar­tig gestie­ge­ne Inter­es­se an müt­ter­li­chen Effek­ten
fin­det sich bei Pen­ni­si 1996; Fox, Tha­kar und Mousseau 1997; für einen aus­führ­li­chen Über­blick sie­he Ros­si­ter 1996 sowie Mousseau und Fox, 1998“. (Lite­ra­tur­an­ga­ben aus Blaf­fer Hrdy, Mut­ter Natur, 2010, S. 631)

Sykes, Bryan: Die sie­ben Töch­ter Evas; War­um wir alle von sie­ben Frau­en abstam­men – revo­lu­tio­nä­re Erkennt­nis­se der Gen-For­schung, 2003

West-Eber­hard, Mary Jane: Phe­no­ty­pic plasti­ci­ty and the orig­ins of diver­si­ty, Annu­al Review of Eco­lo­gy and Sys­te­ma­tics, 1989, 20, S. 249 – 278