Von Klimaveränderungen und dem Beginn des Neolithikums

Aus dem Buch von Kirsten Armbruster: Das Muttertabu oder der Beginn von Religion, 2010, S.165 – 178

Spu­ren im Schnee | Bild: Rona Duwe

Das Patri­ar­chat, die Herr­schaft der Väter ist, wie wir nach­wei­sen konn­ten, ein jun­ges Phä­no­men der Mensch­heits­ge­schich­te. Lei­der ist es so zer­stö­re­risch, dass 6000 Jah­re reich­ten, um die Erde in einen Zustand der Ago­nie zu brin­gen. Einer der Grün­de, dass sich die­ses sozio­pa­tho­lo­gi­sche Gesell­schafts­sys­tem ent­wi­ckel­te, ist in tur­bu­len­ten Kli­ma­ver­än­de­run­gen wäh­rend des Holo­zäns zu fin­den. Vor ca. 11 700 Jah­ren also ca. 9700 Jah­re v. u. Z. endet die letz­te Eis­zeit, das Pleis­to­zän, und es beginnt das Holo­zän mit einer star­ken Kli­ma­er­wär­mung. Mit der Kli­ma­er­wär­mung endet auch das Paläo­li­thi­kum, und es beginnt die soge­nann­te Neo­li­thi­sche Revo­lu­ti­on. Dar­un­ter ver­steht man im All­ge­mei­nen einen Wech­sel von der rei­nen aneig­nen­den Wirt­schafts­wei­se des Sam­melns und Jagens (Wild­beu­ter­tum) zu einer pro­du­zie­ren­den Wirt­schafts­wei­se.

Kli­ma­kar­te | Zeich­nung: Franz Arm­brus­ter

Der Begriff Neo­li­thi­sche Revo­lu­ti­on wur­de bereits 1936 von dem Archäo­lo­gen Vere Gor­don Chil­de in Anleh­nung an die spä­te­re indus­tri­el­le Revo­lu­ti­on geprägt, wobei man heu­te eher von einer neo­li­thi­schen Evo­lu­ti­on spricht, weil sich die­ser Pro­zess nicht plötz­lich, son­dern über meh­re­re Jahr­tau­sen­de hin­zog. Ste­ve Tay­lor schreibt dazu:

Obwohl von etli­chen His­to­ri­kern immer wie­der ver­wen­det, beschreibt wohl auch der Begriff „Neo­li­thi­sche Revo­lu­ti­on“ die geschicht­li­che Rea­li­tät nicht zutref­fend, denn der Über­gang von der Jäger-und-Samm­ler-Lebens­wei­se zum Acker­bau war ein Jahr­tau­sen­de wäh­ren­der Pro­zess. Begin­nend im Nahen und Mitt­le­ren Osten brei­te­te sich die neue Lebens­form fächer­för­mig aus: nach Euro­pa, Asi­en und Nord­afri­ka. In eini­gen Län­dern voll­zog sich eine Par­al­lel­ent­wick­lung, doch ging der Wan­del so lang­sam von­stat­ten, dass die „Gar­ten­bau-Kul­tur“ Bri­tan­ni­en im äußers­ten Wes­ten und Chi­na im äußers­ten Osten erst gegen Ende des 3. vor­christ­li­chen Jahr­tau­sends erreich­te. Zur sel­ben Zeit blieb in ande­ren wei­ten Tei­len der Erde alles beim Alten, die Men­schen dort voll­zo­gen den Wech­sel der Lebens­form nicht mit: Das gilt für gro­ße Tei­le Nord- und Süd­ame­ri­kas, ganz Aus­tra­li­en und etli­che ande­re Regio­nen“. (Tay­lor, 2009, S. 67)

Pflanzen und Keramik:
Das Neolithikum beginnt mit der kulturellen Arbeitsleistung von Frauen

Nach­dem Men­schen­frau­en von Beginn der Homi­ni­sa­ti­on an, also seit dem ers­ten beleg­ten Auf­tre­ten von Stein­werk­zeu­gen vor 2,5 Mil­lio­nen Jah­ren bis vor 10 000 Jah­ren v. u. Z., über das Sam­meln über­wie­gend für die Nah­rungs­be­schaf­fung des Men­schen zustän­dig waren und die Frau­en bereits vor 19 000 Jah­ren (17 000 v. u. Z.) im Nahen Osten Emmer und Ein­korn, die wil­den Vor­läu­fer des Wei­zens als Nah­rungs­quel­le gesam­melt hat­ten, beginnt nun in ihrem kol­lek­ti­ven Arbeits­be­reich auch die neo­li­thi­sche Evo­lu­ti­on, denn man kann vor 11 400 Jah­ren (9400 v. u. Z.) eine ers­te Vor­rats­hal­tung, und zwar von Früch­ten, nach­wei­sen. So stie­ßen For­scher im Jor­dan­tal im süd­li­chen Teil der Levan­te, dem Frucht­ba­ren Halb­mond, auf die Res­te einer früh­neo­li­thi­schen Sied­lung. Dort in Gil­gal fand man eine Kol­lek­ti­on süßer Fei­gen, die vor 11 400 Jah­ren (9400 v. u. Z.) getrock­net wor­den waren. Ähn­lich alte Frucht­fun­de wur­den aus Tell el-Sul­tan, dem stein­zeit­li­chen Jeri­cho gemel­det. (Der Treck nach Wes­ten: www​.zeit​.de/​2​0​06/).

Die pro­du­zie­ren­de Lebens­wei­se des Neo­li­thi­kums kann aller­dings auch in einem ande­ren Bereich mit dem Bereich der Frau­en asso­zi­iert wer­den, näm­lich mit der ers­ten Pro­duk­ti­on von Kera­mik. Denn in Japan fin­den wir mit der Jomon­kul­tur eine Kul­tur, die bereits vor cir­ca 12 700 Jah­ren (10 700 v. u. Z.) Kera­mik her­stell­te, gleich­zei­tig aber die öko­no­mi­sche Form des Wild­beu­ter­tums bei­be­hielt. (www​.shi​atsu​-aus​tria​.at) Eine ähn­li­che Situa­ti­on fin­det sich im afri­ka­ni­schen Mali. Dort wur­den am Fund­platz Oun­jou­gou Kera­mik­scher­ben gefun­den, die älter als 11500 Jah­re alt sind, und die For­scher ver­mu­ten dort zu die­sem frü­hen Zeit­punkt eine sai­so­na­le Sess­haf­tig­keit. (Huy­se­com, 2008, S. 62 – 66)

Auch an ande­ren Orten setzt unge­fähr zur glei­chen Zeit die neo­li­thi­sche Evo­lu­ti­on ein. Hier­zu Ger­hard Bott:

Ab 9000 v. u. Z. sind auch in Wadi-en-Natuf im Zagros­ge­bir­ge, in Abuhu­rey­ra in Nord­sy­ri­en in meh­re­ren Ort­schaf­ten der Natu­fi­en-Kul­tur, aber auch in Cha­tal Höyük, in Ana­to­li­en, ers­te Anzei­chen von pro­du­zie­ren­der pflanz­li­cher Land­wirt­schaft und damit Sess­haf­tig­keit nach­weis­bar“. (Bott, 2009, S. 135).

Ers­te Spu­ren von Zucht­wei­zen las­sen sich in einer 9250 Jah­re (7250 v. u. Z.) alten Gra­bungs­schicht von Neva­li Cori in der Tür­kei nach­wei­sen. In Ramad und Kosak-Shama­li in Syri­en, in Gra­bungs­stät­ten, die 8000 Jah­re alt sind (6000 v. u. Z.), stam­men bereits zwei Drit­tel der gebor­ge­nen Getrei­de­kör­ner von domes­ti­zier­tem Wei­zen. In den­sel­ben Zeit­raum fällt auch in Syri­en die Domes­ti­zie­rung von Gers­te. (Der Treck nach Wes­ten www​.zeit​.de/​2​006).

Das Neo­li­thi­kum beginnt also im ange­stamm­ten Bereich der Frau­en mit der ers­ten Kera­mik und mit dem ers­ten Anbau von Pflan­zen, wäh­rend die Män­ner nach wie vor der Jagd nach­ge­hen.

Der Autor Ste­ve Tay­lor schreibt in die­sem Zusam­men­hang:

Die Bezeich­nung „Acker­bau“ könn­te in die­sem Zusam­men­hang irre­füh­rend wir­ken, denn eigent­lich impli­ziert der Begriff die Benut­zung eines Pflu­ges und die Bewirt­schaf­tung immer der­sel­ben aus­ge­dehn­ten Acker­flä­chen über Jah­re hin­weg. Die­se ers­ten „Bau­ern“ waren jedoch eher „Pflan­zen­gärt­ner“ als Land­wir­te, da sie noch mit Hacken arbei­te­ten und nur ver­hält­nis­mä­ßig klei­ne Area­le (eher Gär­ten) bebau­ten“. (Tay­lor, 2009, S. 66)

Ger­hard Bott ergänzt hier­zu:

Ein häu­fi­ger Irr­tum ist, das Neo­li­thi­kum gleich­zu­set­zen mit „Bau­ern und Vieh­züch­tern“, denn das Neo­li­thi­kum beginnt beschei­de­ner, und zwar mit den Pflan­ze­rin­nen, die als ers­te mit der Pro­duk­ti­on von Nah­rung beginnen…Es sind die Frau­en, die als ers­te von der Aneig­nung zur Pro­duk­ti­on über­gin­gen, indem sie um 10.000 v. Chr. erst­mals gesam­mel­tes Wild­ge­trei­de aus­sä­ten, sowie Hül­sen- und Knol­len­früch­te anpflanz­ten und so einen geziel­ten Anbau und die dadurch erfor­der­li­che Boden­be­ar­bei­tung betrie­ben, wobei ihr alter Grab­stock zur Hacke für die Pfle­ge die­ser Agri­kul­tur wird. Die Frau­en-Arbeits­ge­mein­schaf­ten sind die Erfin­der des Pflan­zer­tums, wie es von der Gesell­schafts­wis­sen­schaft genannt wird“. (Bott, 2009, S. 132)

Mangelernährung im Neolithikum

Nun sind die ers­ten Anfän­ge der Gar­ten­bau­wirt­schaft aber nicht, wie all­ge­mein ange­nom­men, damit kor­re­liert, dass es den Men­schen im Neo­li­thi­kum bes­ser geht als den rei­nen Wild­beu­tern: Ganz im Gegen­teil. In den Ske­let­ten der ers­ten Bäue­rin­nen und Bau­ern fin­den sich Indi­zi­en für Min­der­ver­sor­gung, womög­lich durch Vit­amin- und Eiweiß­man­gel oder schlich­ten Hun­ger, und die Men­schen schrumpf­ten auch nach­weis­lich. Der Paläo­an­thro­po­lo­ge Jean-Jac­ques Hub­lin vom Leip­zi­ger Max-Planck-Insti­tut für evo­lu­tio­nä­re Anthro­po­lo­gie sagt.

Wir sehen eine dras­ti­sche Reduk­ti­on der Kör­per­grö­ße“ und „in der Über­gangs­pha­se waren die Leu­te schlecht ernährt. (Der Treck nach Wes­ten www​.zeit​.de/​2​006).

Auch Chris­to­pher Ryan bestä­tigt dies:

Über­all auf der Welt war die Ver­än­de­rung der Lebens­wei­se hin zum Acker­bau beglei­tet von einem dras­ti­schen Qua­li­täts­ver­fall in der Ernäh­rung der Men­schen, schwer­wie­gend genug, um an ihren Kno­chen ver­rä­te­ri­sche Spu­ren zu hin­ter­las­sen, die für Paläo­pa­tho­lo­gen ent­schlüs­sel­bar sind“. (Ryan, Chris­to­pher zit. in Tay­lor, 2009, S. 67/​68)

Tay­lor führt hier­zu wei­te­re For­schun­gen von Richard Rud­gley an:

Die For­schun­gen haben erge­ben – so selt­sam das zunächst klin­gen mag -, dass die Ernäh­rung der Jäger und Samm­ler erheb­lich gesün­der gewe­sen sein muss als die vie­ler heu­ti­ger Fast-Jun­kies. Denn abge­se­hen von einer gerin­gen Men­ge Fleisch (etwa 10 bis 20 Pro­zent der gesam­ten Nah­rung) ent­sprach ihre Ernäh­rungs­wei­se fast völ­lig der eines moder­nen stren­gen Vege­ta­ri­ers: kei­ne Milch­pro­duk­te, dafür eine rei­che Palet­te an Obst, Gemü­sen, Wur­zeln sowie Nüs­sen. Und alles wur­de roh geges­sen – nach Mei­nung unse­rer Ernäh­rungs­wis­sen­schaft­ler ohne­hin die gesün­des­te Art. Das erklärt wenigs­tens zum Teil -, wes­halb die meis­ten der von alten Jägern und Samm­lern gefun­de­nen Ske­let­te auf­fal­lend groß und kräf­tig waren und außer­dem nur gerin­ge Spu­ren von dege­ne­ra­ti­ven Erkran­kun­gen und Zahn­fäu­le auf­wie­sen“. (Tay­lor, 2009, S. 51/​52)

Tay­lor führt in die­sem Zusam­men­hang wei­te­re For­schungs­er­geb­nis­se des Bio­lo­gen Jared Dia­mond an, nach­dem die Jäger und Samm­ler in Grie­chen­land und der Tür­kei eine Durch­schnitts­grö­ße von etwa 1,75 (Män­ner) und 1,65 (Frau­en) auf­wie­sen, wäh­rend nach dem Auf­kom­men der Land­wirt­schaft die­se Wer­te auf 1,58 bzw. 1,53 Meter san­ken. (S. 52)

Auch im Bereich der Arbeit ergab sich für die Men­schen kein Vor­teil gegen­über dem Wild­beu­ter­tum im Paläo­li­thi­kum. Tay­lor bezieht sich dabei auf Ver­öf­fent­li­chun­gen von Chris­to­pher Ryan, wenn er schreibt: „Es gibt allen Grund zur Annah­me, dass das Leben der Men­schen im Pleis­to­zän (vor etwa 1,8 Mil­lio­nen Jah­ren bis vor 11 000 Jah­ren) – im Ver­gleich mit unse­rem eige­nen … erheb­lich stres­sär­mer, von Gemein­schafts­sinn geprägt, fried­lich und in vie­len wich­ti­gen Aspek­ten reich gewe­sen ist“ (S. 51), und auch die For­schun­gen ande­rer Anthro­po­lo­gen, wie die von Mar­shall Sah­lins über zeit­ge­nös­si­sche Wild­beu­ter­ge­sell­schaf­ten zei­gen, dass die­se weit davon ent­fernt sind, sich bei der Nah­rungs­su­che über­zu­stra­pa­zie­ren. Sei­ne For­schun­gen haben Sah­lins dazu ver­an­lasst, die Wild­beu­ter­ge­sell­schaf­ten als die ursprüng­li­chen Über­fluss­ge­sell­schaf­ten zu bezeich­nen. Sah­lins drückt es so aus: „Bei der Nah­rungs­su­che sind sie so erfolg­reich, dass sie den Rest der Zeit über gar nicht zu wis­sen schei­nen, was sie mit sich anfan­gen sol­len. (Sah­lins zit. in Tay­lor, 2009, S. 50/​51 und Sig­rist, 1997, S. 50) Chris­ti­an Sig­rist ergänzt die­se Aus­füh­run­gen noch fol­gen­der­ma­ßen:

Wild­beu­ter arbei­ten weni­ger als die Men­schen in Klas­sen­ge­sell­schaf­ten und ins­be­son­de­re in Indus­trie­ge­sell­schaf­ten. Arbeit bestimmt nicht ein­sei­tig den Lebens­rhyth­mus der Jäger, Fischer und Samm­ler (bei­der­lei Geschlechts), son­dern eher Muße und Gesel­lig­keit. Die­se all­ge­mei­ne Fest­stel­lung wird durch exak­te Zeit­stu­di­en bestä­tigt, die unter aus­tra­li­schen Urein­woh­nern und unter süd­afri­ka­ni­schen Wild­beu­tern durch­ge­führt wur­den. Die Gesamt­ar­beits­zei­ten, ein­schließ­lich der Zei­ten für Essens­zu­be­rei­tung und Gerä­te­her­stel­lung, schwan­ken dabei knapp zwi­schen vier und fünf Stun­den pro Tag“.

Unse­re all­ge­mei­ne Sicht, dass das Leben der Wild­beu­ter „hart, rau, vol­ler Elend und Leid war“, wie Ste­ve Tay­lor es for­mu­liert, muss also völ­lig revi­diert wer­den. Die­se Revi­si­on wirft aber gleich­zei­tig Fra­gen auf. Unter ande­rem die­se: Wenn es den Men­schen als Wild­beu­ter eigent­lich gut ging, war­um ver­än­der­te sich dann ihre Lebens­wei­se und zwar gar nicht unbe­dingt zu ihrem Vor­teil?

Klimaveränderungen zwingen die Menschen zur neolithischen Arbeitsweise

Der Grund kann eigent­lich nur in star­ken kli­ma­ti­schen Umwäl­zun­gen wäh­rend des Holo­zäns gesucht wer­den. Durch die Kli­ma­er­wär­mung kam es zum Abschmel­zen der Glet­scher und das Kli­ma wur­de dadurch in kür­zes­ter Zeit wär­mer und feuch­ter. Almut Blick spricht davon, dass die Tem­pe­ra­tu­ren inner­halb eines Men­schen­le­bens im Jah­res­mit­tel um bis zu sechs Grad Cel­si­us stie­gen. Blick malt die Kon­se­quen­zen für Euro­pa so aus:

Damit änder­te sich die Vege­ta­ti­on und in der Fol­ge auch die Tier­welt dra­ma­tisch. Der Mensch wird kei­nes­wegs erfreut über das wär­me­re Kli­ma gewe­sen sein. Er hat­te sich in sei­ner Kul­tur und Jagd­tech­nik auf die gro­ßen Tier­her­den der eis­zeit­li­chen Step­pen spe­zia­li­siert. Nun brei­ten sich Wäl­der aus. Die gro­ßen Her­den wan­der­ten nach Nor­den ab, dort­hin wo sie noch Step­pen fin­den konn­ten. Damit wur­de dem Men­schen sei­ne Haupt­nah­rungs­quel­le ent­zo­gen. Die Fol­gen des Kli­ma­wan­dels kamen ihm sicher eher vor wie die Ver­trei­bung aus dem Para­dies“. (Blick, 2006, S. 29.)

Auch Pro­fes­sor Wolf Die­ter Blü­mel vom Insti­tut für Geo­gra­phie der Uni­ver­si­tät Stutt­gart spricht von einer Aus­brei­tung der Wäl­der durch ein feuch­tes Glo­bal­kli­ma. In einem Arti­kel in Wiki­pe­dia, der unter der Lis­te der beson­ders lesens­wer­ten Arti­kel auf­ge­führt ist, fin­det man unter dem Begriff Holo­zän fol­gen­de Aus­füh­run­gen:

Die Ver­än­de­run­gen des Kli­mas zog zunächst eine Ver­än­de­rung der Flo­ra, damit ver­bun­den auch der Fau­na nach sich. So ver­schwan­den in vie­len Gegen­den der Welt vie­le der gro­ßen Säu­ge­tie­re der Eis­zeit“. (www.wikipedia.org/wiki/Holoz%C3%A4n).

Bestimm­te Säu­ger­spe­zi­es wie Bison, Wapi­ti und der Elch wur­den nicht nega­tiv von dem Kli­ma­wan­del betrof­fen, wäh­rend hin­ge­gen Spe­zi­es wie das Pferd (Equus ferus) und das Mam­mut (Mam­mut­hus pri­mi­ge­ni­us) aus­star­ben. R. Dale Guthrie, der sei­ne For­schun­gen hier­zu in einem Arti­kel in der Zeit­schrift Natu­re zusam­men­ge­fasst hat, beschreibt die dama­li­ge Situa­ti­on so.

Am Über­gang vom Pleis­to­zän zum Holo­zän wur­den die Som­mer lang­sam wär­mer und feuch­ter, so dass die bis­her was­ser­li­mi­tier­te Step­pen­ve­ge­ta­ti­on sich all­mäh­lich aber fun­da­men­tal wan­del­te: Das Wei­de­land dehn­te sich zunächst aus, spä­ter ent­wi­ckel­te sich eine Tun­dra aus Hoch­stau­den, Büschen und Wäl­dern, deren Pflan­zen­ge­mein­schaft sich in zuneh­men­den Maß aus für Her­bi­voren (Pflan­zen­fres­sern) unge­nieß­ba­ren oder sogar gif­ti­gen Pflan­zen, wie der Zwerg­bir­ke (Betu­la) zusam­men­setz­te und so deren Bestand und Ver­brei­tung beein­fluss­te. Ins­ge­samt änder­ten sich die Lebens­be­din­gun­gen der betrof­fe­nen Säu­ge­tie­re so dra­ma­tisch, dass rasche Anpas­sun­gen erfor­der­lich waren, die ver­mut­lich nicht alle Spe­zi­es leis­ten konn­ten und es so zu der beob­ach­te­ten dras­ti­schen öko­lo­gi­schen Restruk­tu­rie­rung kam. (Guthrie, R. Dale, 2006, S. 207 – 209 aus www​.wiki​pe​dia​.org).

In ORF​.at wird aller­dings von For­schun­gen von Antho­ny Bar­no­s­ky und sei­nem Team von der Uni­ver­si­tät Kali­for­ni­en in Ber­ke­ley berich­tet, dass nicht nur das Kli­ma, son­dern auch der Jagd­druck der Men­schen zum Aus­ster­ben der Mega­fau­na bei­ge­tra­gen haben und zwar auf den ver­schie­de­nen Kon­ti­nen­ten zu unter­schied­li­chen Zei­ten. Die For­scher berich­ten davon, dass die Rie­sen­säu­ger in Euro­pa und Asi­en in zwei Wel­len aus­ge­stor­ben sei­en. Vor 45 000 bis 20 000 Jah­ren ver­schwan­den an Wär­me ange­pass­te Tie­re. Vor 12 000 bis 9000 v. u. Z. star­ben die an Käl­te ange­pass­ten Tie­re. In Aus­tra­li­en sei­en hin­ge­gen bereits vie­le Rie­sen­spe­zi­es vor 80 000 Jah­ren ver­schwun­den, wäh­rend in Nord­ame­ri­ka die Men­schen ja erst auf­grund der star­ken Kli­ma­ver­än­de­run­gen um 11 000 v. u. Z. den Kon­ti­nent besie­delt hät­ten, und es dann sehr schnell zum Aus­ster­ben von Mam­mut und Woll­nas­horn gekom­men sei. Das For­scher­team kommt zu dem Schluss: „Men­schen und Kli­ma­wan­del waren der Dop­pel­schlag, der vor 50 000 bis 10 000 v. u. Z. das Aus­ster­ben vor­an­trieb“. (http://​sci​en​ce1​.orf​.at/​s​c​i​e​n​c​e​/​n​e​w​s​/​1​2​6​717).

Abschmelzen der Eismassen und eine Katastrophe am Mittelmeer

Durch die Erwär­mung kam es jeden­falls immer mehr zu einem Abschmel­zen der Eis­mas­sen. Nach­dem bereits am Ende des Pleis­to­zäns, der süd­li­che Ost­see­raum frei von Eis war, teil­te sich um 6800 v. u. Z. das Eis in Skan­di­na­vi­en, bis es cir­ca 6000 v. u. Z. schließ­lich ganz ver­schwand. Die Erd­krus­te hob sich dabei im Nor­den um etwa 300 m. Das Abschmel­zen des Nord­ame­ri­ka­ni­schen Inland­ei­ses führ­te zu einem beschleu­nig­ten Anstieg des Mee­res­spie­gels um 120 m. Im Holo­zän kam es durch das kon­ti­nu­ier­li­che Abschmel­zen der Glet­scher zu gro­ßen Über­flu­tun­gen der Küs­ten­räu­me, und im Inland bil­de­ten sich dadurch vie­le Seen. So ent­stan­den zu der Zeit im nörd­li­chen Euro­pa die gro­ßen Seen im Nor­den, wie der Lado­ga- und der One­ga­see, aber auch die gro­ßen Seen im Süden, wie das Kas­pi­sche Meer, der Aral­see und der Euxi­nos­see, in der Gegend, die heu­te vom Schwar­zen Meer bedeckt ist. Harald Haar­mann beschreibt die dama­li­ge Situa­ti­on am Euxi­nos­see:

Bald nach­dem die Eis­schmel­ze ein­ge­setzt hat­te und enor­me Was­ser­mas­sen frei­ge­setzt wur­den, trans­por­tier­ten die Urflüs­se des süd­li­chen Euro­pa, die Donau, der Dne­pr und der Don, das Schmelz­was­ser in den Euxi­nos­see“. (Haar­mann, 2005, S. 13).

Der Autor beschreibt wei­ter, dass der Zufluss des Was­sers 2000 Jah­re anhielt, schließ­lich aber fast ver­sieg­te. Dann 6700 v. u. Z., ereig­net sich dort aller­dings eine Kata­stro­phe. Viel­leicht durch Erd­stö­ße oder ein Erd­be­ben ver­ur­sacht, bricht der Land­rie­gel aus Sand­stein, der das Mit­tel­meer und das Mar­ma­ra­meer vom Euxi­nos­see trennt. Haar­mann schreibt:

Als die Klip­pen zusam­men­bre­chen, stürzt das Salz­was­ser von Süden her mit unheim­li­chem Getö­se und in mäch­ti­gen Strö­men in das 70 m tie­fer lie­gen­de Süß­was­ser­be­cken des Euxi­nos­sees. Mil­lio­nen von Kubik­me­tern Was­ser gisch­ten zunächst durch eine schma­le Rin­ne. Der tosen­de Strom – er rast schät­zungs­wei­se mit rund 60 Stun­den­ki­lo­me­tern dahin – reißt immer mehr Stei­ne und Erde aus den Rän­dern, und die Rin­ne wei­tet sich. Der Spalt wird zur Schlucht … Wochen­lang, mona­te­lang, ver­mut­lich sogar jah­re­lang tost das Salz­was­ser durch die Enge in das Süß­was­ser­be­cken, das sich ste­tig füllt und schon bald über sei­ne Ufer tritt“. (S. 14/​15)

Das Aus­maß der Über­flu­tung ist mit einem Tsu­na­mi ver­gleich­bar. Hin­zu kommt, dass das Salz­was­ser so schnell kommt, dass das Süß­was­ser des Euxi­nos­sees gar kei­ne Gele­gen­heit hat, sich lang­sam mit dem Salz­was­ser zu mischen, son­dern prak­tisch über­schich­tet wird. Haar­mann ergänzt dazu:

Als Fol­ge der dama­li­gen Öko­ka­ta­stro­phe gehen noch heu­te Gefah­ren vom Schwar­zen Meer für alles Leben rings­um aus. (Ascher­son 1996, 4f zit. in Haar­mann, 2005, S. 17).

Sei­nen Namen hat das Schwar­ze Meer näm­lich nicht wegen des tief­schwar­zen Farb­tons des Was­sers bekom­men, son­dern wegen sei­nes hohen Gehalts an Schwe­fel­was­ser­stoff, der sich durch die dor­ti­gen anae­ro­ben Ver­hält­nis­se bil­den kann. Haar­mann schreibt wei­ter:

Das Schwar­ze Meer ist das größ­te Reser­voir einer der gif­tigs­ten natür­li­chen Sub­stan­zen: Schwe­fel­was­ser­stoff. In einer Tie­fe zwi­schen 150 und 200 m wird Sauer­stoff nicht mehr auf­ge­löst und das Was­ser weist eine hohe Kon­zen­tra­ti­on an Schwe­fel­was­ser­stoff auf. Weil das Schwar­ze Meer sehr tief ist, sind etwa 90 % sei­nes Volu­mens hoch­gif­tig und in die­sem Tie­fen­was­ser gibt es kein orga­ni­sches Leben, soweit es von Sauer­stoff anhän­gig ist. Durch Stür­me wird das Was­ser manch­mal der­art auf­ge­wühlt, dass Tie­fen­was­ser bis an die Ober­flä­che gelangt. Ein Schiffs­rumpf, der damit in Berüh­rung kommt, nimmt eine tief­schwar­ze Far­be an. Für den Men­schen sind bereits eini­ge tie­fe Atem­zü­ge des Schwe­fel­ga­ses töd­lich“. (S. 17).

Soziale Kollabierungen infolge des Klimawandels

Die­se tief­grei­fen­den kli­ma­ti­schen Ver­än­de­run­gen sind nicht nur für Euro­pa, son­dern auch für Süd­west­asi­en durch paläo­kli­ma­ti­sche Daten belegt. Har­vey Weiss von der Yale Uni­ver­si­ty und Ray­mond Brad­ley von der Uni­ver­si­ty of Mas­sa­chu­setts, USA haben unter­sucht, wie kli­ma­ti­sche Ver­än­de­run­gen im Zusam­men­hang mit sozia­len Kol­lap­sen von Gesell­schaf­ten ste­hen. Sie berich­ten, dass kli­ma­ti­sche Ver­än­de­run­gen sich oft so abrupt gestal­te­ten, dass die Men­schen als Anpas­sung an die neu­en Bedin­gun­gen gro­ße Schwie­rig­kei­ten zu bewäl­ti­gen hat­ten. Sie schrei­ben:

Die Kli­ma­ver­än­de­run­gen waren hoch zer­stö­re­risch, führ­ten zu sozia­len Kol­la­bie­run­gen – als Ant­wort auf ansons­ten fast unüber­wind­ba­ren Stress“. (Weiss; Brad­ley, 2001 in www​.umass​.edu, über­setzt von Kirs­ten Arm­brus­ter).

In der Fol­ge beschrei­ben die Auto­ren, dass das frü­hes­te Bei­spiel einer sozi­al kol­la­bie­ren­den Gesell­schaft das der jagen­den und sam­meln­den Natu­fi­en Gesell­schaft in Süd­west­asi­en war. Vor unge­fähr 10 000 Jah­ren gaben die Natu­fi­ans ihr Wild­beu­ter­tum auf, wur­den sess­haft und began­nen mit der Domes­ti­zie­rung von Pflan­zen und spä­ter von Tie­ren. Die Auto­ren fra­gen, wie­so es zu die­ser neo­li­thi­schen Evo­lu­ti­on kam. Die Ant­wort liegt auch da im Kli­ma. Sie schrei­ben:

Dank bes­se­rer Daten und ver­bes­ser­ter paläo­kli­ma­ti­scher Inter­pre­ta­tio­nen, ist nun klar, dass die­ser Über­gang zusam­men­trifft mit der jün­ge­ren Dryas Kli­ma Epi­so­de vor 12 900 bis 11 600 Jah­ren. Nach dem Ende der letz­ten Eis­pe­ri­ode, als in Süd­west­asi­en tro­cke­ne Step­pen vor­herrsch­ten, ergab sich ein Wech­sel zu stär­ke­ren jah­res­zeit­li­chen Schwan­kun­gen (war­me, nas­se Win­ter und hei­ße tro­cke­ne Som­mer). Dies führ­te zu einer Ent­wick­lung von offe­nen park­ähn­li­chen Wäl­dern von Eichen und Terebin­then, ver­bun­den mit mehr Wild­grä­sern inner­halb der Levan­te und Nord­me­so­po­ta­mi­en. Als plötz­lich, wäh­rend der jün­ge­ren Dryas Peri­ode, küh­le­re und tro­cke­ne­re Kli­ma­be­din­gun­gen zurück­kehr­ten, san­ken die Ern­te­mög­lich­kei­ten aus wil­den Res­sour­cen und selbst die Plün­de­rung die­ser Res­sour­cen konn­te die Sub­sis­tenz der Natu­fi­ans nicht am Leben hal­ten. Sie waren gezwun­gen ihre Sied­lungs­wei­se zu ver­än­dern“. (www​.geo​.umass​.edu; über­setzt von Kirs­ten Arm­brus­ter).

Post-eiszeitlicher Klimaschock mit einer 200-jährigen Dürre

In der Fol­ge gab es in der Levan­te und in Meso­po­ta­mi­en wei­te­re schwie­ri­ge kli­ma­ti­sche Ver­än­de­run­gen. 6400 v. u. Z. kam es näm­lich zu einem zwei­ten post-eis­zeit­li­chen Kli­ma­schock mit fal­len­den Tem­pe­ra­tu­ren. Es folg­te eine 200-jäh­ri­ge Dür­re, die dazu führ­te, dass vie­le Sied­lun­gen in der Levan­te und Meso­po­ta­mi­en auf­ge­ge­ben wer­den muss­ten, was zu einer ver­stärk­ten Ansied­lung in den Fluss­tä­lern von Euphrat und Tigris führ­te. Um 3500 v. u. Z. hat­ten die Men­schen schließ­lich ein effek­ti­ves Bewäs­se­rungs­sys­tem in der städ­ti­schen Uruk Gesell­schaft ein­ge­führt, wobei auch die­se Gesell­schaft schließ­lich auf­grund einer wei­te­ren schwe­ren Dür­re zusam­men­brach.

Auch in Afri­ka sind die­se schwer­wie­gen­den kli­ma­ti­schen Wech­sel­ver­hält­nis­se wäh­rend des Holo­zäns durch paläo­kli­ma­ti­sche Unter­su­chun­gen belegt. So konn­ten Lon­nie G. Thomp­son et al. durch Eis­kern­bohr­un­ter­su­chun­gen am Kili­man­ja­ro gro­ße Ver­än­de­run­gen des Kli­mas in Afri­ka vor 11 700 (9700 v. u. Z.), vor 8300 (6300 v. u. Z.), vor 5200 (3200 v. u. Z.) und vor 4000 Jah­ren (2000 v. u. Z.) fest­stel­len. Die Kli­ma­wech­sel führ­ten zu teil­wei­se 100 Meter höhe­ren Was­ser­ni­veaus von Seen, aber schließ­lich auch, 2000 v. u. Z., zu der schwers­ten jemals his­to­risch doku­men­tier­ten Dür­re im tro­pi­schen Afri­ka. Die­se beson­ders schwe­re Dür­re zog sich bis in den Mitt­le­ren Osten und nach West­asi­en und wird kli­ma­to­lo­gisch all­ge­mein als „das Ers­te Dunk­le Zeit­al­ter“ bezeich­net. (Thomp­son et al., SCIENCE, Vol. 298, 18. Okto­ber 2002 in www​.sci​en​ce​mag​.org) In der Saha­ra führ­te ab ca. 7000 v. u. Z. das feuch­te Glo­bal­kli­ma tat­säch­lich zu einer Besied­lung durch Acker­bau­ern und Vieh­züch­ter, da die Flüs­se in der Saha­ra, aber auch in ande­ren Wüs­ten ganz­jäh­rig Was­ser führ­ten. Zu der Zeit gab es in der Saha­ra, was Fels­zeich­nun­gen in Nord­afri­ka beein­dru­ckend bele­gen, zahl­rei­che Groß­tier­ar­ten wie Giraf­fen, Ele­fan­ten, Nas­hör­ner und Fluss­pfer­de. Auch eine Fels­zeich­nung aus Ägyp­ten, an der liby­schen Wüs­te, die Schwim­mer in der Wüs­te zeigt, deu­tet auf die damals grü­ne Vege­ta­ti­on der Saha­ra hin.

Schwimmer in der Wüste
Schwim­mer in der Wüs­te, Saha­ra, Ägyp­ten, liby­sche Gren­ze; Ab ca. 7000 v. u. Z. bewirkt das feuch­te Glo­bal­kli­ma, dass Flüs­se in der Saha­ra, aber auch in ande­ren Wüs­ten ganz­jäh­rig Was­ser füh­ren. Ab ca. 3000 v. u. Z kommt es jedoch zu einer Deser­ti­fi­ka­ti­on in der Saha­ra und anders­wo | Foto: Wiki­me­dia Com­mons, gemein­frei, Urhe­ber Ben­der 235

Ausbildung des Patriarchats

Um 4000 v. u. Z. kam es dort aller­dings zu einer Wen­de, nach­dem sich durch nied­ri­ge­re Tem­pe­ra­tu­ren die Savan­nen­ve­ge­ta­ti­on zurück­zog. Zwi­schen 3200 und 3000 v. u. Z. wur­de das Kli­ma in den Wüs­ten­ge­bie­ten sogar deut­lich tro­cke­ner, es begann die Deser­ti­fi­ka­ti­on der Saha­ra. Die Bewoh­ner der Saha­ra und ande­rer Wüs­ten­ge­bie­te muss­ten die Lebens­räu­me ver­las­sen und sam­mel­ten sich in den Fluss­tä­lern am Nil, am Niger, am Huang-Ho, am Indus, und wie wir bereits gese­hen haben, am Euphrat und Tigris. Es kam zu einer gro­ßen Bevöl­ke­rungs­zu­nah­me in die­sen Gebie­ten und gleich­zei­tig zur vol­len Aus­bil­dung des Patri­ar­chats mit gesell­schaft­li­chen Schich­ten, Hier­ar­chie­bil­dung, Skla­ven­hal­tung und schließ­lich zur Aus­bil­dung des sakra­len König­tums. Jedoch bevor wir hier­auf näher ein­ge­hen, schau­en wir uns die neo­li­thi­sche Evo­lu­ti­on noch ein­mal von einer ande­ren Sei­te an.

Zu der neo­li­thi­schen Evo­lu­ti­on kam es, wie wir gese­hen haben, nicht frei­wil­lig. Viel­mehr kann die­ser mas­si­ve gesell­schaft­li­che Umbruch als Anpas­sungs­ver­such an neue schwie­ri­ge kli­ma­ti­sche Bedin­gun­gen gese­hen wer­den, wodurch auch die Man­gel­er­schei­nun­gen an den Ske­let­ten erklärt wer­den kön­nen. Die neo­li­thi­sche Evo­lu­ti­on ist somit ein Ergeb­nis von schlech­ter Ver­sor­gung und Hun­ger. Dass der Acker­bau und die Sess­haf­tig­keit eine Anpas­sung an die Umwelt­be­din­gun­gen dar­stell­ten, wird unter ande­rem durch wis­sen­schaft­li­che Befun­de zur so genann­ten Vra-Kul­tur im Osten Schwe­dens gestützt, die dort um 4000 v. u. Z. als Bau­ern­ge­sell­schaft ent­stand. Als sich 1000 Jah­re spä­ter das Kli­ma ver­än­der­te (sub­bo­rea­le Peri­ode) und es wie­der mehr Fische und Rob­ben in der Ost­see gab, gaben die Men­schen näm­lich die Land­wirt­schaft wie­der auf und kehr­ten zur Lebens­wei­se als Jäger und Fischer zurück. (Wells, 2003, S. 234).

Wir haben es also wäh­rend die­ser Jahr­tau­sen­de mit star­ken kli­ma­ti­schen Schwan­kun­gen zu tun. Einer­seits führ­ten die gestie­ge­nen Was­ser­spie­gel an vie­len Orten zu Über­flu­tun­gen, die sich kol­lek­tiv mytho­lo­gisch in zahl­rei­chen Sint­flut­le­gen­den nie­der­schla­gen. Dann folg­ten auf die gestie­ge­nen Was­ser­spie­gel, auf­grund der gro­ßen Ver­dunstungs­mög­lich­kei­ten aber Käl­te­rück­schlä­ge, die nach der Ver­duns­tung wie­der­um von Dür­re­pe­ri­oden abge­löst wur­den. Die Sied­lungs­ge­schich­te jener Zeit ist wie Haar­mann es nennt „geprägt von einer gro­ßen Unrast und Unste­tig­keit“ (S. 57). Es kommt zu ver­schie­de­nen loka­len Bevöl­ke­rungs­be­we­gun­gen, zu klein­räu­mi­gen Migra­tio­nen aber auch zu grö­ße­ren Völ­ker­wan­de­run­gen. So zeigt z.B. die im Süden Meso­po­ta­mi­ens ca. 5000 bis 4000 v. u. Z. auf­tau­chen­de Ubaid-Kul­tur, die Vor­läu­fe­rin der sume­ri­schen Kul­tur, typi­sche Merk­ma­le einer von außen impor­tier­ten Kul­tur. Harald Haar­mann schreibt dazu:

Die Ubaid-Leu­te kom­men aus dem Nor­den. Die gene­ti­sche Unter­su­chung von Ske­let­ten in Grä­ber­fel­dern hat erge­ben, dass sie ent­fernt mit den Bewoh­nern des Kau­ka­sus ver­wandt sind. Die Ent­ste­hung des Kul­tur­kom­ple­xes von Ubaid und der eth­ni­schen Iden­ti­tät eines Ubaid-Vol­kes ist sehr kom­plex. Soll­ten die Vor­fah­ren tat­säch­lich aus dem Kau­ka­sus stam­men, wie die Geo­lo­gen Wil­liam Ryan und Wal­ter Pit­mann ver­mu­ten, dann wäre dies die alte Bevöl­ke­rung in der Ebe­ne von Kol­hi­da in West­ge­or­gi­en“. (Haar­mann, 2005, S. 159/​160).

Gera­de in der Schwarz­meer­re­gi­on ver­än­dert sich in die­sem Zeit­raum das öko­lo­gi­sche Gleich­ge­wicht mehr­fach, wodurch die Ubai­dia­ner viel­leicht gezwun­gen waren ihren ange­stamm­ten Sied­lungs­raum zu ver­las­sen. Haar­mann schreibt hier­zu:

Die Auf­ein­an­der­fol­ge der dra­ma­ti­schen Natur­er­eig­nis­se, der Gro­ßen Flut (um 6700 v. u. Z.) sowie der bei­den extre­men Kli­ma­schwan­kun­gen im aus­ge­hen­den 7. und 6. Jahr­tau­send v. Chr., hat durch­grei­fen­de Aus­wir­kun­gen auf die Öko­lo­gie der gesam­ten Schwarz­meer­re­gi­on. Älte­re Sied­lun­gen, die noch in vor­sint­flut­li­cher Zeit an den Küs­ten des Euxi­nos-Sees ange­legt wur­den, wer­den über­flu­tet und gehen für alle Zeit ver­lo­ren. An ande­ren Orten, die nicht unmit­tel­bar von der Flut, wohl aber von Kli­ma­schwan­kun­gen beein­träch­tigt wer­den, fin­den teil­wei­se dras­ti­sche Ver­än­de­run­gen statt. Catal Höyük wird nach fast tau­send Jah­ren Sied­lungs­ge­schich­te ver­las­sen. Die Auf­ga­be der Stadt steht sicher im Zusam­men­hang mit dem Ein­bruch der Käl­te­pe­ri­ode. Um 5500 v. u. Z. wird die ande­re Stadt West­ana­to­li­ens, Haci­lar auf­ge­ge­ben. Auch dies ist kein Zufall. Um die­se Zeit machen sich die Aus­wir­kun­gen der radi­ka­len Erwär­mung gel­tend, die um 5800 v. Chr. ein­setzt. Die einst gemä­ßig­te Umge­bung wird zu einer aus­ge­dörr­ten Land­schaft, wo Acker­bau immer schwie­ri­ger wird“. (S. 55)

Es gibt aber auch immer wie­der posi­ti­ve Effek­te. In die Mit­te des 6. Jahr­tau­sends v. u. Z. fällt z.B. die Grün­dung von Vin­ca, das sich zum wich­tigs­ten Kul­tur­zen­trum der Donau­zi­vi­li­sa­ti­on ent­fal­ten wird.

Wie aber ging die Adap­tati­on des Men­schen an die star­ken kli­ma­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen wei­ter? Die ers­te Ant­wort auf die ver­än­der­te Ver­sor­gungs­la­ge im Holo­zän war, wie wir gese­hen haben, die Ent­wick­lung der Gar­ten­bau­kul­tu­ren durch die Frau­en, denn der Umgang mit Pflan­zen war schon immer der kol­lek­ti­ve Arbeits­be­reich der Frau­en. Dann ent­wi­ckel­te sich ab cir­ca 9000 v. u. Z. die ers­te Domes­ti­ka­ti­on von Haus­tie­ren, und zwar von Scha­fen und Zie­gen und in Chi­na, 1000 Jah­re spä­ter die Domes­ti­ka­ti­on von Schwei­nen. Ger­hard Bott schreibt über die­ses Früh­bau­ern­tum mit Haus­tie­ren:

Die Frau­en-Arbeits­ge­mein­schaf­ten ent­wi­ckeln den Hack­bau wei­ter durch Erfin­dung der Zieh­ha­cke, Vor­läu­fe­rin des Pflu­ges, was eine Inten­si­vie­rung des Acker­baus mit sich bringt .… Als wesent­li­che Neue­rung kommt jetzt hin­zu die Domes­ti­ka­ti­on des Klein-Horn­viehs (Schaf und Zie­ge) und zwar im prä­zi­ses­ten Sin­ne des Wor­tes als Haus­tie­re“. (Bott, Ger­hard, S. 136).

Literatur

Bick, Almut: Die Stein­zeit, 2006

Bott Ger­hard: Die Erfin­dung der Göt­ter; Essays zur Poli­ti­schen Theo­lo­gie, 2009

Haar­mann, Harald: Geschich­te der Sint­flut; Auf den Spu­ren der frü­hen Zivi­li­sa­tio­nen, 2005

Huy­se­com, Eric: Wann begann Afri­kas Jung­stein­zeit: in: Spek­trum der Wis­sen­schaft, August 2008

Sig­rist, Chris­ti­an: Seg­men­tä­re Gesell­schaf­ten in „Matri­ar­cha­te als herr­schafts­freie Gesell­schaf­ten, hg. von Gött­ner-Abend­roth, Heide/​Derungs, Kurt, 1997

Tay­lor, Ste­ve: Der Fall – vom Gol­de­nen Zeit­al­ter über 6000 Jah­re Nie­der­gang zu einem neu­en Bewusst­sein, 2009

Wells, Spen­cer: Die Wie­ge der Mensch­heit. Eine Rei­se auf den Spu­ren der gene­ti­schen Evo­lu­ti­on, 2003