Die weibliche Sexualität zurückerobern

Warum die Wiederentdeckung der freien, weiblichen Sexualität Vorteile für alle hat

Rona Duwe

Erstmalige Darstellung eines Sexualaktes in Ain Sakhri
Erst­ma­li­ge Dar­stel­lung eines Sexu­al­ak­tes in Ain Sakhri im Neo­li­thi­kum ab 8000 v.u.Z., Jor­da­ni­en, Natu­fi­en Kul­tur | Bild: Wiki­me­dia Com­mons, User: geni GFDL

#metoo und weibliche Sexualität

Unter der sehr wich­ti­gen #metoo-Debat­te zu sys­tem­im­ma­nen­ter, sexua­li­sier­ter Gewalt gegen Frau­en liegt ver­deckt und ver­bor­gen ein wun­der­ba­rer Schatz: Die unbän­di­ge Kraft der frei­en, weib­li­chen Sexua­li­tät. Ich hat­te dazu vor eini­gen Tagen eine Face­book-Dis­kus­si­on ange­regt, die begeis­tert ange­nom­men wur­de. Mir ist dabei klar gewor­den: Das ist ein wich­ti­ges The­ma.

Wir schrei­ben über Gewalt und Unter­drü­ckung von Frau­en. Dabei fra­gen wir nicht tie­fer, war­um das so ist, war­um über­wie­gend Frau­en der­art gewalt­sam in ihrer Kör­per­lich­keit ange­gan­gen und degra­diert wer­den und war­um alles, was die mensch­li­che und beson­ders die weib­li­che Sexua­li­tät aus­macht, damit per­ver­tiert wird (z.B. über Pro­sti­tu­ti­on und Por­no).

Das Patriarchat reglementiert und pervertiert weibliche Sexualität

Genau an die­ser Stel­le wird deut­lich, dass wir – auch wenn man­che mei­nen, es wäre nicht mehr so – nach wie vor in patri­ar­cha­len Gesell­schafts­struk­tu­ren leben. Ein wesent­li­ches Ziel des Patri­ar­chats ist es, Kon­trol­le über die weib­li­che Sexua­li­tät zu erlan­gen und die­se zu hal­ten. Dies dient ins­be­son­de­re dazu, den weib­li­chen Kör­per auf ganz ver­schie­de­nen Ebe­nen zu instru­men­ta­li­sie­ren.

  • Ganz beson­ders dient es dazu, Kon­trol­le über die Gebär­fä­hig­keit von Frau­en aus­üben zu kön­nen und die von Frau­en gebo­re­nen Kin­der zu ver­ein­nah­men.
  • Dar­über­hin­aus dient es eben­falls dazu, den weib­li­chen Kör­per als Befrie­di­gungs-Maschi­ne­rie für Män­ner funk­ti­ons­fä­hig und ver­füg­bar zu hal­ten.
  • Und oben­drein dient es dazu, weib­li­che Sexua­li­tät in eine rei­ne Zwecker­fül­lung ein­zu­zwän­gen, die dar­in liegt, frucht­bar zu sein und der Gesell­schaft Kin­der zu schen­ken.
  • Die Ver­ant­wor­tung für die Kin­der wird wie­der­um größ­ten­teils den ver­ein­zel­ten und iso­lier­ten Müt­tern als über­for­dern­de Auf­ga­be allein über­las­sen – ohne ent­spre­chen­de Unter­stüt­zung, Aner­ken­nung oder gar Bezah­lung die­ser gesell­schaft­lich her­aus­ra­gend wich­ti­gen Leis­tung.

Frauen sind doch längst frei in ihrer Sexualität, oder?

Was Frau­en wol­len, wie freie, weib­li­che Sexua­li­tät sich dar­stellt, wie lust­voll und leben­dig und zweck­frei sie daher­kom­men kann, gerät dar­über in Ver­ges­sen­heit.

  • Einer­seits haben wir zwar inzwi­schen die Mög­lich­keit, Emp­fäng­nis zu ver­hü­ten. Einen hohen Preis dafür zah­len aber auch hier wie­der­um vor allem die Frau­en, die über Jah­re Hor­mo­ne schlu­cken oder implan­tie­ren mit häu­fig nega­ti­ven Fol­gen.
  • Einer­seits för­dert der Staat Gebur­ten. Ande­rer­seits wird Frau­en die Bestim­mung über ihren Kör­per und eine opti­ma­le Betreu­ung vor, wäh­rend und nach der Geburt immer wei­ter beschnit­ten. Ganz beson­ders wird ihnen dabei ihr Gefühl für die Kraft ihres Kör­pers genom­men.
  • Einer­seits haben sich Frau­en angeb­lich schon längst sexu­ell befreit. Ande­rer­seits erfah­ren Frau­en, die ihre Sexua­li­tät offen frei leben, nach wie vor mas­si­ve gesell­schaft­li­che Äch­tung.
  • Einer­seits wird das Tabu rund um die Mens­trua­ti­on von Frau­en immer wei­ter auf­ge­weicht. Ande­rer­seits darf Frau und Mens­trua­ti­on kaum noch gemein­sam genannt wer­den. Statt­des­sen sol­len wir nun „men­stru­ie­ren­de Per­so­nen“ sagen und machen damit ein spe­zi­fi­sches Merk­mal weib­li­cher Kör­per­lich­keit wie­der unsicht­bar.
  • Einer­seits reden wird von kör­per­li­cher Viel­falt. Ande­rer­seits wer­den nach wie vor beson­ders Frau­en opti­mier­te Kör­per­bil­der auf­er­legt. Die immense Viel­falt weib­li­cher Kör­per­lich­keit wird immer wie­der in die Unsicht­bar­keit gedrängt.

Die Vielfalt der Darstellung weiblich-mütterlicher Körper in der Frühzeit des Menschen

Wenn wir nun zurück­ge­hen in die Früh­zeit des Men­schen, sehen wir uns auf ein­mal mit einer immensen Viel­falt weib­li­cher Kör­per­lich­keit und Sexua­li­tät kon­fron­tiert. Der weib­lich-müt­ter­li­che Kör­per wird in allen erdenk­li­chen Vari­an­ten dar­ge­stellt und erscheint prä­sent, lust­voll und kraft­voll. Dabei spielt ins­be­son­de­re auch die Vul­va eine ent­schei­den­de Rol­le und taucht immer und immer wie­der auf. Die­se so offen­lie­gen­de weib­lich-sexu­el­le Kör­per­lich­keit führ­te dazu, dass die männ­lich domi­nier­te Archäo­lo­gie die­se Dar­stel­lun­gen u.a. als Pin-Ups fehl­in­ter­pre­tier­te. Dabei zei­gen die Art der Dar­stel­lung und auch die Art und Beschaf­fen­heit der Fund­or­te und ande­rer Fund­stü­cke, dass es sich um den Men­schen hei­li­ge Figu­ren und The­men han­del­te. Weib­li­che Sexua­li­tät und Müt­ter­lich­keit war hei­lig, weil aus der Frau und aus den weib­li­chen Tie­ren die Kin­der gebo­ren wur­den.

Die Mutter stand für sich

Was außer­dem auf­fällt ist, dass die Frau­en- und Mut­ter­dar­stel­lun­gen sehr lan­ge Zeit gänz­lich ohne Kin­der aus­kom­men. Das Frau­en- und Mut­ter­bild muss also ins­ge­samt ein völ­lig ande­res gewe­sen sein, als das, das wir heu­te ken­nen. Eine Frau war als Mut­ter nicht nur etwas wert, wenn sie ein Kind gebo­ren hat­te. Ihr Wert wur­de nicht über den sicht­bar dar­ge­stell­ten gebo­re­nen Sohn bestimmt, wie spä­ter bei den Mari­en­dar­stel­lun­gen. Die­se Legi­ti­ma­ti­on brauch­te sie nicht. Sie war für sich, in ihrer viel­fäl­ti­gen Kör­per­lich­keit und Prä­senz und mit den Fähig­kei­ten ihres Kör­pers aus­rei­chend, geschätzt und sogar hei­lig. Das bedeu­tet im Umkehr­schluss: Die Instru­men­ta­li­sie­rung des weib­li­chen Kör­pers als frucht­ba­re Gebär­ma­schi­ne oder als ver­füg­ba­res Erre­gungs- und Sex­spiel­zeug für Män­ner ist eine „Erfin­dung“ des Patri­ar­chats und hat mit der ursprüng­li­chen Sexua­li­tät des Men­schen sehr wenig zu tun. Gera­de aus die­sem Grund ist die Inter­pre­ta­ti­on der Gott MUTTER Dar­stel­lun­gen als Pin-Ups oder Spiel­zeug ent­lar­vend für die patri­ar­cha­le Aus­rich­tung der Archäo­lo­gie. Ich möch­te das mal so frech for­mu­lie­ren: Sie haben ein­fach nicht rich­tig hin­ge­se­hen und mit ihrer Bril­le, die von Por­no geprägt ist, inter­pre­tiert. Die frau­en­feind­li­che und frau­en­in­stru­men­ta­li­sie­ren­de Hal­tung wird dar­in deut­lich sicht­bar. Die­se Hal­tung gab es ganz offen­sicht­lich in der Stein­zeit nicht.

Sexualität war nicht an Fortpflanzung gekoppelt

Wir kön­nen davon aus­ge­hen, dass Sexua­li­tät in der Früh­zeit des Men­schen los­ge­löst von Fort­pflan­zung gese­hen wur­de. Es war nicht wirk­lich klar, dass durch Sex eine Schwan­ger­schaft und in Fol­ge ein Kind ent­steht. Der sexu­el­le Akt war (und ist) – im Gegen­satz zu Schwan­ger­schaft und Geburt – ein sehr kur­zer Zeit­raum. Wenn wir uns vor­stel­len, dass Sexua­li­tät von Fort­pflan­zung ent­kop­pelt war, kön­nen wir uns wei­ter vor­stel­len, dass dadurch die Auf­la­dung von Sex als etwas extrem bedeut­sa­mes, wich­ti­ges nicht vor­han­den war. Es wird wahr­schein­lich eher wie die Befrie­di­gung ande­rer ele­men­ta­rer mensch­li­cher Bedürf­nis­se wie Hun­ger, Müdig­keit, Durst gehand­habt und gese­hen wor­den sein. Die Men­schen gin­gen die­sem Bedürf­nis nach, inter­pre­tier­ten aber kein grö­ße­res Etwas oder gar etwas Hei­li­ges in den sexu­el­len Akt hin­ein. Es war kei­ne „hei­li­ge Pflicht“, wie in der heu­ti­gen christ­li­chen Ehe. Es war eine lust­vol­le, freud­vol­le Beschäf­ti­gung – nicht mehr und nicht weni­ger. Auch „Lie­be“ war wahr­schein­lich nicht mit Sex gekop­pelt. Mensch­li­che Zuwen­dung, Zärt­lich­keit und die für den Men­schen lebens­not­wen­di­ge Ver­bin­dung und Koope­ra­ti­on mit ande­ren Men­schen erfuhr der/​die ein­zel­ne in seiner/​ihrer bluts­ver­wand­ten Sip­pe. Es war daher nicht nötig, die kör­per­li­che Nähe beim Sex in ihrer Bedeu­tung zu über­hö­hen.

Genau das wird wohl einer der Grün­de gewe­sen sein, dass erst aus 8.000 v.u.Z. die Dar­stel­lung eines sexu­el­len Aktes zwi­schen zwei Men­schen bekannt ist. Berüh­rend ist für mich die Art und Wei­se, wie Sex hier dar­ge­stellt wird. Es ist kei­ne Hier­ar­chie oder Rol­len­zu­schrei­bung erkenn­bar. Noch nicht mal eine kla­re Geschlecht­lich­keit ist den ver­schlun­ge­nen Figu­ren zuzu­wei­sen. Es wirkt auf mich wie eine sehr gleich­ran­gi­ge, genuss­vol­le, ruhi­ge und zar­te Form von Sex. Und auch hier wird in keins­ter Wei­se eine Kop­pe­lung zu Fort­pflan­zung vor­ge­nom­men. Der sexu­el­le Akt steht für sich.

Perspektiven für heute

Was bedeu­tet all das für uns heu­te? Was kön­nen wir ler­nen und mit­neh­men aus die­sen Erkennt­nis­sen?

  • Wir kön­nen uns fra­gen, ob es sich nicht loh­nen wür­de, auch heu­te wie­der Sexua­li­tät von Part­ner­schaft zu ent­kop­peln. Nicht ohne Grund schläft Sexua­li­tät zwi­schen lang­jäh­ri­gen Part­nern ein. Nicht ohne Grund haben Frau­en nach spä­tes­tens 5 Jah­ren kei­ne Lust mehr auf Sex mit ihren Män­nern und/​oder Män­ner haben kei­ne Lust mehr auf ihre Frau­en. Der Mensch ist ursprüng­lich nicht mono­gam ange­legt. Sex mit Part­ner­schaft und Lie­be zu kop­peln, übt gro­ßen Druck auf bei­de Part­ner aus. Unter­schwel­lig spü­ren vie­le, dass sie dem Ide­al der lebens­lan­gen (sexu­el­len) Treue nicht gerecht wer­den kön­nen. Und die For­schung bestä­tigt, dass die­se Form der Sexua­li­tät dem Men­schen nicht ent­spricht.
  • Gera­de die weib­li­che Sexua­li­tät kann für bei­de Geschlech­ter zu einem Weg­wei­ser für wirk­lich befrie­di­gen­de Sexua­li­tät wer­den. Freie, weib­li­che Sexua­li­tät ist lust­voll und zweck­frei. Sie strebt kei­ne Herr­schaft an, son­dern Genuss und Befrie­di­gung ele­men­ta­rer Bedürf­nis­se. Dabei bestimmt in der Regel die Frau die Wahl des Sexu­al­part­ners über die „fema­le choice“. Die fema­le choice regu­liert und beschränkt sowohl die Häu­fig­keit von Sexu­al­kon­tak­ten, als auch die (gene­tisch) opti­ma­le Wahl des Part­ners. Dadurch bleibt die Popu­la­ti­ons­dich­te im Rah­men und eine opti­ma­le gene­ti­sche Viel­falt ist gewähr­leis­tet. Ein Aus­bre­chen aus dem patri­ar­cha­len Mus­ter, dass der Mann die Frau domi­nant „nimmt“ und bestimmt, macht also Sinn. Es macht eben­so Sinn, dass Frau­en aus den patri­ar­cha­len Regle­men­tie­run­gen, die ihre Sexua­li­tät mas­siv ein­schrän­ken, aus­bre­chen und wie­der selbst über ihren Kör­per und ihre Lust bestim­men und die­se nicht von männ­li­chen Bedürf­nis­sen bestim­men las­sen.
  • Wenn Men­schen aus patri­ar­cha­len und theo­lo­gi­schen Regle­men­tie­run­gen der Sexua­li­tät aus­bre­chen und sich wagen, mit den Men­schen ein­ver­nehm­li­chen Sex zu haben, wann und mit wem sie gera­de wirk­lich Lust haben, ist mit hoher Wahr­schein­lich­keit damit zu rech­nen, dass gewalt­sa­me For­men von Sexua­li­tät abneh­men. Por­no und Pro­sti­tu­ti­on sind eine patri­ar­cha­le Ver­dre­hung von Sexua­li­tät, die Gewalt gegen Frau­en legi­ti­miert. Gleich­zei­tig wird über die­se Ver­dre­hung auch Män­nern eine Rol­le des ewig poten­ten, leis­tungs­fä­hi­gen „Sex­got­tes“ zuge­wie­sen, die die Sexua­li­tät von Män­nern per­ver­tiert und degra­diert. Es muss allen bewusst wer­den, dass die ver­mit­tel­ten Bil­der von Sexua­li­tät aus Por­no und Pro­sti­tu­ti­on aus­nahms­los ALLEN Geschlech­tern scha­den.

Ent­de­cken wir den ver­bor­ge­nen Schatz der frei­en, weib­li­chen Sexua­li­tät wie­der, indem wir die patri­ar­cha­len Über­la­ge­run­gen und Zer­stö­run­gen durch­bli­cken. Das kann gelin­gen wenn wir die vor­pa­tri­ar­cha­le Geschich­te der Mensch­heit wie­der erken­nen und ver­ste­hen.