Die Religion von Gott MUTTER

Warum Gott MUTTER und nicht Göttin, Muttergöttin oder Muttergottes?
Eine Zeitreise vom Ursprung von Religion zum patriarchalen Missbrauch von Religion durch Theologie | Teil 2

Kirsten Armbruster | Mai 2018

Höhle Tito Bustillo mit dem Schrein der Vulven (Camarín de las Vulvas), Ribadesella, Asturien, Spanien, Datierung: Gravettien-Magdalénien: 22 000-10 000 v.u.Z
Höh­le Tito Bustil­lo mit dem Schrein der Vul­ven (Cama­rín de las Vul­vas), Riba­de­sel­la, Astu­ri­en, Spa­ni­en, Datie­rung: Gra­vet­ti­en-Mag­d­alé­ni­en: 22.000 – 10.000 v.u.Z. | ent­nom­men aus: www​.turis​mo​as​tu​ri​as​.es;
Höhle Tito Bustillo mit dem Schrein der Vulven (Camarín de las Vulvas), Ribadesella, Asturien, Spanien, Datierung: Gravettien-Magdalénien: 22 000-10 000 v.u.Z; Detail
Detaill­bild des Schrein der Vul­ven | ent­nom­men aus: www​.cen​tro​ti​to​bustil​lo​.com

Im Paläo­li­thi­kum (Alt­stein­zeit) und auch noch in den Gar­ten­bau­kul­tu­ren am Anfang des Neo­li­thi­kums (Jung­stein­zeit) bis zur Her­den­hal­tung von wider­käu­en­den, Roh­fa­ser ver­wer­ten­den, domes­ti­zier­ten Tie­ren wie Zie­gen und Scha­fen (ab cir­ca 8500 v.u.Z.) und schließ­lich Rin­dern (ab 7000 v.u.Z.), die mit einem Wech­sel der männ­li­chen Öko­no­mie vom Jäger zum Hir­ten ein­her­geht, tref­fen wir auf die Vor­stel­lung einer aus­schließ­lich aus sich selbst Leben schöp­fen­den, asei­tä­ti­schen Gott MUTTER. Der gesam­te Kos­mos wird müt­ter­lich erfah­ren. Gott MUTTER ist die Mut­ter des Uni­ver­sums, sie ist Mut­ter Erde, Frau Mond und Frau Son­ne. Sie ist aber auch die Mut­ter allen Lebens und natür­lich auch die Mut­ter der Tie­re. Da es trotz der Zer­stö­rungs­wut des Patri­ar­chats bis heu­te so vie­le Figu­ri­nen von ihr gibt, kön­nen wir uns auch sehr gut ein Bild­nis von ihr machen.

1. Höhlen der Steinzeit als Kathedralen von Gott MUTTER

Gott MUTTER Dar­stel­lun­gen fin­den sich über­wie­gend in direk­tem Zusam­men­hang mit Höh­len. Höh­len sind im Paläo­li­thi­kum nur sel­ten Wohn­stät­ten. Das häu­fig, auch heu­te noch in Fil­men und Muse­en ver­mit­tel­te Bild der Stein­zeit­män­ner als jagen­de Höh­len­men­schen, die sich schein­bar ohne Frau­en ver­mehr­ten, weil Frau­en in die­sen patri­ar­cha­len Pro­jek­tio­nen kaum vor­kom­men, ist nicht nur dies­be­züg­lich, son­dern auch bezüg­lich der Inter­pre­ta­ti­on der Höh­len falsch. Natür­lich nutz­ten die Men­schen den Schutz in geeig­ne­ten, offe­nen Höh­len und an Fels­wän­den (Abris), aber schon sehr früh began­nen sie Hüt­ten aus Zwei­gen oder aus Mam­mut­kno­chen- und Stoß­zäh­nen, sowie Tipi arti­ge Zel­te zu bau­en und die­se als Wohn­stät­ten zu nut­zen. Frü­he Hüt­ten wur­den zum Bei­pi­el in Prez­leti­ce bei Prag in Tsche­chi­en (600 000 v.u.Z.), in Ter­ra Ama­ta, bei Niz­za an der Côte d´Azur in Frank­reich (400 000 v.u.Z.), und in Bil­zings­le­ben in Deutsch­land (370 000 v.u.Z.) veri­fi­ziert. (www​.musee​-ter​ra​-ama​ta​.org).

Die Höh­len der Stein­zeit sind Kult­höh­len von Gott MUTTER und Zei­chen einer hoch­ent­wi­ckel­ten mensch­li­chen Kul­tur auf der Basis eines natür­li­chen, müt­ter­zen­trier­ten Lebens­ver­ständ­nis­ses. Den paläo­lin­gu­is­ti­schen Zusam­men­hang zwi­schen Frau, Höh­le und Kult hat Richard Fes­ter schon 1980 mit dem soge­nann­ten KALL-Sche­ma beschrie­ben und Moni­ka Löf­fel­mann hat dies wei­ter aus­ge­führt:

Anhand der Sprach­ent­wick­lung weist die Paläo­lin­gu­is­tik-For­schung den engen Sinn­zu­sam­men­hang zwi­schen Höh­leFrauKult, ent­hal­ten in dem Ur-Wort­stamm KALL nach: „Als Sinn­ge­hal­te bie­ten sich zwei an, KALL für Frau und KALL für Höh­le“. Die­sen Ur-Wort­stamm trägt auch das latei­ni­sche Wort Col-ere in sich. Hier ver­weist der Paläo­lin­gu­ist auf die Bedeu­tung des Wor­tes aus­höh­len auf der einen und pfle­gen auf der ande­ren Sei­te: …“und daher stam­men unse­re heu­ti­gen Begrif­fe und Wör­ter „KULTUR“ und… „KULT“. Hier sind also in der Dop­pel­be­deu­tung des Wor­tes COL-ere „Höh­le“ und „Kult“ ein­an­der unmit­tel­bar benach­bart“. (Löf­fel­mann, Moni­ka, 1997, S. 19).

In den Höh­len fin­den wir neben den Gott MUTTER Figu­ri­nen vie­le wei­te­re Kenn­zei­chen für das müt­ter­li­che Ver­ständ­nis der Höh­len als Gott MUTTER Kathe­dra­len der Stein­zeit. Dazu zäh­len die zahl­rei­chen Vul­va­ritz­zeich­nun­gen, aber auch die Tat­sa­che, dass von Hand­ab­drü­cken, die eben­falls häu­fig in den Höh­len zu fin­den sind, drei Vier­tel von Frau­en stam­men, wie der US-Anthro­po­lo­ge Dean Snow in den fran­ko­kantabri­schen Höh­len nach­wei­sen konn­te. (der Stan​dard​.at, 16.10.2013).

2. Gott MUTTER als Mutter der Tiere

Gott MUTTER ist auch die Mut­ter der Tie­re, wes­halb vie­le Tie­re kunst­voll als Höh­len­ma­le­rei­en, oft an expo­nier­ten, vul­va­ar­ti­gen, natür­li­chen Höh­len­for­ma­tio­nen ange­bracht sind, und inzwi­schen auch klar ist, dass es sich dabei nicht um Jagd­hei­lig­tü­mer han­delt, weil es so gut wie kei­ne Jagd­dar­stel­lun­gen in den Höh­len gibt.

Wie in den ange­führ­ten Höh­len­ma­le­rei­en auf die­ser Web­site bereits beschrie­ben, sind vor allem Säu­ge­tie­re dar­ge­stellt, wel­che ihren Nach­wuchs, wie die Men­schen, in müt­ter­li­chen Bauch­höh­len aus­tra­gen, gebä­ren und mit ihrer Milch säu­gen. Müt­ter mit ihren ein­zig­ar­ti­gen kör­per­li­chen Fähig­kei­ten spie­len also, wie beim Men­schen auch, eine zen­tra­le Rol­le bei die­sen Tier­ar­ten. Beson­ders häu­fig fin­den wir Pfer­de, Wisen­te (Bisons), Mam­muts, Nas­hör­ner, Löwin­nen oder Bärin­nen dar­ge­stellt. Pfer­de, die häu­figs­ten Tier­dar­stel­lun­gen in den Höh­len sind manch­mal als träch­tig zu erken­nen, oder sie wei­sen in ihrer Fell­fär­bung das typi­sche M-Mut­ter­sym­bol der gespreiz­ten Bei­ne der Men­schen­mut­ter bei der Geburt auf. Mam­muts (Fami­lie: Ele­fan­ten­ar­ti­ge) und Wisen­te (Bisons) mit ihren typi­schen Mut­ter­her­den und ihren Hör­nern ste­hen zudem nicht zufäl­lig in engem Zusam­men­hang mit den Hör­nern von Frau Mond und dem weib­li­chen, drei­zehn­mo­na­ti­gen Jah­res­zei­ten-Mens­trua­ti­ons­zy­klus. Eine beson­ders inter­es­san­te Dar­stel­lung von Wisen­ten (Bisons) im müt­ter­li­chen Kon­text fin­den wir in der nord­spa­ni­schen Höh­le in Alta­mi­ra, wo erwach­se­ne Wisen­te (Bisons) an der Höh­len­de­cke in Embryo­nal­hal­tung zu sehen sind und auch das T-Sym­bol als Wie­der­ge­burts­sym­bol, das neben dem M-Sym­bol als wei­te­rer Mut­ter­buch­sta­be bereits in vie­len Höh­len vor­kommt, zahl­reich zu fin­den ist.

Ger­hard Bott ver­weist dabei aus­drück­lich dar­auf, dass es nicht zutref­fend ist die „Mut­ter der Tie­re“ in Ver­bin­dung mit den paläo­li­thi­schen Höh­len­ma­le­rei­en als „Her­rin der Tie­re“ zu bezeich­nen. Er schreibt:

Orts­fes­te Hei­lig­tü­mer errich­te­ten die paläo­li­thi­schen Genos­sen­schaf­ten bereits im Aurigna­cién, vor 40 000 Jah­ren, indem sie ihre Kult­höh­len aus­mal­ten und dort die „Gro­ße MUTTER“ ver­ehr­ten, wie uns vie­le Skulp­tu­ren der Wild­beu­ter bewei­sen. Die Gro­ße Mut­ter wird als Mut­ter allen Lebens auch die „Groß-Mut­ter der Tie­re“, die oft etwas miss­ver­ständ­lich auch die „Her­rin der Tie­re“ genannt wird. Da sich Her­rin von Herr ablei­tet, und Herr (oder Lord) mit Herr­schaft ver­bun­den ist, ist die­se Bezeich­nung für die paläo­li­thi­sche Zeit zu ver­mei­den; sie trifft nur auf das Neo­li­thi­kum nach der Hier­ar­chi­sie­rung zu.“ (Bott, Ger­hard, Die Erfin­dung der Göt­ter, 2009, S. 133).

Dass es sich in der Stein­zeit nicht um eine hier­ar­chi­sche, von Herr­schafts­struk­tu­ren gepräg­te Gesell­schaft han­delt, kön­nen wir wie­der­um eben­falls an den Bestat­tun­gen able­sen, die nicht hier­ar­chisch, son­dern ega­li­tär erfolg­te, und schon bei den Nean­dertha­le­rin­nen mit Muschel­bei­ga­ben als Vul­va­sym­bol und in Ver­bin­dung mit rotem Ocker oder Rötel zu fin­den sind, wäh­rend die ers­ten hier­ar­chi­schen Grä­ber mit dem Beginn des Metall­zeit­al­ters (Chal­ko­li­thi­kum, Kup­fer­stein­zeit, 4500 v.u.Z.) zusam­men­fal­len und als Grab­bei­ga­ben zwar, wie in War­na im heu­ti­gen Bul­ga­ri­en, noch eine Mut­ter­gott­heit, aber auch bereits Kup­fer­schwer­ter ent­hiel­ten. (Haar­mann, Harald, 2005, S. 79; Bott, Ger­hard, 2009, S. 317).

3. Rot – Weiß – Schwarz: Die Farben von Gott MUTTER

Die Höh­len­ma­le­rei­en im Paläo­li­thi­kum sind in den Far­ben Rot und Schwarz gestal­tet. Eisen­oxi­de wur­den als rote Far­be und Man­gan­oxi­de oder Holz­koh­le als schwar­ze Far­be ver­wen­det. Tat­säch­lich kommt in den Höh­len aber auch häu­fig die Far­be Weiß vor, wie an der obi­gen Abbil­dung aus der am nord­spa­ni­schen Muschel­weg lie­gen­den Höh­le Tito Bustil­lo mit den Vul­va­ritz­zeich­nun­gen bei Riba­de­sel­la am Atlan­tik schön zu sehen ist. Hier­bei han­delt es sich um Cal­cit­ab­la­ge­run­gen, die nicht zufäl­lig auch als Mond­milch bezeich­net wer­den. Auf dem glei­chen Brei­ten­grad, 300 Kilo­me­ter öst­lich, in Aia, im spa­ni­schen Bas­ken­land bei San Sebas­ti­an in der Tie­fe des Ber­ges Ernio, ent­deck­ten bas­ki­sche Höh­len­for­sche­rIn­nen sogar einen wei­ßen unter­ir­di­schen Fluss aus Mond­milch. (Ham­bur­ger Abend­blatt, 1.2.2005). Auch in der Grot­te de Las­caux im Péri­gord in Frank­reich, der Höh­le mit den berühm­tes­ten Male­rei­en, fin­den wir sogar eine gan­ze Gale­rie, die den Namen Gale­rie du Mond­milch trägt.

Nicht zufäl­lig sind die Far­ben Rot, Weiß und Schwarz die Far­ben von Gott MUTTER. Aber woher stammt die Asso­zia­ti­on die­ser Far­ben mit dem Gött­lich-Müt­ter­li­chen?

Die Far­be Rot steht für das hei­li­ge Mens­trua­ti­ons­blut, das Vor­aus­set­zung ist, um Mut­ter zu wer­den, aber auch für das Nabel­blut der Nabel­schnur, der Schlan­ge des Lebens, mit der neu­es Leben im Bauch der Mut­ter genährt wird. Rot steht aber auch für das Mor­gen­rot der Son­ne, die ver­läss­lich nach der schwar­zen Nacht jeden Mor­gen im Osten aus den Tie­fen der Höh­len am Hori­zont auf­steigt, dann im Tages­ver­lauf wei­ßes Licht aus­strahlt, und am Abend wie­der als roter Son­nen­kreis im Wes­ten ver­sinkt, um der Schwär­ze der Nacht Raum zu geben. Das ist der Grund, war­um die Toten in der Stein­zeit häu­fig mit Ocker oder Rötel bedeckt und in Rich­tung Osten aus­ge­rich­tet wur­den, denn die Erde selbst, Frau Son­ne und Frau Mond sind Bestand­teil der zykli­schen Wie­der­ge­burts­re­li­gi­on von Gott MUTTER. Im täg­li­chen Kreis­lauf des Tages, in der Ver­läss­lich­keit der Natur­zy­klen, fan­den die Men­schen den Trost, der ihnen die Wand­lung des Todes in neu­es Leben anzeig­te. Die Schwär­ze der Nacht asso­zi­ier­ten sie mit der Schwär­ze der Höh­le und das Weiß der Höh­len in Form der häu­fi­gen Cal­cit­ab­la­ge­run­gen mit dem mil­chi­gen Weiß von Frau Mond und dem Ster­nen­him­mel. Da die Far­be Weiß aber auch für die lebens­näh­ren­de Milch der Mut­ter steht, wird auch klar, wor­auf die begriff­li­chen Asso­zia­tio­nen Mond­milch und die Milch­stra­ße am Fir­ma­ment zurück­zu­füh­ren sind. Weiß sind aller­dings auch die Kno­chen, die nach dem Tod und der damit ver­bun­de­nen Ver­wand­lung aller orga­ni­schen Sub­stanz in schwar­ze frucht­ba­re Mut­ter­hu­mu­ser­de noch in der Erde zurück­blei­ben. Und hier sehen wir auch die Bedeu­tung der Far­be Schwarz. In der Schwär­ze des Mut­ter­bauchs, in der Schwär­ze der Erd­bauch­höh­le, in der Schwär­ze der Nacht, in der drei­tä­gi­gen Schwarz­mond­pha­se von Frau Mond und in der Dun­kel­heit des Win­ters geschieht die Magi­sche Wand­lung des Todes in neu­es Leben. Und die Schwar­zen Madon­nen, die auch heu­te noch die größ­te Ver­eh­rung bei den Men­schen erfah­ren, haben genau die­sen Magi­schen Tod in Leben Wan­del­as­pekt, patri­ar­chal besetzt, aber den­noch gut erkenn­bar, erhal­ten. Sehr deut­lich wird das zum Bei­spiel bei der Schwar­zen Madon­na von Cler­mont Fer­rand in der Auver­gne in Frank­reich. Sie steht in der schwar­zen Kathe­dra­le der Stadt mit Blick auf den Mut­ter­berg Puy de Dôme und sie trägt bis heu­te den Namen „La Bon­ne Mort“, die „Gute Frau Tod“. (Arm­brus­ter, Kirs­ten, Der Muschel­weg, 2014, S. 142 ff). Und wir kön­nen nun auch erken­nen: Bis heu­te sind Res­te der Reli­gi­on von Gott MUTTER in unse­ren Tra­di­tio­nen ver­an­kert, denn bis heu­te tra­gen die Men­schen bei Beer­di­gun­gen schwar­ze oder wei­ße Klei­dung und bis heu­te wis­sen die Men­schen, dass Frau Storch die Kin­der bringt. Dass die­se Tra­di­ti­on mit den Mut­ter­far­ben zusam­men­hängt, genau­so wie der Name Mari­en­kä­fer, weiß hin­ge­gen nie­mand mehr.

Blei­ben wir bei der Far­be Schwarz und schau­en uns dazu noch paläo­lin­gu­is­ti­sche Zusam­men­hän­ge an, so kön­nen wir, wie bei der Mut­ter­wur­zel­sil­be KALL auch die Mut­ter­wur­zel­sil­be CAR oder KAR für schwarz und dun­kel aus dem matrifo­ka­len Lebens­zu­sam­men­hang der Stein­zeit ablei­ten. Harald Haar­mann weist dar­auf hin, dass Grund­farb­wör­ter eine gro­ße Rol­le spie­len bei der „Rekon­struk­ti­on des Wort­schat­zes grund­sprach­li­cher Pro­to­for­men“. Für die Sil­be KAR als schwarz und dun­kel lässt sich dies, laut Ruh­len, fol­gen­der­ma­ßen rekon­stru­ie­ren:

Die Silbe kar für schwarz und dunkel:

nostratisch=k´arä
proto-afroasiatisch=k´r/kr
proto-indoeuropäisch=ker-/ker-s
proto-altaisch=karä
proto-dravidisch=kar/kar
japanisch=kuroi
amerind=k´ara
(Ruh­len, 1994, S. 225 in Haar­mann, Harald; 2010, S. 144)

Die Mut­ter­wur­zel­sil­be Kar oder Car steht jedoch nicht nur für schwarz und dun­kel, son­dern ver­mit­telt sprach­lich gleich eine gan­ze Gott MUTTER Asso­zia­ti­ons­ket­te, denn auch heu­te noch wird die Mut­ter­wur­zel­sil­be KAR in Ver­bin­dung mit Stein ver­wen­det, zum Bei­spiel in dem Wort Karst, dem Wort Car­ra­ra Mar­mor oder auch in dem Orts­na­men Berg Kara­bach, wo nicht zufäl­lig in der Azych-Höh­le der bis­her ältes­te Bären­kult (430 000 v.u.Z.) nach­ge­wie­sen wur­de. Das eng­li­sche care bedeu­tet bis heu­te Für­sor­ge, Betreu­ung, Pfle­ge und auch das Fran­zö­si­sche Wort cares­ser für lieb­ko­sen, strei­cheln, hät­scheln hat sei­nen für­sorg­li­chen Cha­rak­ter bewahrt, eben­so wie das Wort cari­ta­tiv. Für­sor­ge ist bis heu­te eng ver­bun­den mit Müt­tern. Tat­säch­lich steht die Für­sor­ge in beson­de­rem Maße am Anfang der Mensch­wer­dung, denn das sehr unreif gebo­re­ne Men­schen­kind ist ein „Nest­ho­cker“ mit beson­ders lan­ger Rei­fe­zeit.“ Und eine wei­te­re Bedeu­tung der Mut­ter­wur­zel­sil­be Kar oder Car ist bis heu­te erhal­ten geblie­ben. Wir fin­den sie in dem Wort car­ne für Fleisch und in dem Begriff Re-in-kar-nati­on, was nichts ande­res heißt, als Wie­der-in-Fleisch-Geklei­det-Wer­den und auf die Wie­der­ge­burt des Lebens durch die MUTTER hin­weist und aus der Reli­gi­on von Gott MUTTER stammt. (Arm­brus­ter, Kirs­ten, Der Jacobs­weg, 2013).

Gott MUTTER steht also am Anfang und am Ende des Lebens­kreis­laufs. Sie, nicht er, ist das A und das O, das Alpha und das Ome­ga des Lebens. Für die Natur-Erfah­rungs-Reli­gi­on von Gott MUTTER braucht es kei­nen Glau­ben und kei­ne Indok­tri­na­tio­nen, wie in den heu­ti­gen ver­dreh­ten patri­ar­cha­len Theo­lo­gie­kon­struk­ten, denn schon jedes Kind kann die­se natur­zy­kli­schen Zusam­men­hän­ge kör­per­lich erle­ben und erfah­ren. Und es wird nun auch über­deut­lich, dass das, was uns heu­te als Reli­gi­on ver­kauft wird, kei­ne Reli­gio­nen sind, son­dern patri­ar­chal-theo­lo­gi­sche Obses­sio­nen, die den Mann zu Gott machen soll­ten, um männ­li­che Herr­schafts­macht durch­zu­set­zen und zu legi­ti­mie­ren. Theo­lo­gi­en sind daher – weil sie so wider­na­tür­lich sind – nur mit Gewalt durch­setz­bar, und das ist der Grund, war­um die letz­ten Jahr­tau­sen­de das Leben an Krie­gen zugrun­de geht. Gewalt und Krie­ge sind, wie inzwi­schen auch eini­ge Archäo­lo­gen ver­ste­hen, nicht men­schen­na­tür­lich, son­dern sie sind an patri­ar­cha­le Herr­schafts­an­sprü­che in Ver­bin­dung mit Besitz­si­che­rung geknüpft. Teil des patri­ar­cha­len Besitz­an­spru­ches ist der Besitz an der Frau, wel­che die Natur zur Trä­ge­rin der Natür­li­chen Inte­gra­ti­ven Ord­nung der Mut­ter gemacht hat, die alle Geschlecht­lich­kei­ten ein­schließt, wäh­rend das dual-pola­re Geschlech­ter­den­ken Mann-Frau, immer hier­ar­chisch ist, weil es auf der Hybris des Man­nes beruht und die Basis des Patri­ar­chats ist.

4. Der Wandel des Frauen- und Mutterbildes durch die Überlagerung von Religion durch Theologie

Gott MUTTER Dar­stel­lung von Laus­sel aus Frank­reich (Dordo­gne, 25.000 – 20.000 v.u.Z.), deren Kör­per die Spu­ren des Wun­ders der Mut­ter­schaft prä­sen­tiert. In der einen Hand hält sie das mit 13 Ker­ben ein­ge­ritz­te Horn von Frau Mond, das den drei­zehn­mo­na­ti­gen am Mens­trua­ti­ons­zy­klus der Frau ori­en­tier­ten Jah­res­ka­len­der wider­spie­gelt, mit der ande­ren Hand ver­weist sie auf den Nabel der Welt, dem jeder Mensch sein Leben zu ver­dan­ken hat. | Crea­ti­ve Com­mons, pho­to 120 attri­bu­ti­on 3 unpor­ted licen­se
Venus von Esquilin, 50 n.u.Z.
Die römi­sche, zum Sex­ob­jekt des patri­ar­cha­len Man­nes degra­dier­te Göt­tin Venus aus der Anti­ke, deren Kör­per kei­ner­lei Mut­ter­spu­ren mehr auf­weist. (Venus von Esqui­lin, 50 n.u.Z.) | Crea­ti­ve Com­mons, Jean-Pol Grand­mont
Muttergottes, Kirche St.-Nectaire, Auvergne, Frankreich
Die katho­li­sche, gehor­sa­me Mut­ter­got­tes, die ihre Gött­lich­keit abge­spro­chen bekom­men hat, von einem Vater-Gott, der sich durch selbst defi­nier­te schrift­li­che Dog­men als ihr HERR auf­ge­schwun­gen hat und dem des­halb in der Logik des Patri­ar­chats Besitz­an­spruch gebührt auf die Frucht ihres Lei­bes, der nicht mehr ihr eige­ner ist | Franz Arm­brus­ter, Kir­che St.-Nectaire, Auver­gne, Frank­reich

4.1. Gott MUTTER Figurinen aus dem Paläolithikum sind klein

Kom­men wir noch ein­mal auf die Gott MUTTER Figu­ri­nen aus dem Paläo­li­thi­kum zurück. Vie­le die­ser Figu­ri­nen sind auf­fal­lend klein, gera­de im Ver­gleich zu den Monu­men­tal­bau­ten des Patri­ar­chats, wo es aus einem Kon­kur­renz- statt Koope­ra­ti­ons­den­ken her­aus dar­um geht, sich in Grö­ße gegen­sei­tig zu über­trump­fen. Aus dem Blick­win­kel einer nicht sess­haf­ten, koope­ra­ti­ven, wild­beu­te­risch-beweg­li­chen Öko­no­mie sind sie aber prak­tisch, da sie über­all hin mit­ge­nom­men wer­den kön­nen. Es ist auch nicht wich­tig, dass sie groß sind, weil sie in der ver­läss­li­chen Natur­ord­nung der Mut­ter ver­wur­zelt und eben nicht dem phal­lus­in­du­zier­ten Super­la­ti­vie­rungs­den­ken des Patri­ar­chats ent­sprun­gen sind.

Nachzeichnungen von Liebesszenen von Frauen von verschiedenen Plaketten aus Gönnersdorf, Rheinland-Pfalz, Deutschland; von links nach rechts: Plakette 176, 78, 79, 206; Datierung Magdalénien: 13 500-11 000 v.u.Z. (Link Figurinen Gönnersdorf); Zeichnungen entnommen aus: Bosinski, Gerhard: Femmes sans tête, 2011, S. 98-108)
Nachzeichnungen von Liebesszenen von Frauen von verschiedenen Plaketten aus Gönnersdorf, Rheinland-Pfalz, Deutschland; von links nach rechts: Plakette 176, 78, 79, 206; Datierung Magdalénien: 13 500-11 000 v.u.Z. (Link Figurinen Gönnersdorf); Zeichnungen entnommen aus: Bosinski, Gerhard: Femmes sans tête, 2011, S. 98-108)
Nachzeichnungen von Liebesszenen von Frauen von verschiedenen Plaketten aus Gönnersdorf, Rheinland-Pfalz, Deutschland; von links nach rechts: Plakette 176, 78, 79, 206; Datierung Magdalénien: 13 500-11 000 v.u.Z. (Link Figurinen Gönnersdorf); Zeichnungen entnommen aus: Bosinski, Gerhard: Femmes sans tête, 2011, S. 98-108)
Nachzeichnungen von Liebesszenen von Frauen von verschiedenen Plaketten aus Gönnersdorf, Rheinland-Pfalz, Deutschland; von links nach rechts: Plakette 176, 78, 79, 206; Datierung Magdalénien: 13 500-11 000 v.u.Z. (Link Figurinen Gönnersdorf); Zeichnungen entnommen aus: Bosinski, Gerhard: Femmes sans tête, 2011, S. 98-108)
Nach­zeich­nun­gen von Lie­bes­sze­nen von Frau­en von ver­schie­de­nen Pla­ket­ten aus Gön­ners­dorf, Rhein­land-Pfalz, Deutsch­land; von links nach rechts: Pla­ket­te 176, 78, 79, 206; Datie­rung Mag­d­alé­ni­en: 13.500 – 11.000 v.u.Z. (sie­he auch: Figu­ri­nen Gön­ners­dorf) | Zeich­nun­gen ent­nom­men aus: Bosin­ski, Ger­hard: Femmes sans tête, 2011, S. 98 – 108

4.1. Gott MUTTER Figurinen aus dem Paläolithikum sind nackt

Auf­fal­lend ist auch, dass alle Gott MUTTER Figu­ri­nen nackt sind, was patri­ar­chal-phal­lus­fi­xier­te Män­ner inter­pre­ta­to­risch dazu ver­an­lass­te, sie als Sex­pup­pen, für Män­ner gemach­te Por­no­gra­phie oder Venus­fi­gu­ri­nen zu beti­teln. Alle drei Bezeich­nun­gen offen­ba­ren aller­dings nur die übli­che Denk- und Defi­ni­ti­ons­wei­se des Patri­ar­chats, Frau­en als Sex­ob­jek­te, zen­triert auf den Mann, zu sehen und zu benen­nen. Tat­sa­che ist aber, dass wir im Paläo­li­thi­kum in den Höh­len­ma­le­rei­en weder ity­phal­li­sche Dar­stel­lun­gen noch irgend­wel­che Dar­stel­lun­gen eines hete­ro­se­xu­el­len Sexu­al- oder Lie­bes­ak­tes fin­den, was deut­lich zeigt, dass weder der Phal­lus noch hete­ro­se­xu­el­le Sexua­li­tät im Zen­trum der Höh­len stan­den. (Link paläo­li­thi­sche Män­ner­dar­stel­lun­gen). Was hin­ge­gen auf Pla­ket­ten in paläo­li­thi­schen Höh­len aus dem Mag­d­alé­ni­en, in Gön­ners­dorf, in Deutsch­land gefun­den wur­de (Datie­rung: 13 500 – 11 000 v.u.Z.), sind zahl­rei­che Lie­bes­sze­nen von Frau­en unter­ein­an­der, wie die obi­gen Abbil­dun­gen deut­lich zei­gen, die als die ers­ten les­bi­schen Zeich­nun­gen der Mensch­heits­ge­schich­te inter­pre­tiert wer­den kön­nen und neben den meist weib­li­chen Hand­ab­drü­cken in Höh­len ein wei­te­rer Hin­weis dar­auf sind, dass vor allem Frau­en die paläo­li­thi­schen Höh­len gestal­te­ten.

Des­halb ist auch der heu­te am häu­figs­ten ver­wen­de­te Begriff Venus­fi­gu­ri­nen für die Gott MUTTER Figu­ri­nen falsch. Denn die aus der Anti­ke stam­men­de, römi­sche Venus ist zwar noch gött­lich, aber sie stammt aus der Zeit des bereits tief patri­ar­cha­len, indo­eu­ro­päi­schen auf Ver­ge­wal­ti­gung auf­bau­en­den griechisch/​römischen Göt­ter­pan­the­ons. Die Göt­tin Venus ist längst nicht mehr Sub­jekt ihrer eige­nen Sexua­li­tät, son­dern der Inbe­griff des Sex­ob­jekts, die sei­ne Sexua­li­tät zum Zen­trum hat, eine Sexua­li­tät, die sich längst nicht mehr an der fema­le choice der Frau ori­en­tiert, son­dern an der male choice, die für sich in Anspruch nimmt: „Und bist du nicht wil­lig, so brauch ich Gewalt“. Obwohl die Göt­tin Venus selbst Mut­ter ist – so wird über­lie­fert, dass sie Mut­ter des Lie­bes­gotts Armor ist – weist nichts mehr auf die bei den Gott MUTTER Figu­ri­nen expo­niert dar­ge­stell­te, gehei­lig­te müt­ter­li­che Kör­per­lich­keit hin, die nicht nur in den Figu­ri­nen, son­dern auch in den zahl­rei­chen Vul­va­ritz­zeich­nun­gen in den Höh­len des Paläo­li­thi­kums ver­ewigt ist.

Ger­hard Bott hat das Ver­hält­nis von Vul­va und Phal­lus im his­to­ri­schen Wan­del in sei­nem zwei­ten Band „Die Erfin­dung der Göt­ter“ her­vor­ra­gend ana­ly­siert, denn natür­lich spiel­te für hete­ro­se­xu­ell-inter­es­sier­te Frau­en eine freie, die fema­le choice der Frau ach­ten­de Sexua­li­tät mit Män­nern natür­li­cher­wei­se immer eine ero­tisch-lebens­er­freu­lich berei­chern­de Rol­le. Bott schreibt über die ursprüng­li­che, sakra­le Pro­mi­nenz der Vul­va:

Wenn also, wie die Arte­fak­te zei­gen, die Vul­va als das Tor des Mut­ter­leibs und der Geburt im Bewusst­sein der paläo­li­thi­schen Men­schen zu einem sakra­len Sym­bol auf­ge­wer­tet wird, und zwar so, dass auch die gött­li­che „Gro­ße Mut­ter“ mit expo­nier­ter Vul­va dar­ge­stellt wird, kön­nen wir uns vor­stel­len, wel­che Aus­wir­kun­gen dies für die Sexu­al­be­zie­hun­gen zwi­schen Frau und Mann hat­te. Für den Mann bedeu­te­te es, dass die Frau ihm das „Aller­hei­ligs­te“ öff­ne­te, aus dem alles Leben kam, auch er selbst“. Auch die Frau­en, die der­ar­ti­ge Arte­fak­te von Göt­tin­nen schu­fen, waren sich natür­lich der Sakra­li­tät ihres Geschlechts bewusst. Zudem betrach­te­ten sie sich selbst nicht als Objekt, son­dern als Sub­jekt, dem das Recht der frei­en Wahl ihres Part­ners zusteht. Bei­de Sexu­al­part­ner leb­ten mit­hin in einer bemer­kens­wer­ten Vor­stel­lungs­welt: Der Mann, der aus Freu­de an sei­ner eige­nen Kör­per­lich­keit gelernt hat­te, den Frau­en nur durch sein Wesen, sei­ne ero­ti­sche Attrak­ti­vi­tät zu gefal­len, wird sein Geschlecht, den Phal­lus erfah­ren als „Glücks­brin­ger“, als „Die­ner der Vul­va“. Die Frau erlebt sich nicht als Skla­vin des Phal­lus, son­dern sie ist selbst­be­stimmt…“ (Bott, Ger­hard, 2014, S. 84/​85).

Wenn wir uns also den Phal­lus als hoch ero­ti­schen Die­ner der Vul­va, als Die­ner desAller­hei­ligs­ten“ vor­stel­len, dann ist eine Ver­ge­wal­ti­gung der Vul­va – wie sie fes­ter Bestand­teil des Kriegs des Patri­ar­chats gegen die Frau ist, nicht denk­bar: Die Negie­rung von Gott MUTTER, die mit der Negie­rung der Hei­lig­keit des müt­ter­li­chen Kör­pers ein­her­geht, ist also Vor­aus­set­zung für Ver­ge­wal­ti­gung.

4.3. Gott MUTTER Figurinen aus dem Paläolithikum tragen kein Kind auf dem Arm

Eine wei­te­re Auf­fäl­lig­keit bei den Gott-MUT­TER Dar­stel­lun­gen des Paläo­li­thi­kums ist auch, dass kei­ne ein­zi­ge von ihnen ein Kind auf dem Arm trägt. Wer die Mut­ter ist, ist näm­lich immer klar und muss nicht expli­zit zur Schau gestellt wer­den und da die Kin­der­auf­zucht men­schen­art­ge­recht koope­ra­tiv erfolgt, kommt im matrifo­ka­len Paläo­li­thi­kum auch nie­mand auf die Idee einer Mut­ter als Ein­zel­per­son die Betreu­ung des von ihr gebo­re­nen Kin­des allein auf­zu­hal­sen. Iso­lier­te Müt­ter­lich­keit und die damit ver­bun­de­ne Fixie­rung der Mut­ter in der Rol­le mit einem Kind auf dem Arm ist nicht Bestand­teil von Matrifo­ka­li­tät, son­dern – wie auch das Bild der Frau als Sex­ob­jekt – zen­tra­ler Bestand­teil des Patri­ar­chats.

Die­ses Rol­len­ver­ständ­nis fin­den wir so nie­mals im Paläo­li­thi­kum. Dort steht die Dar­stel­lung nack­ter, müt­ter­li­cher Kör­per­lich­keit ohne ein Kind auf dem Arm für müt­ter­li­che Gött­lich­keit, was wir auch dar­an erken­nen kön­nen, dass die patri­ar­chal okku­pier­te Mut­ter­got­tes einer­seits nie nackt, dafür aber mit Kind, respek­ti­ve einem Sohn auf dem Arm, dar­ge­stellt wird, gleich­zei­tig aber vom Patri­ar­chat ihrer Gött­lich­keit beraubt wur­de. Müt­ter­li­che Gött­lich­keit und die sie spie­geln­den Gott MUTTER Figu­ri­nen des Paläo­li­thi­kums ste­hen im Gegen­satz zur patri­ar­chal-besetz­ten Mut­ter­got­tes, die von einem ideo­lo­gisch erfun­de­nen, mit Gewalt durch­ge­setz­tem, die Natur miss­ach­ten­den Vater Gott zu einem gehor­sa­men, pas­si­ven Gefäß degra­diert wur­de, ganz offen­sicht­lich für etwas ganz Ande­res. 

Müt­ter­li­che Gött­lich­keit steht für das der Men­schen­art zugrun­de lie­gen­de Natur­prin­zip der Mut­ter­bin­dung und die Gott MUTTER Figu­ri­nen ver­kör­pern eben genau die­ses Geis­tig-Müt­ter­li­che Prin­zip der Natür­li­chen Mut­ter­bin­dung, das Prin­zip, das eben nicht wie die patri­ar­cha­len Theo­lo­gi­en Geist von Kör­per­lich­keit abtrennt, son­dern Geist und Kör­per ver­bin­det. Die­se Ver­bin­dung von Geist und Kör­per­lich­keit kann nie im Kör­per eines Vaters erfol­gen, weil die Natur die­se Anbin­dung nur in der Mut­ter vor­ge­se­hen hat. Und die­se Ver­bin­dung von Geist und Kör­per, wel­che auch die Wand­lung von Tod und Leben im Natür­li­chen Kreis­lauf der Natur mit ein­be­zieht, ist das Ver­ständ­nis, das ursprüng­lich hin­ter Gött­lich­keit steht. Set­zen wir das paläo­li­thi­sche Gott MUTTER Bild wie­der ein, so ver­än­dert sich nicht nur das heu­ti­ge Sex­ob­jekt-Frau­en­bild, son­dern auch das patri­ar­chal gepräg­te Mut­ter­bild, ein Mut­ter­bild, das die Müt­ter als unent­wegt um die Kin­der und den dazu gehö­ren­den bio­lo­gi­schen Vater Krei­sen­de indok­tri­niert hat. Die Dar­stel­lung von Müt­tern, die ein Kind auf dem Arm tra­gen – respek­ti­ve einen Sohn – spie­gelt nicht ein Natür­li­ches Mut­ter­Sein, son­dern erweist sich bei genaue­rem Hin­se­hen als Mar­kie­rung von Vater­schaft, denn es geht dar­um, dass die Mut­ter „sein“ Kind, respek­ti­ve „sei­nen“ Sohn auf dem Arm trägt.

5. Der Verkehrung von Religion zu Theologie als Zweck des Patriarchats, um väterliche Macht zu institutionalisieren

Um die­ses indi­vi­du­ell-bio­lo­gi­sche Vater­schafts­bild zu indok­tri­nie­ren, bedarf es der Insti­tu­tio­na­li­sie­rung der Paa­rungs­fa­mi­lie, wel­che als Grund­la­ge die soge­nann­te „Hei­li­gen Hoch­zeit“ hat, die wir auch heu­te noch in der Ehe staat­lich und theo­lo­gisch pri­vi­le­gie­ren und die gleich­zei­tig das Kenn­zei­chen des Miss­brauchs der Mut­ter durch das Patri­ar­chat ist.

His­to­risch geht die „Hei­li­ge Hoch­zeit“ ein­her mit dem Wan­del der männ­li­chen Öko­no­mie vom Jäger zum Hir­ten im Zuge der Her­den­do­mes­ti­ka­ti­on von Scha­fen, Zie­gen und ins­be­son­de­re Rin­dern, wel­che das paläo­li­thisch-reli­giö­se Rol­len­ver­ständ­nis des Man­nes als Scha­ma­ne der Tie­re in der Reli­gi­on von Gott MUTTER zum HERRN der Tie­re wan­delt und nicht zufäl­lig – wie wir im nächs­ten Kapi­tel unse­rer reli­gi­ons­ge­schicht­li­chen Zeit­rei­se auf­zei­gen, mit der Mani­fes­ta­ti­on ers­ter männ­li­cher Gött­lich­keit ein­her­geht. Die­se Kul­tur­re­vo­lu­ti­on der Hei­li­gen Hoch­zeit (Bott, Ger­hard, 2009, S. 163 – 208), die mit einem Wan­del zu einem bili­nea­ren Abstam­mungs­ver­hält­nis und der Ver­schleie­rung der Natür­li­chen Inte­gra­ti­ven Ord­nung der Mut­ter ein­her­geht, lei­tet den Pro­zess der Über­la­ge­rung von Reli­gi­on durch Theo­lo­gie ein. Die­ser Pro­zess der Theo­lo­gi­sie­rung, wel­cher nichts ande­res ist als die Erfin­dung männ­li­cher Gött­lich­keit auf der Grund­la­ge eines auf dem Gebärneid beru­hen­den männ­li­chen Frucht­bar­keits­wahns macht den Mann erst zu einem Hir­ten­gott, dann zu einem Vege­ta­ti­ons- und Wet­ter­gott und schließ­lich auf der Grund­la­ge des Mytho­lo­gi­schen Mut­ter­mords zu einem mono­the­is­ti­schen Vater-Schöp­fer-Gott. Die Theo­lo­gi­sie­rung beginnt cir­ca 8500 v.u.Z. und hat nichts ande­res als die macht­po­li­tisch-ideo­lo­gi­sche Herr­schaft des Vaters auf der Basis der Ent­gött­li­chung der Mut­ter zum Ziel.

Mit der Wie­der­be­nen­nung von Gott MUTTER als Inbe­griff von Reli­gi­on sind wir also zur Kern­lü­ge des Patri­ar­chats vor­ge­drun­gen und hal­ten damit gleich­zei­tig auch den Schlüs­sel zur Been­di­gung des Patri­ar­chats in der Hand, denn die gute Nach­richt ist: Auch heu­te noch gilt für den Men­schen die Natür­li­che Inte­gra­ti­ve Ord­nung der Mut­ter. Das bedeu­tet, auch die Reli­gi­on von Gott MUTTER hat – aller patri­ar­cha­len Indok­tri­na­tio­nen zum Trotz nichts an ihrer Gül­tig­keit ver­lo­ren. Um den Patri­ar­cha­li­sie­rungs­pro­zess – der auch heu­te noch trotz viel­fa­cher Bestre­bun­gen des Femi­nis­mus anhält, zu ver­ste­hen, bege­ben wir uns jetzt im drit­ten Teil der reli­giö­sen Zeit­rei­se zu den Wur­zeln des Patri­ar­chats und der unhei­li­gen Alli­anz zwi­schen Land­wirt­schaft, Theo­lo­gie und Hier­ar­chie.

Literaturverzeichnis

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Arm­brus­ter, Kirs­ten: Der Jacobs­weg – Kriegs­pfad eines Mau­ren­tö­ters oder Muschel­weg durch Mut­ter­land? Die Wie­der­ent­de­ckung der Wur­zeln Euro­pas – Teil 1; 2013

Arm­brus­ter, Kirs­ten: Der Muschel­weg – Auf den Spu­ren von Gott der MUTTER; Die Wie­der­ent­de­ckung der matrifo­ka­len Wur­zeln Euro­pas; 2014

Arm­brus­ter, Kirs­ten: Matrifo­ka­li­tät – Müt­ter im Zen­trum – Ein Plä­doy­er für die Natur – Weck­ruf für Zukunft, 2014

Arm­brus­ter, Kirs­ten: Das Mut­ter­ta­bu oder der Beginn von Reli­gi­on; 2010

Bosin­ski, Ger­hard: Femmes sans tête, 2011

Bott, Ger­hard: Die Erfin­dung der Göt­ter, Essays zur Poli­ti­schen Theo­lo­gie; 2009

Bott, Ger­hard: Die Erfin­dung der Göt­ter; Essays zur Poli­ti­schen Theo­lo­gie; Band 2; 2014

Fes­ter, Richard, König. Marie E.P.; Jonas, Doris, F.; Jonas A. David: Weib und macht – Fünf Mil­lio­nen Jah­re Urge­schich­te der Frau; 1980

Haar­mann, Harald: Geschich­te der Sint­flut; Auf den Spu­ren der frü­hen Zivi­li­sa­tio­nen; 2005

Haar­mann, Harald: Welt­ge­schich­te der Spra­chen; Von der Früh­zeit des Men­schen bis zur Gegen­wart; 2010

Löf­fel­mann, Moni­ka: Der ERDSTALL; Kult – Reli­gi­ons­ge­schich­te – Über­lie­fe­rung; Hef­te des Arbeits­krei­ses für Erd­stall­for­schung; 1997