Vom Hirtentum und der Überbetonung von Vaterschaft

Aus dem Buch von Kirsten Armbruster: Das Muttertabu oder der Beginn von Religion, 2010, S.178 – 196

Bos primigenus
Bos pri­mi­ge­ni­us | Bild: Franz Arm­brus­ter; Museo de la Evo­lu­ción Huma­na, Bur­gos

Der wei­te­re Ent­wick­lungs­schritt des Men­schen im Neo­li­thi­kum ist der Beginn der Her­den­hal­tung und damit des Hir­ten­tums. Das Hir­ten­tum ist der Arbeits­be­reich der Män­ner, und die­ser ent­wi­ckelt sich im Lau­fe des Neo­li­thi­kums vom kol­lek­ti­ven Jäger­tum weg, hin zu einer indi­vi­du­el­len Her­den­hal­tung. Wie­der­käu­er und dazu gehö­ren sowohl Scha­fe, Zie­gen als auch Rin­der ver­fü­gen über ein aus­ge­klü­gel­tes mehr­tei­li­ges Magen­sys­tem und über eine, beson­ders im Pan­sen, ver­dau­ungs­phy­sio­lo­gisch enge Sym­bio­se mit Bak­te­ri­en. Daher sind sie im Ver­gleich zum Men­schen oder auch zum Schwein, in der Lage Roh­fa­ser in gro­ßen Men­gen zu ver­wer­ten und in phy­sio­lo­gisch wert­vol­les tie­ri­sches Eiweiß umzu­wan­deln. Wie­der­käu­er sind daher prä­de­sti­niert dafür, in Savan­nen, für den Men­schen Unver­dau­li­ches, in Nah­rung umzu­wan­deln, und noma­di­sche oder halb­no­ma­di­sche Vieh­hal­ter gel­ten bis heu­te als weni­ger ver­wund­bar gegen­über Dür­ren, als sess­haf­te Acker­bau­ern, die wesent­lich mehr auf eine kon­ti­nu­ier­li­che Bewäs­se­rung ange­wie­sen sind.

Der Beginn der Rinderdomestikation

Die Domes­ti­ka­ti­on des Auer­och­sen, dem Vor­fah­ren unse­rer heu­ti­gen Haus­rin­der gelingt zwi­schen 7000 und 6500 v. u. Z.. Ruth Bol­lon­gi­no, Paläo­ge­ne­ti­ke­rin an der Uni­ver­si­tät Mainz und Auto­rin der Ver­öf­fent­li­chung „Die Her­kunft der Haus­rin­der; Eine a-DNA-Stu­die an neo­li­thi­schen Kno­chen­fun­den“, gibt an, dass die Domes­ti­ka­ti­on von Rin­dern erst­mals 7000 v. u. Z. im Nahen Osten gelang. Die Stamm­form aller euro­päi­schen und vie­ler asia­ti­schen und afri­ka­ni­schen Haus­rin­der ist der Auer­och­se (Bos pri­mi­ge­ni­us). Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang, dass die Paläo­ge­ne­ti­ke­rin Ruth Bol­lon­gi­no glaubt, inzwi­schen nach­wei­sen zu kön­nen, dass alle heu­te in Euro­pa leben­den Rin­der von dem asia­ti­schen Auer­och­sen abstam­men. Ihr Fazit:

Heu­ti­ge Haus­rin­der tra­gen exakt die gene­ti­sche Signa­tur des asia­ti­schen Auer­och­sen. Bis heu­te stam­men wohl alle Rin­der Euro­pas von asia­ti­schen Vor­fah­ren ab. Offen­bar mach­ten sich die Früh­bau­ern in Euro­pa nie­mals die Mühe, das euro­päi­sche Wild­rind zu zäh­men“. (Der Treck nach Wes­ten: www​.zeit​.de; 2006)

Gerd Bau­sch­mann schreibt hier­zu aller­dings: „Auer­och­sen waren von West­eu­ro­pa bis zum Chi­ne­si­schen Meer, im Süden bis ins nörd­li­che Vor­der­in­di­en, Vor­der­asi­en und Nord­afri­ka ver­brei­tet … Auer­och­sen leb­ten in gro­ßen Her­den in mehr oder weni­ger offe­nen Land­schaf­ten. Ihre Hufe waren dem Step­pen­le­ben gut ange­passt“ … Ab etwa 6500 v. u. Z. begann an ver­schie­de­nen Stel­len und zu ver­schie­de­nen Zei­ten unab­hän­gig von­ein­an­der die Domes­ti­ka­ti­on des Auer­och­sens. (Bau­sch­mann: www​.wei​de​welt​.de) Das stimmt auch mit den Aus­sa­gen Haar­manns über­ein, der davon aus­geht, dass sich das Hir­ten­no­ma­den­tum zeit­gleich auch im nord­öst­lichs­ten Teil Euro­pas, im süd­li­chen Russ­land an der Gren­ze zu Asi­en, ent­wi­ckelt hat. Haar­mann schreibt:

Der Acker­bau ist in der Ära nach der Flut in der süd­li­chen Schwarz­meer­re­gi­on am erfolg­reichs­ten, zu einer Zeit, als bei den Völ­kern im Nor­den das Jagen und Sam­meln wei­ter­hin domi­niert. In eini­gen Regio­nen för­dern die kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen schon früh die Ent­ste­hung einer neu­ar­ti­gen Wirt­schafts­form, des Hir­ten­no­ma­den­tums. Die Umwelt­ver­än­de­run­gen im Nor­den Euro­pas füh­ren im Ver­lauf des 7. Jahr­tau­sends zur Aus­bil­dung zwei­er Zonen mit unter­schied­li­chen Wirt­schafts­for­men: Wild­beu­ter­tum und Fische­rei bei den Ura­li­ern im Fluss- und Seen­ge­biet zwi­schen Wyat­ka und Kama und Hir­ten­no­ma­den­tum bei den Pro­to-Indo­eu­ro­pä­ern in der Wol­ga­re­gi­on. Die Kennt­nis des Acker­baus gelangt dort­hin viel spä­ter, und zwar erst um 5500 v. Chr.. Das Hir­ten­no­ma­den­tum konn­te sich so früh ent­fal­ten, weil die kli­ma­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen für die­se Wirt­schafts­form bereits mit der fort­schrei­ten­den Tro­cken­heit seit Mit­te des 10. Jahr­hun­derts v. Chr. geschaf­fen wur­den: die zuneh­men­de Ver­step­pung des süd­li­chen Russ­lands“. (Haar­mann, 2005, S. 56).

Inter­es­sant sind in die­sem Zusam­men­hang zwei wei­te­re gene­ti­sche Unter­su­chun­gen. Die eine betrifft die Fra­ge, wie sich denn spä­ter das Bau­ern­tum über­haupt in Euro­pa ver­brei­tet hat. In dem Zeit-Arti­kel „Der Treck nach Wes­ten“ ist zu lesen:

Noch unkla­rer als die Fra­ge wie die euro­päi­schen Bau­ern zu ihren Kühen kamen, ist die Fra­ge woher die Bau­ern selbst kamen“.

Auch wei­te­re gene­ti­sche For­schun­gen von Joa­chim Bur­ger, Pro­fes­sor für Mole­ku­la­re Archäo­lo­gie der Uni­ver­si­tät Mainz und dem Popu­la­ti­ons­ge­ne­ti­ker Peter Fors­ter von der Uni­ver­si­tät Cam­bridge an Kno­chen­pro­ben von 24 frü­hen Bau­ern lie­fer­te einen Befund, den nie­mand bis­her rich­tig zu deu­ten weiß. In dem Arti­kel ist hier­über wei­ter zu lesen:

Jedes vier­te der Gebei­ne aus 16 Fund­stät­ten in Deutsch­land, Öster­reich und Ungarn wies eine beson­de­re gene­ti­sche Signa­tur auf, den mito­chon­dria­len Haplo­typ N1a. Doch die­ser Gen­typ ist aus der heu­ti­gen Bevöl­ke­rung Euro­pas fast voll­stän­dig ver­schwun­den – und auch sonst auf der Welt höchst sel­ten. War da eine beson­de­re Grup­pe von Pio­nie­ren in Euro­pa am Werk? Ein­zel­ne Sied­ler, die womög­lich nicht nur die bäu­er­li­che Kul­tur, son­dern auch eine neue Reli­gi­on ver­brei­te­ten? Die Her­kunft der ers­ten Bau­ern bleibt ein Mys­te­ri­um“.

Wolf­gang Haak, Paläo­ge­ne­ti­ker aus dem Insti­tut für Anthro­po­lo­gie der Uni­ver­si­tät Mainz, der sich beson­ders mit der Her­kunft der euro­päi­schen Bau­ern beschäf­tigt, berich­tet in einer Hör­funk­sen­dung des SWR 2, in der ver­schie­de­ne Wis­sen­schaft­ler zur Spra­che kom­men, von Unter­su­chun­gen an mito­chon­dria­ler DNA eines 7500 Jah­re alten mensch­li­chen Kno­chen (5500 v. u. Z.), die nur über die müt­ter­li­che Linie wei­ter­ge­ge­ben wird. In dem Manu­skript zu der Sen­dung ist dar­über zu lesen:

Zwei Wochen spä­ter liegt das Ergeb­nis vor. Es bestä­tigt Wolf­gang Haaks bis­he­ri­ge Unter­su­chun­gen ande­rer Kno­chen aus der Jung­stein­zeit. Damals war Euro­pa von Jägern und Samm­lern bewohnt. Inner­halb weni­ger Jahr­zehn­te tauch­ten jedoch die ers­ten Bau­ern auf. Eine der wich­tigs­ten Fra­gen der Archäo­lo­gie lau­tet: Wie kam es zu die­sem Über­gang? Haben die eins­ti­gen Noma­den, Pfeil und Bogen qua­si gegen Hacke und Schau­fel ein­ge­tauscht oder haben die Bau­ern Jäger und Samm­ler ver­drängt? Der Main­zer Paläo­ge­ne­ti­ker meint, die Fra­ge der Archäo­lo­gen beant­wor­ten zu kön­nen. Haak ent­deck­te in den alten Kno­chen ein gene­ti­sches Pro­fil, das heu­te kaum noch in Euro­pa exis­tiert. Im Ursprungs­ge­biet des Acker­baus – näm­lich im Nahen Osten – war es jedoch sehr häu­fig. Die Erklä­rung liegt auf der Hand: Dem­nach sind nur weni­ge Bau­ern nach Euro­pa ein­ge­wan­dert, haben ihre Tech­nik mit­ge­bracht und an die Ein­hei­mi­schen wei­ter­ge­ge­ben“. (Haak in SWR2, 2007)

Auftauchende Probleme durch die Herdenhaltung

1. Ernährungsphysiologische Probleme: Laktoseintoleranz

Joa­chim Bur­ger, der eben­falls bei die­ser Sen­dung zu Wort kommt, berich­tet im Zusam­men­hang mit der Rin­der­hal­tung von wei­te­ren span­nen­den gene­ti­schen Unter­su­chun­gen, dies­mal im Zusam­men­hang mit Lak­to­se (Milch­zu­cker), denn Lak­to­se ist sehr schwer zu ver­dau­en. Wäh­rend Säug­lin­ge die Lak­to­se, die auch in der Mut­ter­milch ent­hal­ten ist, pro­blem­los ver­dau­en kön­nen, wird die­se Fähig­keit des Kör­pers nach dem Abstil­len her­un­ter­re­gu­liert, so dass in fast allen Tei­len der Welt, Erwach­se­ne den Milch­zu­cker nicht mehr ver­dau­en kön­nen. Ein­zi­ge Aus­nah­men sind Tei­le in Mit­tel- und Nord­eu­ro­pa und in Afri­ka. Joa­chim Bur­ger hier­zu in der Sen­dung des SWR2:

In Skan­di­na­vi­en und Hol­land kön­nen fast alle Men­schen Milch im Erwach­se­nen­al­ter in signi­fi­kan­ten Men­gen trin­ken, ohne Pro­ble­me dabei zu haben. Das nimmt aber ab nach Osten bzw. nach Süd­os­ten und in Sizi­li­en etwa geht die Fre­quenz gegen Null, dort wie­der­um wird kaum Milch getrun­ken. Joa­chim Bur­ger woll­te her­aus­fin­den, ob schon die frü­hen Men­schen in Euro­pa in der Lage waren, Milch zu trin­ken und zu ver­dau­en oder nicht. DNA Unter­su­chun­gen erga­ben, dass die ers­ten Bau­ern in Euro­pa die Milch nicht trin­ken konn­ten, weder von Scha­fen, Zie­gen oder Rin­dern. Die­ses Gen zur Ver­dau­ung von Lak­to­se hat sich in Euro­pa erst viel spä­ter durch­ge­setzt“.

2. Epidemiologische Probleme: Krankheitserreger

Die­se For­schungs­er­geb­nis­se zei­gen, dass der Über­gang vom Wild­beu­ter­tum zur sess­haf­ten Lebens­wei­se, ins­be­son­de­re mit Vieh­hal­tung, nicht so ein­fach von­stat­ten ging und hier, nach wie vor, vie­le Fra­gen offen sind. Hin­zu kommt, dass die Men­schen sich über die Vieh­hal­tung wei­te­re Pro­ble­me auf­lu­den, näm­lich die von Krank­heits­er­re­gern. Die Men­schen lern­ten zum ers­ten Mal die Bedeu­tung des Wor­tes Seu­che ken­nen. Der schot­ti­sche Epi­de­mio­lo­ge Mark Wood­hou­se meint, dass über die Hälf­te der mensch­li­chen Patho­ge­ne ursprüng­lich Tie­rerre­ger gewe­sen sei­en. Er meint:

Eini­ge der gefähr­lichs­ten Kei­me hat sich die Mensch­heit wohl in der Jung­stein­zeit ein­ge­fan­gen. Durch den engen Kon­takt mit Tie­ren dürf­ten sich die Stein­zeit­bau­ern mit Erre­gern infi­ziert haben, die spä­ter zu Masern, Pocken, Tuber­ku­lo­se und mensch­li­chen Grip­pe­vi­ren wur­den“. (Der Treck nach Wes­ten: www​.zeit​.de; 2006)

3. Moralisch-Ethische Probleme: Bildung von Privateigentum

Der Über­gang im Neo­li­thi­kum im männ­li­chen Arbeits­be­reich vom Jäger zum Hir­ten war, nicht nur in ernäh­rungs­phy­sio­lo­gi­scher oder epi­de­mio­lo­gi­scher Hin­sicht nicht ganz ein­fach. Der Schritt vom Jäger- zum Hir­ten­tum führ­te auch zu ein­schnei­den­den mora­lisch-ethi­schen und damit sozio­lo­gi­schen Ver­än­de­run­gen. Han­ne­lo­re Vonier schreibt hier­zu in ihrem Inter­net­fo­rum „ret­te-sich-wer-kann“, in einer Arti­kel­se­rie über die Ent­ste­hung des Patri­ar­chats Fol­gen­des, wobei sie sich dabei unter ande­rem auch auf die Aus­füh­run­gen Ernest Bor­n­e­manns in sei­nem Essay „Der Zusam­men­hang zwi­schen Pri­vat­be­sitz, Herr­schaft und Eifer­sucht“ bezieht:

Das Hir­ten­tum ent­wi­ckel­te sich erst, als die Noma­den began­nen den Nah­rungs­kon­kur­ren­ten den gewohn­ten Zugang zu den Her­den, denen sie folg­ten zu ver­sper­ren. Sie nah­men die Her­den für sich in Anspruch und been­de­ten das Tei­len … Die Lebens­form der Hir­ten kann sich ohne fun­da­men­ta­le Ver­än­de­run­gen nicht voll­zo­gen haben … Die­se emo­tio­na­len Ver­än­de­run­gen müs­sen wäh­rend eines Pro­zes­ses statt­ge­fun­den haben, den man als „Akzep­tanz des Hir­ten­tums an sich“ bezeich­nen kann. Was genau war wäh­rend die­ses Pro­zes­ses gesche­hen? Der ers­te Schritt war die unbe­wuss­te Ergrei­fung von Besitz, d.h. die Ab- und Aus­gren­zung von Nah­rungs­kon­kur­ren­ten, denen der gewohn­te Zugang zu ihrem Fut­ter (der Her­de) ver­wei­gert wur­de. Die prak­ti­sche Durch­füh­rung eine sol­che Gren­ze zu zie­hen, muss dazu geführt haben, die an der Her­de par­ti­zi­pie­ren­den Raub­tie­re zu töten. Ein Tier zu erle­gen war für die dama­li­gen Men­schen nichts Neu­es; die Jäger der Wild­beu­ter­ge­sell­schaf­ten töte­ten schon immer Wald­tie­re, Vögel und Fische und leis­te­ten damit einen Bei­trag zur Ver­sor­gung ihrer Gemein­schaft. Aber ein Tier zu töten, um etwas zu essen zu haben oder ein Tier zu töten, um es sys­te­ma­tisch von sei­nen ange­stamm­ten Nah­rungs­quel­len fern zu hal­ten sind Hand­lun­gen, die sehr ver­schie­de­ne emo­tio­na­le Vor­be­din­gun­gen erfor­dern. Im ers­ten Fall führt der Jäger ein hei­li­ges Ritu­al aus, eine Hand­lung, die im Zusam­men­hang mit dem Lebens­kreis­lauf an sich steht: Ein Leben wird genom­men, damit ein ande­res leben kann … Im zwei­ten Fall zielt der Mör­der direkt und in ers­ter Linie auf den Tod des Tie­res, um ande­re aus­zu­schlie­ßen. Neu­es Wachs­tum zu för­dern oder dem natür­li­chen Zyklus zu die­nen wird zweit­ran­gig und ver­liert im Lau­fe der Zeit nicht nur an Bedeu­tung, son­dern der ursprüng­li­che Sinn und das Wis­sen dar­um gehen gänz­lich ver­lo­ren. Hier wird Leben zer­stört, um Eigen­tum – genau­er Pri­vat­ei­gen­tum – zu erwer­ben; und umge­kehrt ist Eigen­tum defi­nier­bar exakt durch die­se Hand­lung. Die Emo­tio­nen, die sol­che unter­schied­li­chen Hand­lun­gen her­vor­ru­fen sind dia­me­tral ent­ge­gen­ge­setzt. Im ers­ten Fall sind die Jäger, die dem erjag­ten Wild das Leben neh­men, erfreut (und mit ihnen das gan­ze Dorf). Im zwei­ten Fall stell­te das getö­te­te Tier eine Bedro­hung für die Men­schen gemach­te, durch die Ent­wick­lung zum Hir­ten­tum gefes­tig­te Ord­nung dar, wo die Per­so­nen, die das Tier töten stolz sind und die Aus­ge­grenz­ten nei­disch“. (Vonier: www​.ret​te​-sich​-wer​-kann​.de)

Han­ne­lo­re Vonier schließt an die­ser Stel­le ihre Aus­füh­run­gen fol­gen­der­ma­ßen:

Auf die­se Wei­se ist durch die Ent­ste­hung des Hir­ten­tums „der Feind“ ent­stan­den, der Feind als der­je­ni­ge, des­sen Kampf im Leben genom­men wird, um in den Besitz von etwas zu kom­men und dadurch eine neue Ord­nung abzu­si­chern. Zusätz­lich kam eine Ein­bu­ße an Ver­trau­en hin­zu. Denn nun war stän­di­ge Auf­merk­sam­keit nötig, die Her­de zu beschüt­zen und ande­re Nah­rungs­su­cher fern­zu­hal­ten. Das Gefühl der dau­er­haf­ten Unsi­cher­heit ent­stand“.

4. Soziologische Probleme: Erste Grundstrukturen für die Entstehung des Patriarchats

Mit der Domes­ti­zie­rung von Her­den sind tat­säch­lich die ers­ten sozio­lo­gi­schen Grund­struk­tu­ren für die Ent­ste­hung des Patri­ar­chats ent­stan­den. In der kul­tu­rel­len Mut­ter­stu­fe haben wir das Netz des Lebens ken­nen gelernt, in das jedes Lebe­we­sen und die Erde selbst ein­ge­bun­den waren, alles war mit allem ver­bun­den. Die Kennt­nis um die­ses Lebens­netz fin­den wir auch heu­te noch bei einer Viel­zahl von indi­ge­nen Völ­kern. Gekenn­zeich­net ist die kul­tu­rel­le Mut­ter­stu­fe, wie wir aus­führ­lich dar­ge­legt haben, durch Erd­mut­ter-Men­schen­mut­ter-Tier­mut­ter­ana­lo­gi­en und eine damit ein­her­ge­hen­de Ver­traut­heit und Gebor­gen­heit, was sich auch in der Gebor­gen­heit des Männ­li­chen in der Men­schen­mut­ter und der kos­mi­schen Mut­ter wie­der­spie­gelt. Durch die seit Beginn des Holo­zäns anzu­tref­fen­den Kli­ma­wid­rig­kei­ten zer­reißt die­ses müt­ter­li­che Gebor­gen­heits­netz all­mäh­lich, die sozio­lo­gi­schen mat­ri­vi­via­len Struk­tu­ren gera­ten durch die Kli­ma­ir­ri­ta­tio­nen zuneh­mend unter Druck. Der ers­te Riss die­ser frü­he­ren Ord­nung zeigt sich in der Domes­ti­zie­rung von Her­den­tie­ren und dem damit ein­her­ge­hen­den sozio­lo­gi­schen Wan­del der männ­li­chen Rol­le vom kol­lek­ti­ven Jäger zum indi­vi­du­el­len Hir­ten. Han­ne­lo­re Vonier führt hier­zu wei­ter aus:

Ver­trau­en und Zuver­sicht in die natür­li­che Har­mo­nie allen Seins ver­schwan­den und wur­den durch die Sor­gen um ver­füg­ba­ren Lebens­un­ter­halt ersetzt. Angst nicht genug zu haben, exis­ten­ti­el­le Angst vor dem Ver­hun­gern, gehör­te ab jetzt zu den Kon­ver­sa­ti­ons-Net­zen, die die Gene­ra­tio­nen der nächs­ten Jahr­tau­sen­de präg­te. Die qual­vol­le Sehn­sucht nach Sicher­heit wur­de von den Hir­ten­völ­kern durch mas­si­ve Ver­grö­ße­rung der Her­den befrie­digt. Die­se Tat­sa­che brach­te enor­me Kon­se­quen­zen mit sich, die sich an drei Schlüs­sel­be­grif­fen fest­ma­chen las­sen und die Grund­mau­ern des prin­zi­pi­el­len Auf­baus des Patri­ar­chats dar­stel­len“.

Han­ne­lo­re Vonier nennt hier drei Punk­te, die sich ab die­sem Zeit­punkt immer mehr zu inter­na­li­sier­ten Wer­ten und Para­dig­men ent­wi­ckeln und zwar:

  • Gren­zen (Ab- und Aus­gren­zung)
  • Besitz (und des­sen Ver­meh­rung als Gegen­maß­nah­me zu Man­gel und Not­si­tua­tio­nen)
  • Kon­trol­le (alle Even­tua­li­tä­ten müs­sen über­wacht wer­den, um Punkt eins und zwei zu gewähr­leis­ten).

Die Auto­rin fol­gert hier­aus wei­ter:

Die drei Maß­nah­men sol­len grund­sätz­lich dazu die­nen, eine Wie­der­ho­lung des erleb­ten Trau­mas künf­tig zu ver­mei­den. Mit die­sen drei Maß­nah­men wird bis heu­te ver­sucht Sicher­heit zu errei­chen. Der patri­ar­cha­le Leit- und Glau­bens­satz lau­tet: „Je mehr Besitz ich kon­trol­lie­re und unter Ver­schluss hal­te, des­to weni­ger füh­le ich mich ver­un­si­chert“. (Vonier: ret­te-sich-wer-kann)

5. Wachstumszwangprobleme oder die Entstehung des Kapitalismus

Hier liegt die Wur­zel des Akku­mu­la­ti­ons­ge­dan­kens und letzt­end­lich die Wur­zel des heu­ti­gen Kapi­ta­lis­mus. Das Wort Kapi­ta­lis­mus lei­tet sich ab von dem latei­ni­schen Wort „caput“, das Haupt oder Kopf heißt. Je höher die Kopf­zahl mei­ner Her­de, des­to mehr Sicher­heit ergibt sich dar­aus. Hier haben wir die Wur­zel des bis heu­te gül­ti­gen, schein­bar unend­li­chen Wachs­t­um­zwangs und der eben­falls zwang­haf­ten Gewinn­ma­xi­mie­rung in der Wirt­schaft, wobei hier­mit, ent­ge­gen der all­ge­mei­nen Erwar­tung, kein Lebens­glück kor­re­liert ist. Kein Wun­der, denn Patri­ar­chat und Kapi­ta­lis­mus sind psy­cho­lo­gisch gese­hen, die Fol­ge einer kli­ma­in­du­zier­ten post­trau­ma­ti­schen Belas­tungs­stö­rung, die nie auf­ge­ar­bei­tet wur­de, und in deren Zuge sich sozio­pa­tho­lo­gi­sches Ver­hal­ten als Norm mani­fes­tier­te. James de Meo spricht in Zusam­men­hang mit sozio­pa­tho­lo­gi­schem Ver­hal­ten von Pan­ze­run­gen des Cha­rak­ters, die sich even­tu­ell durch Wüs­ten­bil­dung und damit kör­per­lich erfah­re­ne Man­gel­si­tua­tio­nen des Kör­pers in der See­le her­aus­ge­bil­det hät­ten. In einem Inter­view mit der Zeit­schrift Wild­fire erin­nert er sich an ein Gespräch mit sei­nem Leh­rer Wil­helm Reich:

Zu die­ser Zeit fiel mir eine Sache ein, die Reich gesagt hat­te, näm­lich, dass es wahr­schein­lich ist, dass die Pan­ze­rung des mensch­li­chen Tie­res etwas mit der Wüs­te und der Wüs­ten­bil­dung zu tun haben könn­te. Er wies auf Din­ge hin wie Eidech­sen mit dicker Haut und Kak­tus­pflan­zen mit stach­li­ger Ober­flä­che – Din­ge, die sehr dick und bors­tig sind – und er sah eine Bezie­hung zwi­schen die­ser Art von bio­lo­gi­schen Eigen­ar­ten des Lebens in der Wüs­te und der bors­ti­gen, dick­häu­ti­gen Natur von gepan­zer­ten mensch­li­chen Cha­rak­ter­struk­tu­ren“. (De Meo, Inter­view in „Wild­fire“, 1989, Vol. 4/​No. 2)

In die­ser Wüs­ten­bil­dung könn­te auch in ande­ren Regio­nen der Erde, z.B. in der süd­ame­ri­ka­ni­schen Ata­ca­ma­wüs­te, die Her­aus­bil­dung patri­ar­cha­ler sozio­lo­gi­scher Struk­tu­ren ihre Erklä­rung fin­den, denn dort fin­den wir ja schon vor der Kolo­nia­li­sie­rung durch die Euro­pä­er eben­falls patri­ar­cha­le Gesell­schaf­ten wie die der Mayas, der Inkas und vor allem auch der Azte­ken mit ihren vie­len Men­schen­op­fern. James de Meo hat in sei­ner Saha­ra­sia Theo­rie die­se Zusam­men­hän­ge zwi­schen Wüs­ten­bil­dung und Patri­ar­chat detail­liert her­aus­ge­ar­bei­tet und vie­le sei­ner Über­le­gun­gen sind durch­aus nach­den­kens­wert, wobei sei­ne Wort­wahl „Saha­ra­sia“ indu­ziert, dass das Patri­ar­chat erst­mals in der Saha­ra ent­stan­den sein könn­te. Dies ist aber nicht der Fall, da wir die ers­te patri­li­nea­re hier­ar­chi­sche Gesell­schaft, bei den Indo­eu­ro­pä­ern, nörd­lich des Schwar­zen Mee­res, loka­li­sie­ren kön­nen. Aller­dings ist in der heu­ti­gen Zeit tat­säch­lich auf­fal­lend, dass beson­ders patri­ar­cha­le Struk­tu­ren in den Wüs­ten­re­gio­nen des Nahen Ostens und Nord­afri­kas ange­sie­delt sind.

6. Das Überbevölkerungsproblem aufgrund der Überbetonung von männlicher Fruchtbarkeit und Vaterschaft

Durch das Hir­ten­tum ent­steht nicht nur Abgren­zung und Eigen­tum, son­dern ab die­sem Zeit­punkt rückt Vater­schaft in den Vor­der­grund männ­li­chen Bewusst­seins. Die Her­den sind Mut­ter­tie­re mit ihren Jun­gen, aber ohne einen Bock oder einen Stier erfolgt kei­ne Ver­meh­rung der Her­de. Im Umgang mit der Her­de erfah­ren die Män­ner, dass nur weni­ge männ­li­che Tie­re aus­rei­chen, um eine weib­li­che Her­de zu begat­ten. Auf ein­mal scheint die männ­li­che Frucht­bar­keit der weib­li­chen über­le­gen. Aus die­sem Her­den­er­fah­rungs­be­reich ent­wi­ckelt sich, mit zuneh­men­der Patri­ar­cha­li­sie­rung, eine dia­men­tral ent­ge­gen­ge­setz­te zuneh­men­de Mar­gi­na­li­sie­rung des Weib­li­chen und ins­be­son­de­re des Müt­ter­li­chen.

Inter­es­sant ist in die­sem Zusam­men­hang auch die in der Lite­ra­tur immer wie­der erwähn­te Zunah­me der Bevöl­ke­rungs­zahl im Neo­li­thi­kum. Wie wir bereits gese­hen haben, kann die nicht auf eine bes­se­re Ernäh­rung zurück­ge­führt wer­den, und so stellt sich natür­lich auch hier die Fra­ge, wor­an es dann gele­gen haben könn­te. Hier dürf­ten meh­re­re Aspek­te zugrun­de lie­gen. Die mensch­li­che Fort­pflan­zung war im Paläo­li­thi­kum durch lan­ge Still- und damit Zwi­schen-Geburts-Zei­ten sehr regu­liert. Ger­hard Bott schreibt hier­zu:

Über­se­hen wer­den in der Anthro­po­lo­gie durch­weg auch die lan­gen „Zwi­schen-Geburts-Zei­ten“ der homo-sapi­ens-Mut­ter. Heu­te ist durch die Paläo­me­di­zin erwie­sen, dass, wie bei der pan panis­cus-Mut­ter, auch bei der homo sapi­ens-Mut­ter wäh­rend der min­des­tens drei Jah­re dau­ern­den Still­zeit, die im Paläo­li­thi­kum not­wen­dig und die Regel war, eine Ovu­la­ti­ons-Hem­mung gene­tisch aus­ge­löst wur­de, die sie und ihren Säug­ling vor einer als­bal­di­gen neu­en Schwan­ger­schaft schütz­te, so dass die Über­le­bens­chan­cen bei­der dadurch signi­fi­kant erhöht wur­den … Aus die­sem Tat­be­stand folgt, dass eine paläo­li­thi­sche Mut­ter, trotz stän­di­gen Sexu­al­ver­kehrs, höchs­tens alle vier Jah­re schwan­ger wur­de und ein Kind zur Welt brach­te. Erst im Neo­li­thi­kum wur­de die gene­ti­sche Ovu­la­ti­ons­hem­mung abge­baut, was nach Mei­nung der Medi­zin auf ver­än­der­te Ernäh­rung zurück­zu­füh­ren sein könn­te, die die Fol­ge der neu­en, neo­li­thi­schen Wirt­schafts­wei­se war“. (Bott, 2009, S. 23).

Aus die­ser gene­ti­schen Ovu­la­ti­ons­hem­mung her­aus, lässt sich auch erklä­ren, war­um Vater­schaft sehr lan­ge nicht mit Schwan­ger­schaft und müt­ter­li­cher Frucht­bar­keit in Ver­bin­dung gebracht wur­de, wäh­rend nun mit der Her­den­hal­tung und dem Hir­ten­tum eine väter­li­che Betei­li­gung ganz offen­sicht­lich wur­de.

Wahr­schein­lich führ­te die kli­ma­in­du­zier­te Ver­än­de­rung der Lebens­wei­se bei den Frau­en in mehr­fa­cher Hin­sicht zu einer nach­las­sen­den Ovu­la­ti­ons­hem­mung. Durch den län­ge­ren Auf­ent­halt in Räu­men, vor allem auch nachts mag auch ein mög­li­cher, ursprüng­li­cher, luna­rer Aspekt der Regu­lie­rung von müt­ter­li­cher Frucht­bar­keit ver­lo­ren gegan­gen sein. Hin­zu könn­te auch, durch die ver­än­der­te Vege­ta­ti­on, ein Ver­lust an ovu­la­ti­ons­hem­men­den Kräu­tern in der Nah­rung gekom­men sein, denn es ist bekannt, dass gera­de in den Step­pen­ge­bie­ten die Vege­ta­ti­on der Kräu­ter durch Wild­grä­ser ersetzt wur­de, was ja wie­der­um letzt­end­lich zur Domes­ti­ka­ti­on von Getrei­de geführt hat­te. Ein wesent­li­cher Aspekt für die Zunah­me der Gebur­ten­ra­te im Ver­lauf des Patri­ar­chats war aber sicher­lich auch eine zuneh­men­de Über­be­wer­tung der männ­li­chen Frucht­bar­keit, bis hin zu einer künst­lich kon­stru­ier­ten asei­tä­ti­schen Vater­schaft, wie wir es im Kapi­tel „Der Mut­ter­mord“ schlüs­sig nach­voll­zie­hen konn­ten. Dies in Ver­bin­dung, mit der sich aus der Her­den­hal­tung erge­ben­den Akku­mu­lie­rung von mög­lichst vie­len „capi­tes“, Häup­tern, führ­te zu dem Ver­hal­ten mög­lichst vie­le Frau­en und Nach­kom­men und zwar gene­tisch eige­ne Nach­kom­men zu akku­mu­lie­ren. Je mehr Nach­kom­men ein Mann hat, des­to bedeu­ten­der war und ist er. In Ver­bin­dung mit der zuneh­men­den Ver­ach­tung des weib­li­chen Geschlechts, ent­wi­ckel­te sich dar­aus schließ­lich eine über­stei­ger­te Viro­ma­nie, die sich dar­in aus­drück­te und auch heu­te oft immer noch aus­drückt: Je mehr Söh­ne ein Vater hat, des­to bedeu­ten­der ist er. Die Fol­ge die­ses fehl­ge­lei­te­ten Ver­hal­tens kön­nen wir heu­te in der Bevöl­ke­rungs­ex­plo­si­on mit ihren gewal­ti­gen Pro­ble­men erle­ben, wobei gro­ßer Kin­der­reich­tum mit patri­ar­cha­len Struk­tu­ren eng kor­re­liert ist. Und wir kön­nen es auch an dem, in vie­len Kul­tu­ren bis heu­te prak­ti­zier­ten weib­li­chen Infan­ti­zid fest­ma­chen, da das Leben eines Soh­nes wesent­lich höher geschätzt wird als das Leben eines Mäd­chens.

7. Das Problem der Freiheitsberaubung als Beginn der Sklaverei

Mit dem Hir­ten­tum wur­de auch eine wei­te­re Ver­hal­tens­wei­se zur Norm, näm­lich die Ver­hal­tens­wei­se, dazu berech­tigt zu sein, ein ande­res Lebe­we­sen in Gefan­gen­schaft hal­ten zu dür­fen. Frei­heits­be­rau­bung gegen­über Tie­ren wur­de zur Norm. Wäh­rend die Men­schen in der kul­tu­rel­len Mut­ter­stu­fe in Tran­cen mit Tier­geis­tern Kon­takt auf­nah­men und sie als Totem­tie­re ach­te­ten und wür­dig­ten – was heu­ti­ge Natur­völ­ker bis heu­te tun -, nahm sich der Mensch mit begin­nen­dem Patri­ar­chat auf ein­mal das Recht her­aus, das Sein eines ande­ren Lebe­we­sens auf ein Nut­zungs­recht durch den Men­schen zu redu­zie­ren. Die Exis­tenz eines Tie­res war kei­ne Sein­se­xis­tenz mehr, son­dern sie wur­de auf eine auf den Men­schen bezo­ge­ne Nut­zungs­exis­tenz redu­ziert. Spä­ter wur­den die­se Ver­hal­tens­mus­ter alle auch auf den Men­schen selbst über­tra­gen, denn mit die­sem Ver­hal­tens­damm­bruch dau­er­te es nicht mehr lan­ge, bis auch Skla­ven­tum unter Men­schen zur akzep­tier­ten Norm wur­de. Skla­ven als Arbeits­skla­ven zur Akku­mu­lie­rung von Eigen­tum für die Her­ren, und spe­zi­ell weib­li­ches Skla­ven­tum z.B. in Form der Harems eben­falls für die Her­ren. So wie Tie­re erst­mals durch die Her­den­hal­tung ver­ding­licht wur­den, geschah dies spä­ter, erst mit Frau­en und schließ­lich auch mit Män­nern, ins­be­son­de­re mit far­bi­gen Män­nern. Noch heu­te bekann­te Sit­ten und Gebräu­che wie arran­gier­te Ehen und Braut­prei­se, sowie Frau­en als Tausch­ob­jek­te, gehen auf die ers­te Ver­ding­li­chung von Tier­exis­ten­zen in der Her­den­hal­tung zurück. An die­ser Stel­le sei an die Wor­te des Häupt­lings Seat­tle in sei­ner berühm­ten Rede „Mei­ne Wor­te sind wie die Ster­ne“ erin­nert, die sich bis heu­te als Wor­te der Weis­heit erwei­sen:

Was immer den Tie­ren geschieht – geschieht bald auch den Men­schen. Alle Din­ge sind mit­ein­an­der ver­bun­den“. (Seat­tle in Seed; Macy; Fle­ming; Naess; 1989; S. 91).

8. Das Problem der Kastration und sexuellen Beschneidung

Auch ein wei­te­rer nor­ma­ti­ver Ein­schnitt erfolg­te spä­ter im Zuge des Hir­ten­tums, näm­lich die, der schein­bar „berech­tig­ten“ Kas­tra­ti­on von Arbeitsoch­sen. Die­ser mas­si­ve Ein­griff in das Sexu­al­le­ben eines ande­ren Wesens, über­trug sich eben­falls, nicht sehr viel spä­ter, auf den Men­schen in Form der Beschnei­dung. Wäh­rend die männ­li­che Beschnei­dung noch rela­tiv harm­los aus­fällt, bil­det die pha­rao­ni­sche Kli­to­ris­be­schnei­dung von Frau­en, einen mas­si­ven und zugleich hoch sozio­pa­tho­lo­gi­schen Ein­griff in die Sexua­li­tät von Frau­en, und auch die­ses bar­ba­ri­sche Ver­fah­ren wird in einer gan­zen Rei­he afri­ka­ni­scher Kul­tu­ren bis heu­te aus­ge­übt.

9. Das Problem der Entstehung von Hierarchie

Hin­ter dem Hir­ten­tum steht ein sozio­lo­gi­scher Bruch im Ver­ständ­nis und im Ver­hal­ten gegen­über ande­ren Lebe­we­sen. Wäh­rend in Wild­beu­ter­ge­sell­schaf­ten eine Ach­tung vor dem Leben und dem Tod eines ande­ren Wesens steht, was sich unter ande­rem auch in diver­sen Jagd­ri­tua­len aus­drückt, die Dank­bar­keit und Ach­tung gegen­über einem Wesen zei­gen, das sein Leben lässt, damit ein ande­res Leben wei­ter leben kann, geht die­se ehr­fürch­ti­ge Hal­tung mit zuneh­men­der Patri­ar­cha­li­sie­rung ver­lo­ren, was sich wie­der­um in der heu­ti­gen altru­is­mus­frei­en Mas­sen­tier­hal­tung aus­drückt. Wäh­rend in der kul­tu­rel­len Mut­ter­stu­fe und bei vie­len Natur­völ­kern bis heu­te eine hohe Ach­tung vor ande­ren Lebe­we­sen zu fin­den ist, geht mit dem Hir­ten­tum nicht nur die Ach­tung, son­dern auch der Altru­is­mus ver­lo­ren. Wöl­fe und Bären wur­den in vie­len Tei­len der Welt inzwi­schen prak­tisch aus­ge­rot­tet, weil der Mensch sich anmaß­te, ihre Lebens­be­rei­che beschnei­den zu dür­fen, und bis heu­te glaubt jeder Schaf­bau­er das Recht zu haben, soge­nann­te Raub­tie­re töten zu dür­fen, sobald einer der sel­te­nen Wöl­fe oder Bären eines sei­ner Scha­fe geris­sen hat. Die Norm des Tei­lens wur­de auf­ge­ho­ben, die Norm des Respekts und der Ach­tung wur­de eben­falls aus­ge­ho­ben. Mit der Besitz­ergrei­fung von eigent­lich frei leben­den Tie­ren bil­de­te sich die ers­te Form der Herr­schaft her­aus.

Die ers­te Hier­ar­chie ist die, des Hir­ten gegen­über der Her­de, die Ega­li­tät aller Lebe­we­sen wird mit dem Hir­ten­tum auf­ge­ho­ben.

Ist die­se sozio­lo­gi­sche Norm erst ein­mal ver­letzt, ist es nicht mehr weit, die­se neue Norm nach Belie­ben aus­zu­wei­ten, was ja auch in der Fol­ge über­all real gesche­hen ist und immer noch geschieht.

Das Hir­ten­tum hebelt die ethi­schen Grund­wer­te, das Lebens­netz, das Wis­sen, das alles mit allem ver­bun­den ist der kul­tu­rel­len Mut­ter­stu­fe erst­mals aus. Dies ist der eigent­li­che mora­li­sche Damm­bruch. Es ist der ethi­sche Fall des Men­schen.

Nicht die Wild­beu­ter waren die Bar­ba­ren, wir die moder­nen Men­schen sind die Bar­ba­ren. Wir quä­len, fol­tern, töten, miss­brau­chen und ver­ge­wal­ti­gen und kön­nen aus einem sol­chen Ver­hal­ten sogar Lust und Freu­de bezie­hen. Kein Tier wür­de jemals das tun, was Men­schen seit min­des­tens 6000 Jah­ren für legi­tim hal­ten. Der Herr ist dein Hir­te, steht in der Bibel in einem der berühm­tes­ten Psal­men, und die Insi­gni­en des Hir­ten sind der Krumm­stab, um die „dum­men“ Scha­fe ein­zu­fan­gen und die Gei­ßel, um die „dum­men“ Scha­fe zu züch­ti­gen. Krumm­stab und Gei­ßel sind die spä­te­ren „hei­li­gen“ Insi­gni­en des ägyp­ti­schen Pha­rao, der Krumm­stab ist bis heu­te ein hei­li­ges Insi­gni­um eines katho­li­schen Bischofs, aber im Grun­de genom­men sind sie die Insi­gni­en des gesam­ten Patri­ar­chats.

Wer sei­nen Sohn „liebt“, der züch­tigt ihn und wer sei­ne Toch­ter „liebt“, der macht noch Schlim­me­res mit ihr. (sie­he auch Bott, 2009, S. 141).

10. Das Problem des theologischen Blutopfers

Inter­es­sant ist auch, dass mit zuneh­men­der Aus­bil­dung des Patri­ar­chats ein ande­res sozio­lo­gi­sches Phä­no­men auf­tritt, näm­lich das des theo­lo­gi­schen Blut­op­fers in Form eines männ­li­chen Tie­res, eines Wid­ders oder eines Stie­res oder auch eines Men­schen­soh­nes, wie wir es mit Jesus im Chris­ten­tum ken­nen. Wäh­rend in der kul­tu­rel­len Mut­ter­stu­fe die Frau­en durch ihr hei­li­ges Mens­trua­ti­ons­blut, ihr Blut in einem natur­ge­ge­be­nen luna­ren Kreis­lauf an die Erde zurück­ga­ben, wird nun Blut durch ein Opfer­ri­tu­al patri­ar­chal theo­lo­gisch umfunk­tio­niert.

Das Tier­op­fer des Patri­ar­chats ist also eine theo­lo­gi­sche Imi­ta­ti­on des men­stru­el­len Blu­tes.

Aber wäh­rend in der kul­tu­rel­len Mut­ter­stu­fe das Mens­trua­ti­ons­blut in Rück­bin­dung an die Erde und im eigent­li­chen Sinn von Reli­gi­on, der Erde wie­der zuge­führt wur­de, wird nun ein Tier getö­tet, um den Mann auf­zu­wer­ten. Da die Men­schen damals die Wert­vor­stel­lun­gen der kul­tu­rel­len Mut­ter­stu­fe noch gut ver­in­ner­licht hat­ten, war die­se Tier­tö­tung natür­lich mit Schuld ver­bun­den, und so wird das Tier­op­fer zu einem Süh­ne­op­fer umfunk­tio­niert. So kommt in logi­scher Schluss­fol­ge­rung mit dem Hir­ten­tum das ers­te Mal die Sün­de in die Welt, denn die Men­schen hat­ten anfangs sicher­lich ein schlech­tes Gewis­sen gegen­über den Tie­ren. Es war ihnen bewusst, dass sie die alte Ord­nung der Mut­ter miss­ach­te­ten und das Netz des Lebens zer­ris­sen. Um die­ses Tun zu recht­fer­ti­gen, muss­ten theo­lo­gi­sche Kunst­ge­bil­de ent­wi­ckelt wer­den, die uns heu­te als Reli­gio­nen auf­ge­tischt wer­den. Die theo­lo­gi­sche Auf­wer­tung des Blut­op­fers fin­den wir sehr klar in der Bibel des ers­ten mono­the­is­ti­schen Hir­ten­got­tes Jah­we in der Geschich­te zwi­schen Kain und Abel beschrie­ben. Im 1. Buch Mose 4,2 kön­nen wir hier­zu nach­le­sen:

Und Abel wur­de ein Schaf­hirt, und Kain wur­de ein Acker­bau­er. Und es geschah nach eini­ger Zeit, da brach­te Kain von den Früch­ten des Acker­bo­dens dem Herrn eine Opfer­ga­be. Und Abel, auch er brach­te von den Erst­lin­gen sei­ner Her­de und von ihrem Fett. Und der Herr blick­te auf Abel und sei­ne Opfer­ga­be; aber auf Kain und auf sei­ne Opfer­ga­be blick­te er nicht“.

Der Acker­bau, der eigent­lich ursprüng­lich ein Gar­ten­bau ist, und für den die Müt­ter, und mit der kul­tu­rel­len Mut­ter­stu­fe ver­bun­de­ne Män­ner ste­hen, wird hier theo­lo­gisch mar­gi­na­li­siert, wäh­rend das Hir­ten­tum auf­ge­wer­tet wird. Natür­lich wird par­al­lel dazu das Mens­trua­ti­ons­blut abge­wer­tet, ja sogar beschmutzt. Men­stru­ie­ren­de Frau­en gel­ten nun als unrein. Auch hier bleibt der ethi­sche Damm­bruch des Opfers nicht auf die Tie­re beschränkt, son­dern wird mit der Zeit auf den Men­schen selbst über­tra­gen. Die Stei­ge­rung der Blut­op­fe­rung vom Tier­op­fer zum Men­schen­op­fer wird bereits im Alten Tes­ta­ment theo­lo­gisch ethisch begrün­det, als Abra­ham auf­ge­for­dert wird, sei­nen Sohn zu schlach­ten. Im 1. Buch Mose Kapi­tel 22, 10 lesen wir:

Und Abra­ham streck­te sei­ne Hand aus und nahm das Mes­ser, um sei­nen Sohn zu schlach­ten“.

Erst im letz­ten Moment erlässt die­ser Hir­ten-Vater­gott Abra­ham die­se Gehor­sam­keits­prü­fung mit den Wor­ten:

Stre­cke dei­ne Hand nicht aus nach dem Jun­gen, und tu ihm nichts! Denn nun habe ich erkannt, dass du Gott fürch­test“ (Vers 12).

Die Chris­ten set­zen dann im Neu­en Tes­ta­ment die­ses angeb­lich erfor­der­li­che männ­li­che Blut­sün­den­op­fer fort, denn dort kommt Got­tes eige­ner Sohn Jesus auf Gol­ga­tha nicht mit dem Leben davon. In Mat­thä­us 27, 46 lesen wir:

…“um die neun­te Stun­de aber schrie Jesus mit lau­ter Stim­me auf und sag­te: …„mein Gott, mein Gott, war­um hast du mich ver­las­sen?“

Damit wir die­ses angeb­lich für ein Leben not­wen­di­ge Blut­op­fer ja nicht ver­ges­sen, hän­gen wir bis zum heu­ti­gen Tag in mög­lichst vie­le unse­rer öffent­li­chen und pri­va­ten Räu­me ein Kreuz, das einen blu­ten­den Jesus zeigt, bekreu­zi­gen uns beim Gebet eben­falls mög­lichst oft und trin­ken bei der Abend­mahls­fei­er das Blut und essen den Leib unse­res Got­tes (je nach pro­tes­tan­ti­scher oder katho­li­scher Aus­le­gung mehr oder weni­ger sym­bo­lisch). Wer kann ernst­haft glau­ben, dass auf die­ser „reli­giö­sen“ Basis ein Gutes Leben ent­ste­hen kann? Wenn die­ser Herr, der ein eifer­süch­ti­ger Gott ist, noch dazu vor­gibt der ein­zi­ge Gott zu sein, sind wei­te­re Blut­op­fer vor­pro­gram­miert.

Literatur

Bick, Almut: Die Stein­zeit, 2006

Bott Ger­hard: Die Erfin­dung der Göt­ter; Essays zur Poli­ti­schen Theo­lo­gie, 2009

Der Treck nach Wes­ten. www​.zeit​.de, 2006

Haak, Wolf­gang; Insti­tut für Anthro­po­lo­gie; Paläo­ge­ne­tik; Johan­nes-Guten­berg-Uni­ver­si­tät Mainz im Inter­view SWR2 Sen­dung 27.6.2007

Haar­mann, 2005: Geschich­te der Sint­flut; Auf den Spu­ren der frü­hen Zivi­li­sa­tio­nen, 2006

Seed, John; Macy, Joan­na; Fle­ming, Pat; Naess, Arne: Den­ken wie ein Berg; Ganz­heit­li­che Öko­lo­gie: Die Kon­fe­renz des Lebens, 1989