Über die „Liebe“

Warum die „Liebe“ ein Scheinkonstrukt des Patriarchats ist, das einen Mangel verdeckt und Menschen lenkbar macht

Rona Duwe

Lie­bes­schlös­ser | Bild: Pixabay, Rie­del­mey­er

Die GROSSE Liebe

Kaum ein Begriff ist so über­frach­tet wie „Lie­be“. Die meis­ten Lie­der, vie­le Fil­me, vie­le Bücher dre­hen sich um Lie­be. Und ganz beson­ders prä­sent ist Lie­be in der Bibel im Neu­en Tes­ta­ment, in dem Gott aus sei­ner Lie­be zu den Men­schen sei­nen ein­zi­gen Sohn für die Sün­den aller opfert.

Lie­be ist das, was uns von klein auf als beson­ders erstre­bens­wert ver­mit­telt wird. Was Lie­be aber sein soll, ist selt­sam unklar umris­sen. Lie­be sei „ein uni­ver­sel­les Prin­zip“, sagen man­che. Für ande­re ist es etwas flie­ßen­des, für man­che ist es Hin­ga­be, für wie­der ande­re Lei­den­schaft, dann auch eine Ent­schei­dung und eine Tätig­keit oder eben Glück. Für vie­le defi­niert es ihre Form des Zusam­men­le­bens, v.a. mit dem ande­ren Geschlecht, und regu­liert Sexua­li­tät. Lie­be lässt sich also nicht aus sich selbst her­aus defi­nie­ren, son­dern nur über ande­re Gefüh­le, Hand­lun­gen und Hal­tun­gen. Allen ist den­noch klar, dass es irgend­et­was gro­ßes sein soll.

Auf Kriegsfuß mit der Liebe

Ich kann aus mei­ner eige­nen Erfah­rung sagen, dass ich mit der Lie­be immer irgend­wie auf Kriegs­fuß stand. Ich hat­te wun­der­schö­ne Gefüh­le der Ver­bun­den­heit mit ande­ren Men­schen, ich hat­te atem­be­rau­ben­de sexu­el­le Erleb­nis­se oder sexu­el­le Anzie­hung mit ande­ren, ich hat­te Glücks­er­leb­nis­se durch und mit ande­ren, ich war oft ver­liebt und ich hat­te lang­jäh­ri­ge Part­ner­schaf­ten und Freund­schaf­ten. Aber all das war nie von Dau­er. Es waren Moment­auf­nah­men – mal län­ge­re, mal kür­ze­re Pha­sen.

Wenn ich selbst sag­te „Ich lie­be Dich“, oder wenn jemand ande­res das zu mir sag­te, war mir im sel­ben Moment die Ver­gäng­lich­keit die­ses Gefühls oder Zustands bewusst. Ich konn­te mich selbst dar­in nie 100% ernst neh­men, weil ich genau wuss­te, wie schnell sich das ändert. Ich fühl­te mich oft falsch, weil ich das, was mir als die gro­ße Lie­be von klein auf ver­mit­telt wur­de, so nicht für mich als eine dau­er­haft blei­ben­de Sache erleb­te. In ehr­li­chen Gesprä­chen mit ande­ren bestä­tig­te sich für mich, dass nicht nur ich das so erle­be.

Wenn ich nun mit einer sol­chen Aus­sa­ge in eine the­ra­peu­ti­sche Bera­tung gehe, wird mir schnell eine Bin­dungs­stö­rung unter­stellt. Wenn ich zum Bei­spiel außer­dem zuge­be, dass ich neben mei­nem der­zei­ti­gen Part­ner immer auch ande­re Men­schen ero­tisch oder sonst­wie anzie­hend fand und das gern aus­ge­lebt hät­te und habe, wird auch das gern als Stö­rung gese­hen. Dass all das aber etwas zutiefst mensch­li­ches und sehr gesun­des ist, weiß ich erst, seit ich mich inten­si­ver mit Patri­ar­chats­kri­tik beschäf­ti­ge. The­ra­pi­en ver­su­chen an die­sem Punkt – ähn­lich wie vie­le Rat­ge­ber – zu ver­mit­teln, dass man sich Lie­be erar­bei­ten muss. Aber, Ent­schul­di­gung: Gibt es etwas unero­ti­sche­res und lust­lo­se­res als Arbeit in Bezug auf mensch­li­che Bezie­hun­gen? Ist Lie­be eine Leis­tung? Und ist das alles über­haupt ehr­lich?

Hinter „Liebe“ stehen lebenswichtige, menschliche Bedürfnisse

Hin­ter dem unkla­ren Begriff der Lie­be ste­hen eigent­lich sehr kla­re, mensch­li­che Bedürf­nis­se. Die­se sind unter ande­rem:

  • Das Bedürf­nis nach Ver­bun­den­heit mit ande­ren Men­schen
  • Das Bedürf­nis nach Gemein­schaft und Koope­ra­ti­on
  • Das Bedürf­nis nach kör­per­li­cher Nähe
  • Das Bedürf­nis nach Sexua­li­tät
  • Das Bedürf­nis nach Gebor­gen­heit
  • Das Bedürf­nis nach Zuver­läs­sig­keit
  • Das Bedürf­nis nach Aus­tausch
  • Das Bedürf­nis nach gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung

Ver­set­zen wir uns nun zurück in die Früh­zeit des Men­schen, in der alle in matrifo­ka­len (meint mut­ter­zen­trier­ten und bluts­ver­wand­ten) Sip­pen leb­ten. Die­se Lebens­form leb­ten wir über ca. 500.000 Jah­re – also den über­wie­gen­den Teil unse­rer Exis­tenz als Men­schen. War in die­ser Zeit ein Begriff wie Lie­be not­wen­dig? Wie leb­ten die Men­schen damals? Wie fühl­ten sie sich? Wie sah es mit der Erfül­lung der ele­men­ta­ren Bedürf­nis­se des Men­schen aus?

  • Ver­bun­den­heit mit ande­ren Men­schen war über die bluts­ver­wand­te, matrifo­ka­le Sip­pe kon­stant gege­ben.
  • Gemein­schaft und Koope­ra­ti­on war eine lebens­not­wen­di­ge Grund­la­ge des täg­li­chen Zusam­men­le­bens. Eine Ver­ein­ze­lung wie heu­te war nicht vor­han­den und wäre ein Todes­ur­teil für den ein­zel­nen gewe­sen.
  • Kör­per­li­che Nähe war täg­lich mög­lich durch direk­te Ver­wandt­schafts­be­zie­hun­gen und eine lan­ge gewach­se­ne Ver­bin­dung.
  • Sexua­li­tät wur­de frei gelebt zwi­schen nicht-ver­wand­ten Part­nern. Sie war ent­kop­pelt von Part­ner­schaft und Fami­lie. Dabei wähl­ten Frau­en (fema­le choice) ihren Sexu­al­part­ner und bestimm­ten die Häu­fig­keit von Sexu­al­kon­tak­ten.
  • Gebor­gen­heit war selbst­ver­ständ­lich.
  • Zuver­läs­sig­keit war eben­so selbst­ver­ständ­lich über die bluts­ver­wand­ten Sip­pen­mit­glie­der gege­ben. In der Sip­pe tru­gen alle dazu bei, dass der ein­zel­ne gut ver­sorgt war.
  • Aus­tausch war über bluts­ver­wand­te Sip­pen­mit­glie­der mög­lich. Eben­so aber auch über sich von außen der Sip­pe zuge­sel­len­den, nicht-bluts­ver­wand­te Män­ner.
  • Gegen­sei­ti­ge Unter­stüt­zung war lebens­not­wen­dig (sie­he oben).

Es ist also davon aus­zu­ge­hen, dass die über­le­bens­wich­ti­gen, mensch­li­chen Bedürf­nis­se, die wir heu­te mit Lie­be kop­peln, wäh­rend der über­wie­gen­den Zeit der Mensch­heits­ge­schich­te mehr als aus­rei­chend erfüllt wur­den.

Eine Ver­ein­ze­lung konn­ten sich die Men­schen nicht leis­ten. Es war eben­so nicht leist­bar, Kin­der nur mit einem Paar aus Frau und Mann in Form einer wirt­schaft­lich auf sich gestell­ten Klein­fa­mi­lie groß wer­den zu las­sen. Außer­dem war es nicht erstre­bens­wert und nötig, Sexua­li­tät dau­er­haft auf ein Ein­zel­paar zu beschrän­ken. Eine über­le­bens­not­wen­di­ge gene­ti­sche Viel­falt war über wech­seln­de Sexu­al­part­ner eher gege­ben. Eben­so war eine grö­ße­re Kin­der­zahl für die ein­zel­ne Frau ris­kant. Da Frau­en zu die­sem Zeit­punkt lan­ge still­ten, beka­men sie im Abstand von ca. 4 Jah­ren Kin­der und maxi­mal ca. 4. Dass Sex zu Schwan­ger­schaft führ­te, wur­de erst am Über­gang zum Neo­li­thi­kum deut­lich, als die Men­schen sess­haft wur­den und Män­ner began­nen, Tie­re zu züch­ten. Die Vater­schaft hat­te also kei­ne Bedeu­tung. Gleich­wohl hat­ten Kin­der viel Kon­takt zu Män­nern und Män­ner viel Kon­takt zu den ihnen bluts­ver­wand­ten Kin­dern.

Die „Liebe“ hält Einzug im Patriarchat

Lie­be ist also ein Begriff und Kon­strukt, das in die­ser iso­lier­ten Form erst zu einem viel spä­te­ren Zeit­punkt der Mensch­heits­ge­schich­te Ein­zug hielt. Erst mit Beginn des Patri­ar­chats wur­de es not­wen­dig, Lie­be als etwas hei­li­ges, erstre­bens­wer­tes zu eta­blie­ren. Beson­ders prä­sent ist die­ser Begriff wie gesagt in der Bibel. Aber auch ande­re theo­lo­gi­sche Ideo­lo­gi­en hal­ten die Lie­be hoch.

Lie­be als iso­lier­ter und über­höh­ter Wert und Begriff wird erst not­wen­dig durch die Ver­ein­ze­lung des Men­schen. Dabei wird Lie­be gleich­zei­tig benutzt, um patri­ar­cha­le Mus­ter des Zusam­men­le­bens ideo­lo­gisch fest­zu­zur­ren. In der Erar­bei­tung der Inhal­te die­ses Tex­tes sag­te Kirs­ten Arm­brus­ter: „Lie­be ist die Dro­ge des Patri­ar­chats.“

Das Ideal des lebenslangen Paars und der Kleinfamilie

Das theo­lo­gisch gefor­der­te, mög­lichst lebens­lan­ge Paar („bis dass der Tod Euch schei­det“), in dem der Vater die Füh­rungs­rol­le inne hat und in dem Sexua­li­tät streng regle­men­tiert und tabui­siert wird, tritt an die Stel­le der mut­ter­zen­trier­ten Groß-Sip­pe. Damit ist für den Mann u.a. auch eine Kon­trol­le über die Sexua­li­tät sei­ner Frau gege­ben, damit sie ihm nur sei­ne Kin­der „schenkt“. Eine bibli­sche Vor­schrift ist unter ande­rem: „Seid frucht­bar und meh­ret Euch“. War­um? Zahl­rei­che v.a. männ­li­che Nach­kom­men sichern väter­li­chen Macht­er­halt. Daher bekom­men Frau­en im Patri­ar­chat oft viel mehr Kin­der als ihr Kör­per stem­men kann und ihr Kör­per wird auf die Funk­ti­on als frucht­ba­res Gefäß redu­ziert. Daher auch ist Ver­hü­tung oder gar Abtrei­bung nach wie vor theo­lo­gisch ver­pönt. An die Stel­le der fema­le choice, tritt eine män­ner­do­mi­nier­te Sexua­li­tät, die all­zei­ti­ge Ver­füg­bar­keit über den Frau­en­kör­per ver­langt. Gleich­zei­tig ist die Ver­sor­gung des Nach­wuch­ses wirt­schaft­lich und kräf­te­mä­ßig immer über­for­dernd, weil das Lebens­kon­zept der Klein­fa­mi­lie defi­zi­tär ist. Das bekom­men wie­der­um ins­be­son­de­re die Müt­ter zu spü­ren, die – iso­liert von fami­liä­rer oder gesell­schaft­li­cher Unter­stüt­zung – das Pro­jekt Fami­lie und Care-Arbeit größ­ten­teils allein zu stem­men haben. Dane­ben wird dem (Liebes-)Paar viel zu viel auf­ge­bür­det. Mög­lichst alle mensch­li­chen Bedürf­nis­se der Ver­bun­den­heit sol­len lebens­lang von einem ein­zi­gen Part­ner in Form der gro­ßen Lie­be erfüllt wer­den. Das ist nicht leist­bar. Wenn das deut­lich wird und zum Bei­spiel eine Tren­nung droht, wird das mit Schuld bela­den und als per­sön­li­ches Schei­tern emp­fun­den.

Im Patriarchat sind menschliche Grundbedürfnisse nicht mehr ausreichend erfüllt

Lebens­not­wen­di­ge mensch­li­che Grund­be­dürf­nis­se in den Begriff Lie­be zu ver­pa­cken, wird also erst wich­tig zu einem Zeit­punkt, an dem die mensch­li­chen Grund­be­dürf­nis­se nicht mehr aus­rei­chend erfüllt sind.

Theo­lo­gi­sche Ideo­lo­gi­en tun viel dazu, dass Lie­be als etwas hei­li­ges und gro­ßes ver­mit­telt wird. Gleich­zei­tig ist die Erfül­lung des Lie­bes­wun­sches aber immer an Bedin­gun­gen geknüpft, die den Men­schen in sei­ner Ent­fal­tung beschnei­den und die Erfül­lung des Wun­sches immer wie­der in die Uner­reich­bar­keit ver­schie­ben. Gern wird die Erfül­lung und Erlö­sung sogar ins Jen­seits ver­la­gert. Dadurch wird der Mensch lenk­bar. Er wird auf Glau­be, Hoff­nung und Lie­be ver­trös­tet, statt ihm im Jetzt rea­le und greif­ba­re opti­ma­le Bedin­gun­gen zu erlau­ben und zu ermög­li­chen. Das Jetzt darf gars­tig und leid­voll sein, wenn im Jen­seits die Erlö­sung war­tet. Der Mensch rennt also sein Leben lang hin­ter der Möh­re der Lie­be her, aber erreicht sie nie wirk­lich und schon gar nicht dau­er­haft. Für sei­ne Ver­feh­lun­gen, die durch unzu­rei­chend erfüll­te Bedürf­nis­se ent­ste­hen (z.B. sexu­ell), muss er dann wie­der büßen.

Der Mensch wird über „Glaube, Hoffnung und Liebe“ lenkbar

Auf der Suche nach der gro­ßen Lie­be lan­den Men­schen in destruk­ti­ven Bezie­hun­gen, las­sen sich ihren Ver­stand ein­lul­len, füh­ren im Namen der gött­li­chen Lie­be Krie­ge, hal­ten über Jah­re längst tote Ver­bin­dun­gen auf­recht, opfern sich auf, ver­aus­ga­ben sich, ver­ra­ten sich. Natür­lich wer­den auch sehr posi­ti­ve und krea­ti­ve Leis­tun­gen im Namen der Lie­be erbracht. Aber es liegt in der Natur des Men­schen, krea­tiv und schöp­fe­risch zu sein, mit­füh­lend zu sein, sich um ande­re zu küm­mern und zu koope­rie­ren. Dazu braucht es den Begriff der Lie­be nicht. Eine Vor­schrift der „Nächs­ten­lie­be“ wird erst not­wen­dig zu einem Zeit­punkt, an dem der Mensch sei­ne natür­li­che Empa­thie wegen ungüns­ti­ger Bedin­gun­gen beschrän­ken muss­te und nun die Erfül­lung sei­ner Bedürf­nis­se gewalt­sam erkämp­fen muss.

Die „heilige Liebe“ entzaubern heißt, ehrlich Bedürfnisse zu benennen

Wenn Men­schen sich ent­schei­den, eine Zeit ihres Lebens gemein­sam zu ver­brin­gen, sich gegen­sei­tig zu unter­stüt­zen und gemein­sam für Kin­der zu sor­gen, ist dage­gen in mei­nen Augen nichts ein­zu­wen­den. Unser patri­ar­cha­les Gesell­schafts­sys­tem erzwingt das ja gera­de­zu. Aber es soll­te dann auch ein­fach so benannt wer­den, wie es ist: Man mag sich, man braucht sich, man ent­schei­det sich für­ein­an­der, man schließt einen Ver­trag, man spart Steu­ern. Dazu braucht es kei­nen Begriff der „hei­li­gen Lie­be“. Ähn­li­ches gilt dafür, wenn Men­schen sich für einen exklu­si­ven Sexu­al­part­ner ent­schei­den. Es ist aber eben­so wenig ver­werf­lich, wenn Men­schen ihre Sexua­li­tät mit meh­re­ren Part­nern offen aus­le­ben oder ihre Kin­der allein oder in ande­ren koope­ra­ti­ven Lebens­kon­zep­ten groß wer­den las­sen.

Die Natur ist viel­fäl­tig. Sie braucht kein Dog­ma der Lie­be. Im Gegen­teil glau­be ich, wenn wir das Dog­ma der Lie­be los­las­sen ler­nen und offener/​ehrlicher über unse­re ech­ten Bedürf­nis­se spre­chen und für die­se ein­tre­ten, geht es allen bes­ser. Was wir als Lie­be gelernt haben, ist ein Ersatz­kon­strukt für mensch­li­che Bedürf­nis­se. Nicht mehr und nicht weni­ger.