Prostitution ist nicht Female Choice

Mein Standpunkt zu Prostitution und „Sexarbeit“ aus der Perspektive der Interdisziplinären Patriarchatskritikforschung

Rona Duwe

Vulvaritzzeichnung Abri la Ferrassie
Vul­va­ritz­zeich­nung aus Abri la Fer­ras­sie | Bild: Wiki­me­dia Com­mons, Sém­hur /​CC BY-SA

Ich habe gro­ßes Inter­es­se dar­an, das Patri­ar­chat in sei­nen Ver­flech­tun­gen zu durch­schau­en und die Erkennt­nis­se der Inter­dis­zi­pli­nä­ren Patri­ar­chats­kri­tik­for­schung in ver­ständ­li­cher Form breit zu streu­en, weil ich der Über­zeu­gung bin, dass das Patri­ar­chat unse­re Lebens­grund­la­gen zer­stört: sowohl see­lisch beim ein­zel­nen Men­schen, als auch mate­ri­ell, als auch gesamt­ge­sell­schaft­lich, als auch poli­tisch, als auch öko­lo­gisch. Wir alle sind patri­ar­chal sozia­li­siert. Daher emp­fin­den wir oft etwas als nor­mal, natür­lich oder selbst­be­stimmt und frei, was es in Wahr­heit gar nicht ist.

Ein zentrales Ziel patriarchaler Machtübernahme, Instrumentalisierung und Zerstörung ist die freie weibliche Sexualität

Patri­ar­chat heißt Vater­herr­schaft. Die­se Form der gewalt­tä­ti­gen, hier­ar­chi­schen Herr­schaft exis­tiert nur einen Wim­pern­schlag unse­rer Gesamt­exis­tenz auf die­sem Pla­ne­ten, näm­lich ca. 6.500 Jah­re. Die­se weni­gen tau­send Jah­re haben gereicht, uns und unse­re Erde an den Rand unse­rer Zer­stö­rung und Aus­lö­schung zu füh­ren. Das Patri­ar­chat fußt in der Erkennt­nis und – wie ich es nen­ne – Erfin­dung von Vater­schaft im Rah­men der Vieh­zucht und dar­aus fol­gend in einer maß­lo­sen Über­schät­zung der männ­li­chen Rol­le bei der Fort­pflan­zung. Um den Vater als zen­tra­len Herr­scher und Schöp­fer zu instal­lie­ren, wur­de die ursprüng­li­che natur­ver­bun­de­ne und über vie­le tau­sen­de von Jah­ren ver­ehr­te Mut­ter­gott­heit mytho­lo­gisch ent­thront und ermor­det und/​oder theo­lo­gisch über­schrie­ben. Ursprüng­li­che müt­ter­li­che Sym­bo­le wur­den väter­lich adap­tiert und ent­frem­det. Die schlich­te und für jeden erfahr­ba­re Tat­sa­che, dass das Leben durch eine Mut­ter und einen Mut­ter­kör­per auf die Welt kommt, wur­de durch einen Glau­ben über­schrie­ben, dass der Gott Vater Schöp­fer und Lebens­brin­ger sei. Die­ser Glau­be ist eine Ideo­lo­gie. Er ist nicht real erfahr­bar. Daher muss die­se Ideo­lo­gie mit Gewalt geschützt und infil­triert wer­den und darf nicht hin­ter­fragt wer­den. Natür­lich ist das hier nur ein Kurz­ab­riss der Patri­ar­chats­ge­schich­te. Bei Inter­es­se an wei­te­ren Hin­ter­grün­den, ver­wei­se ich z.B. auf die Lite­ra­tur.

Das Patri­ar­chat zielt zen­tral dar­auf, die Mut­ter voll­stän­dig über­flüs­sig zu machen, weil die Mut­ter in ihrer Eigen­macht, Leben auf die Welt zu brin­gen, die Macht des Patri­ar­chen kon­stant in Fra­ge stellt. Ohne Frau kann bis­her kein Mann ein Kind bekom­men. Ohne Mann kann eine Frau mit nur einem Becher Sper­ma ein Kind bekom­men. Der Vater als Patri­arch braucht Kin­der – und davon mög­lichst vie­le -, um sei­ne Macht zu sichern. Um Kin­der zu bekom­men, muss er sich eine Frau sichern und über ihre Sexua­li­tät ver­fü­gen. Weil: Ein Vater kann nie 100% sicher sein, dass die Kin­der, die eine Frau gebiert sei­ne Kin­der sind. Eine Mut­ter weiß dage­gen immer, wer ihre Kin­der sind. Daher muss die Sexua­li­tät der Frau im Patri­ar­chat vom Mann kon­trol­liert wer­den.

Unsere ursprüngliche, sexuelle Biologie und Soziologie ist die Female Choice

Unse­re ursprüng­li­che, sexu­el­le Bio­lo­gie und Sozio­lo­gie ist die Fema­le Choice. Das bedeu­tet: Die Frau wählt frei, mit wem sie Sex hat, wie oft sie Sex hat und auch wie vie­le Kin­der sie bekommt (oder viel­leicht sogar gar kei­ne). Nur die Frau ver­fügt über ein Organ, das nur der sexu­el­len Lust dient – die Kli­to­ris. Die­ses Lust­or­gan ist sehr potent. Es kann der Frau vie­le Orgas­men hin­ter­ein­an­der besche­ren. Von daher: Die Natur hat der Frau die Freu­de am Sex in die Wie­ge gelegt. Und natür­lich sucht eine Frau sich – wenn sie wirk­lich die Wahl hat – mit die­ser Aus­stat­tung Men­schen als Sexu­al­part­ner, die mit ihr die­se Freu­de tei­len und ihre sexu­el­le Freu­de anre­gen. Die Kli­to­ris dient in ers­ter Linie nur der Lust der Frau und ihrer Freu­de am Sex. Eine Schwan­ger­schaft KANN durch Sex ent­ste­hen. Die Wahr­schein­lich­keit, dass die Frau schwan­ger wird, ist aber nur an weni­gen Tagen im Monat gege­ben und selbst eine befruch­te­te Eizel­le garan­tiert noch nicht, dass wirk­lich ein Kind gebo­ren wird. Inso­fern: Frau­en haben schlicht erst ein­mal von ihrer natür­li­chen Anla­ge her völ­lig zweck­frei gern Sex, weil es ihnen Spaß macht.

Gleich­zei­tig hat die sexu­ell freie und unab­hän­gi­ge Wahl der Frau bei der Wahl ihrer Sexu­al­part­ner auch Sinn für den Fort­be­stand und die Ent­wick­lung der Mensch­heit. Dass die Frau mit vie­len Män­nern Sex hat, die sie selbst frei wählt, för­dert die gene­ti­sche Viel­falt und sichert damit das Über­le­ben und die Fort­ent­wick­lung der Mensch­heit ins­ge­samt. Dass sie selbst bestimmt, wie­vie­le Kin­der sie bekommt, schützt vor Über­be­völ­ke­rung. Dass sie ursprüng­lich ein­ge­bet­tet in eine Mut­ter­sip­pe mit über die Mut­ter­li­nie bluts­ver­wand­ten Frau­en und Män­nern leb­te und Kin­der bekam, sicher­te die opti­ma­le Betreu­ung und Ver­sor­gung aller ohne Über­for­de­rung einer ver­ein­zel­ten Mut­ter in einer vater­zen­trier­ten Klein­fa­mi­lie. Dass in die­sem Lebens­zu­sam­men­hang auch der Groß­mutter als Mut­ter der Mut­ter und als Unter­stüt­ze­rin bei der sehr lan­gen Kind­heit des Men­schen eine beson­de­re Bedeu­tung zukam, hat u.a. Sarah Blaf­fer-Hrdy nach­ge­wie­sen.

Was bedeutet all das für das Thema Prostitution?

Im Patri­ar­chat ist die Sexua­li­tät und Befrie­di­gung des Man­nes zen­tral. Sehr früh schon wer­den Mäd­chen im Patri­ar­chat auf Gefäl­lig­keit und Ver­füg­bar­keit für Män­ner aus­ge­rich­tet (um nicht zu sagen zuge­rich­tet). Sich selbst zurück­zu­stel­len – vor allem das eige­ne Begeh­ren, die eige­ne Sexua­li­tät – gilt für Mäd­chen als gutes Beneh­men. Sexua­li­tät als Mäd­chen und Frau frei aus­zu­le­ben ist ver­ru­fen und lei­der sogar gefähr­lich. Mäd­chen wird ver­mit­telt, dass sie auf­pas­sen müs­sen, nicht mit den fal­schen Jun­gen und Män­nern mit­zu­ge­hen, dass sie sich vor einer Schwan­ger­schaft in Acht neh­men müs­sen und dass sie es nicht über­trei­ben sol­len. Wenn sie schwan­ger wer­den oder wenn sie ver­ge­wal­tigt wer­den, sind sie in den Augen der Gesell­schaft selbst dafür ver­ant­wort­lich – gera­de wenn sie sich sexu­ell aus­le­ben. Zugang zu einem Wis­sen über ihren Kör­per, Zugang zu Ver­hü­tung oder gar Abtrei­bung ist erschwert bis unmög­lich. Ihr Kör­per – spe­zi­ell ihre Vul­va und Vagi­na und ihre Mens­trua­ti­on – gel­ten in wei­ten Krei­sen nach wie vor als Tabu und wer­den ver­schämt tot­ge­schwie­gen bis als eklig hin­ge­stellt. Der nor­ma­le, nack­te weib­li­che Kör­per gilt als anstö­ßig – beson­ders die weib­li­che Brust – wäh­rend gleich­zei­tig eine Hyper­se­xua­li­sie­rung in Form von Porn- und Rape-Cul­tu­re in öffent­li­chen Räu­men statt­fin­det.

Die Frau hat sich also als opti­mier­ter Kör­per für den männ­li­chen, häu­fig durch Por­no gepräg­ten Blick zur Ver­fü­gung zu hal­ten. Der Mann und der Vater bestim­men über­wie­gend, was mora­lisch zuläs­sig ist. Was die Frau als poten­zi­el­le Sex­part­ne­rin darf, darf die Toch­ter zum Bei­spiel noch lan­ge nicht. Die Frau als Sex­part­ne­rin hat wie­der­um eine ande­re Ebe­ne, als die Frau, die der Mann als Lebens­part­ne­rin und Mut­ter sei­ner Kin­der wählt. Am liebs­ten hat der Mann natür­lich eine Frau, die alle drei Berei­che abdeckt, in Per­so­nal­uni­on. Aller­dings soll­te die­se Frau dann tat­säch­lich nur ihm als Besitz zur Ver­fü­gung ste­hen. Die Wahr­neh­mung der Frau als Besitz des Man­nes wird beson­ders tra­gisch sicht­bar durch Femi­zi­de nach Tren­nun­gen, die über­wie­gend von den Frau­en aus­ge­hen.

Prostitution ist eine logische Folge von Patriarchat

Pro­sti­tu­ti­on ist eine logi­sche Fol­ge von Patri­ar­chat – eine logi­sche Fol­ge der Unter­drü­ckung und Instru­men­ta­li­sie­rung der frei­en, weib­li­chen Sexua­li­tät im Sin­ne des Man­nes und Vaters. Daher ist Pro­sti­tu­ti­on auch mit­nich­ten das ältes­te Gewer­be der Welt, son­dern die Heb­am­me­rei. Pro­sti­tu­ti­on ist von Beginn an eine gewalt­sa­me Besitz­na­me von Frau­en und ihren Kör­pern.

Theo­lo­gi­sche Dog­men zwin­gen Mann und Frau in das dys­funk­tio­na­le Ide­al der Klein­fa­mi­lie, in dem idea­ler­wei­se nur das Ehe­paar Sex mit­ein­an­der hat, damit garan­tiert ist, dass die Kin­der, die die Frau gebiert, die Kin­der des Ehe­man­nes sind. Die­se Beschrän­kung der Sexua­li­tät füh­ren zum einen dazu, dass die sexu­el­le Lust der Frau frü­her oder spä­ter ein­schläft, weil ihre Ver­an­la­gung ist, dass sie eben nicht nur mit einem Mann lebens­lang Sex hat. Der Mann ist wie­der­um durch die Lust­lo­sig­keit der Frau sexu­ell frus­triert und fühlt sich berech­tigt, sei­ne sexu­el­len Gelüs­te ander­wei­tig aus­zu­le­ben – ent­we­der durch Fremd­ge­hen oder durch den Kauf eines Frau­en­kör­pers als Frei­er. Im Patri­ar­chat wird er dar­in durch den Mythos unter­stützt, es sei männ­lich, stän­dig Lust auf Sex zu haben und er habe ein Recht dar­auf, sich sexu­ell mit vie­len Frau­en aus­zu­le­ben. Die Frau wie­der­um, die sexu­ell gelang­weilt ist, wird im Patri­ar­chat gemaß­re­gelt, es sei unweib­lich, Lust auf ande­re Men­schen zu emp­fin­den und es sei mora­lisch ver­werf­lich, die­se Gelüs­te aus­zu­le­ben. Als weib­lich gilt es im Patri­ar­chat, gene­rell eher wenig Lust auf Sex zu haben, mehr Inter­es­se an Lie­be und einer fes­ten Bin­dung zu einem Mann zu haben und sich um die Kin­der zu küm­mern, weil das natür­lich sei (sie­he oben: ist es nicht).

Prostitution ist an der Befriedigung des Mannes ausgerichtet

Die Pro­sti­tu­ti­on ermög­licht über­wie­gend Män­nern als Frei­er, sich eine Frau zu kau­fen, die das tut, was IHNEN sexu­ell gefällt. Pro­sti­tu­ti­on ist zen­tral an der Sexua­li­tät und Befrie­di­gung des Man­nes aus­ge­rich­tet. Selbst Edel-Escor­ts rich­ten ihre Dienst­leis­tung selbst­ver­ständ­lich am Mann aus, der sie für ihren Dienst bezahlt. Die freie Wahl, die eine Pro­sti­tu­ier­te hat, beschränkt sich dar­auf, einen Frei­er evtl. abzu­leh­nen und der Begeg­nung einen eini­ger­ma­ßen siche­ren Rah­men zu geben. Es ist hier aber nicht die Frau, die initia­tiv den Mann wählt, um mit ihm Sex zu haben und es ist auch nicht die sexu­el­le Befrie­di­gung der Frau zen­tral in der Pro­sti­tu­ti­on, son­dern eben die sexu­el­le und oft auch emo­tio­na­le Befrie­di­gung des Man­nes. Damit tor­pe­diert Pro­sti­tu­ti­on die ech­te freie, weib­li­che, sexu­el­le Selbst­be­stim­mung, die uns als Fema­le Choice in die Wie­ge gelegt wur­de. Es mag sogar sein, dass Frau­en, die sich pro­sti­tu­ie­ren, dabei Lust emp­fin­den. Das wider­spricht aber nicht dem oben gesag­ten. Im Patri­ar­chat sind Frau­en statt­des­sen von Kind­heit an so zuge­rich­tet, dass ihnen das Lust macht, was dem Mann Lust macht. Sehr vie­le Frau­en haben daher über­haupt kei­nen Zugang zu ihrer urei­ge­nen Lust und ent­de­cken sie – wenn über­haupt – oft erst sehr spät. Das ist übri­gens auch ein Grund, war­um heu­ti­ge Bestre­bun­gen, poly­amor zu leben, oft eher dem Mann zugu­te kom­men, als der Frau. Unse­re Sozia­li­sa­ti­on im Patri­ar­chat wirft uns immer wie­der dar­auf zurück, unse­re eige­ne Lust und ihre Befrie­di­gung zurück­zu­stel­len.

Freie, weibliche Sexualität ist frei von wirtschaftlichen Zwängen

Ech­te freie, weib­li­che Sexua­li­tät in Form von Fema­le Choice ist tat­säch­lich frei und in keins­ter Wei­se von wirt­schaft­li­chen Zwän­gen bestimmt. Daher ist die ursprüng­li­che Fema­le Choice auch nicht in eine Klein­fa­mi­lie ein­ge­bet­tet und auf das Ehe­paar beschränkt. Unse­re ursprüng­li­che Sozio­lo­gie ist das Leben in einer ver­läss­li­chen, bluts­ver­wand­ten Mut­ter­sip­pe, zu der nicht-bluts­ver­wand­te Män­ner nur hin­zu­sto­ßen. Sexua­li­tät ist hier weder durch Ehe gemaß­re­gelt, in der die Frau der Besitz des Man­nes ist, noch durch kapi­ta­lis­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen, in der die Frau eine käuf­li­che Ware ist. Außer­dem ist Sexua­li­tät ursprüng­lich völ­lig los­ge­löst von einem Bewusst­sein von Fort­pflan­zung und wird daher über­wie­gend aus rei­ner Lust betrie­ben. Die freie, weib­li­che Sexua­li­tät, die – wie Gabrie­le Uhl­mann betont – unser Men­schen­recht ist, unter­liegt abso­lut kei­nem Zwang. Das ist für uns heu­te kaum vor­stell­bar und wird auch über­wie­gend nicht gelebt. Dar­über­hin­aus ist in unse­rer ursprüng­lich nicht-hier­ar­chi­schen matrif­o­ka­len (mut­ter­zen­trier­ten) Lebens­wei­se Gewalt so gut wie nicht exis­tent, weil nicht nötig. Gewalt gegen Frau­en wird durch die mit der Frau bluts­ver­wand­ten Sip­pe ver­hin­dert. Das Über­le­ben wird über­wie­gend über Koope­ra­ti­on und Empa­thie gesi­chert. Hät­ten wir uns den über­wie­gen­den Teil unse­rer Exis­tenz so bekriegt und Frau­en so ernied­ri­gend behan­delt wie wir das seit 6.500 Jah­ren tun, wären wir schon lan­ge nicht mehr hier.

Daher kön­nen wir das Patri­ar­chat nur erfolg­reich bekämp­fen, wenn wir mit all unse­ren Kräf­ten das Bewusst­sein bekämp­fen, Frau­en sei­en Besitz und/​oder ver­füg­ba­re Ware. Das Patri­ar­chat bekämp­fen wir nur, wenn wir Frau­en und Müt­ter und ihre ech­te, sexu­el­le Selbst­be­stim­mung – frei von jeg­li­chem wirt­schaft­li­chen, gesell­schaft­li­chen und mora­li­schen Zwang – wie­der in die Mit­te der Gesell­schaft stel­len.